Im Baumarkt /

Im Baumarkt

Seit Jahren suche ich einen passenden Liegestuhl für meinen Balkon. Da ich so meine Vorstellungen habe, war mir bis jetzt noch keiner recht. Einer, der so beschaffen ist, wie ich ihn mag, muß wahrscheinlich erst konstruiert werden. Alle Werbeblätter, die so ins Haus geflattert kamen, habe ich, mit Vergrößerungslesegerät, durchgeackert, besuchte verschiedene Geschäfte, alles war umsonst.

In letzter Zeit beschädigte ich auch noch meine Wc-säule - Aufbewahrungsort für Papier, Pinsel und Reinigungsmittel - und muß daher so ein Stück auch wieder beschaffen. In einem bestimmten Baumarkt, dessen Werbeblatt ich auch durchsah, in welchem auch Liegestühle abgebildet waren, müßte es auch Sanitärwaren und daher auch Wc-säulen geben.

Mein Göttergatte, selbst stark sehbehindert, holte mich von der Arbeit ab, und wir machten uns auf den Weg. Ausgerüstet mit einem Monokular, welches 16fach vergrößert, fuhren wir ohne sehende Hilfe mit der Bim zwei Stationen. Wir überquerten zwei Fahrbahnen, welche mit akkustischen Signalgebern ausgerüstet sind und wendeten uns Richtung süden. Wir waren bereits einmal dort, allerdings mit Auto und daher Begleitperson. So wußten wir ungefähr, aber nicht genau, den Standort des Marktes. Bei einer Querstraße angekommen, wollten wir deren Namen erspähen, welcher aber nicht auffindbar war. Ein Gebäude, das nach Großraumverkauf aussah, wurde nach Aufschrift untersucht, nach längerem Navigieren mit dem Monokular fand Edi die Schrift, und wir wußten, daß wir falsch waren. Wir suchten weiter und kamen auf ein Industriegelände, das auch wie ein Großmarkt wirkte. Die Geräusche dort waren aber völlig anders und eine Tafel in Augenhöhe mahnte uns, daß das Betreten verboten sei. Na, denke ich mir, das kommt mir gerade recht, denn wenn uns jemand verjagen will, der ist schon eingeteilt. Tatsächlich hörte ich Geräusche von Staplern oder Materialwagerln. Eine Frau tauchte auf und auf die Frage nach dem Baumarkt erklärte sie uns den Weg zum Nachbargrundstück.

Wir verließen die Industrieanlage, suchten den Weg zur nächsten und fanden wieder einmal keinen Eingang. Es kam uns wieder eine Frau, wie auch vorher sehr nett, zu Hilfe und zeigte uns den Eingang.

Na endlich, da waren wir also. Wir beschlossen, den ganzen Verkaufsraum einmal zu durchwandern, um festzustellen, wo in etwa was sein könnte. Die Kasse - sehr wichtig - hörten wir klingeln. Plötzlich standen wir in der Sanitärabteilung, schauten und tasteten herum, aber das, was wir suchten, fanden wir nicht. Edi trieb einen Verkäufer, bzw. Berater auf, und wir gaben unsere Wünsche bekannt. Der Erfolg war gleich null, so was führten sie nicht. Ein Gutes hatte er aber, er wies uns in die Gartenabteilung. Dort angekommen, wurde auch einmal allerhand begutachtet, was so herum stand, ich aber nicht haben wollte. Dann war der nächste Verkäufer zur Stelle und zeigte uns auch Stühle, die wir vorher nicht fanden. Wir probierten sie auch aus. Ich hatte Angst, daß diese unser Gewicht nicht aushalten würden, da wir etwas bullig sind. Schließlich entschieden wir uns für ein Stück, das zwar nicht ganz das war, was ich wollte, dem aber noch am ehesten ähnlich war. Bei der Farbe des Polsters ließ ich Edi entscheiden, da ich farbenblind bin. Der Verkäufer, der viel Geduld mit mir hatte, ging mit uns noch zur Kasse. Die Kassierin konnte mit uns weniger anfangen, obwohl wir ordnungsgemäß mit Blindenfahne - gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten - und Stock gekennzeichnet waren. Sie meinte, wir könnten schon zahlen, wir wußten aber nicht, daß sie uns meinte, da noch andere Personen dort standen. Der Augenkontakt, den sie wahrscheinlich anwendete, funktionierte eben bei uns nicht.

Nun war das auch erledigt, und es ging Richtung nach Hause. Es ist nicht so einfach, ohne Auto die Sachen heimzubefördern. Es hört sich leicht an, aber der Aufwand an Kraft, Energie und Zeit ist enorm. Ich trug meine Handtasche quer über den Körper umgehängt, um ein entgleiten zu verhindern. In der rechten Hand war mein Stock und in der linken trug ich den zusammengelegten Polster. Daß ich nicht damit den Boden kehrte, nahm ich ihn unter den Arm. Also hatte ich keine Hand mehr frei für die Bim und zum Anhalten. Edi trug einen Rucksack, und den sperrig verpackten Liegestuhl nahm er in die Hand. Damit er ihm nicht entglitt, bohrte er Löcher in die Verpackung, und so machten wir uns auf den Weg zur Straßenbahn. Es war nicht weit und mit etwas längeren Schritten ergatterten wir gerade eine Einfahrende. Schon nach einer Station stiegen wir aus, überquerten zwei Straßen, und da kam der Bus, der vor uns grün hatte und uns prompt davonfuhr. Es war heiß, wir schwitzten wie die Zugpferde, und jetzt mußten wir auch noch auf den nächsten Bus warten. Das hatte auch zur Folge, daß es beim Aussteigen auch noch zu regnen begann. Ein Fußweg von ca. fünf Minuten war noch zu bewältigen, und dann war es vollbracht. Ein Autofahrer fährt bis zur Haustür, lädt aus und transportiert das Gekaufte nur noch die paar Stufen hinauf. - Wir waren so fix und fertig, daß wir uns anschließend eine große Schokolade genehmigten.

Wenn wir außergewöhnliche Sachen kaufen müssen, muß immer so ein Aufwand getrieben werden. So weit, so gut, nicht jeder hat sie, die Energie, wir haben sie Gott sei Dank, und mit sehr wenig Sehrest ist es schon viel leichter wie mit der völligen Dunkelheit.

Anna Nussthaler

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© 2003 by Anna Nussthaler, Graz
Erstellt am Mi, 23.07.03, 10:47:19 Uhr.
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