Auflauf im Wahllokal /

Auflauf im Wahllokal

Am Sonntag, den 24.11.02, war in Österreich Nationalratswahl. Als sehbehinderter bzw. blinder Bürger macht man sich bezüglich der Vorgangsweise schon rechtzeitig Gedanken - über das Vorhandensein von Wahlschablonen, wie findet man das Wahllokal und vieles mehr.

Wie wählt also ein Blinder, der allein unterwegs ist, keine Vertrauensperson auftreibt? Durch mein heutiges Erlebnis erfahren Sie so ziemlich alles, was Sie wissen möchten.

Edi und ich, mein Mann ist schwerst sehbehindert und ich fast blind, machten uns mit den Wahlkarten, einem länglichen Pappendeckel und einem Monokular (eine segensreiche Sehhilfe für 16-fache Vergrößerung) auf den Weg ins Wahllokal. Wo genau es sich befindet, wußten wir nicht. An der ersten Hausnummer, die wir mit dem Monokular erspähten, wußten wir, auf welcher Straßenseite das Lokal zu suchen ist. Da an solchen Tagen mehr Fußgänger unterwegs sind als sonst, - schließlich ist es ein Urnengang und keine Urnenfahrt - konnten wir uns auch danach richten. Wir kamen schließlich dort an, wo die Leute ein- und ausgingen. Edi überzeugte sich sicherheitshalber per Monokular noch von der Richtigkeit; eine Passantin bot uns ihre Hilfe an und wies uns im Lokal die richtige Richtung. An der Zimmertür sah Edi (in Nasenhöhe) noch die Wahlsprengelnummer; wir waren also da. Wahlkarten und Ausweise waren schnell zur Hand, überprüft und dann kam die Frage: "Brauchen Sie eine Wahlschablone?" Ich brauchte, Edi nicht. Meine Frage: "Haben Sie mehrere, damit ich meine nach Hause mitnehmen kann?" wurde mit "nein, es gibt nur diese eine" beantwortet. Darauf folgte meine Erklärung: "Für jeden blinden Wähler muß eine weitere Schablone bereit liegen, da durch das Ankreuzen mit dem Schreibwerkzeug auf der Unterseite der Schablone, in die der Stimmzettel eingelegt wird, ein Abdruck entstehen kann, und so eine geheime Wahl nicht mehr gewährleistet ist." Die Schablone ist ein zusammengefalteter Pappendeckel, dessen Unterseite glatt, die Oberseite aber mit Kästchenaussparungen versehen ist. "Das haben wir noch nie gehört und auch nicht bedacht. Es gibt nur diese Eine." Aus guter Informationsquelle weiß ich aber, daß der eine oder andere Wahlhelfer sehr wohl Kenntnis davon hat.

Ich ließ mir also den Stimmzettel in die Schablone einlegen und nach der Information, daß ich die Listenreihenfolge weiß, begaben wir uns in die Geheimniskammer, und dort fing der Auflauf an. Erstens gab es nur eine Kabine, und es bildete sich ein Stau. Zweitens wußten wir nicht, daß der Stimmzettel waagrecht hineingelegt werden muß. Durch das Umherdrehen verschob sich der Zettel wieder, so brauchte ich doch Edis Hilfe, der selber mit der Nase am Papier liest. Drittens hatte die Schablone zwei waagrechte und eine Menge senkrecht angeordnete Kästchenreihen. Die Schablone verfügte über keinerlei Braillebeschriftung. Was ist nun was? Ich konstatierte, daß die senkrechten Reihen zum Ankreuzen der Vorzugsstimmen bestimmt sind; von diesen konnte ich nicht Gebrauch machen, da ich die Reihenfolge nicht wußte. Edi versuchte nun, den Stimmzettel wieder richtig einzulegen, was aber mißlang, da die Kästchen auf der Schablone viel zu klein waren; man konnte die Kreise nicht mehr richtig sehen. Man kam uns zu Hilfe und legte den Zettel wieder richtig ein. Erneut in der Kabine, holte ich meinen mitgebrachten Pappendeckel hervor - gebranntes Kind ... - beim Einlegen dessen zwischen Stimmzettel und unteren Schablonenteil mußte ich nun doppelt aufpassen, daß nichts mehr verrutschte. Und so geschah's, und ich gab geheim meine Stimme ab. Doch halt! Es stellte sich noch etwas heraus: nämlich, beim Ankreuzen in diesem sooo kleinen Kästchen, berührte ich mit dem Schreibstift unweigerlich den Rand, und so war auf der Schablone wieder zu erkennen, was ich wählte. Doch Not macht erfinderisch; ich bekritzelte mehrere Kästchenränder.

Beim Einwerfen in die Urne waren meine Finger in Gefahr, da eine Saugvorrichtung die Kuverts hineinzog, während ich noch den Kasten genauer erkunden wollte.

Auf dem Heimweg betrachteten wir dann meinen mitgebrachten Pappendeckel und mußten feststellen, daß sich darauf ein sicht- und spürbarer Abdruck befand.

Für die nächste Wahl, in Graz in neun Wochen, ist Handlungsbedarf gegeben und Aufklärung angesagt.

Anna Nussthaler

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© 2002 by Anna Nussthaler, Graz
Erstellt am Fr, 29.11.02, 23:57:19 Uhr.
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