Blindenbildung - Übersicht / 200 Jahre Blindenbildung Teil 1 /

200 Jahre Blindenbildung im deutschsprachigen Raum

Beschreibung eines gelungenen Versuches
blinde Kinder zur bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden
(Teil 1)

(Dies ist eine Abschrift, in der die Rechtschreibung aktualisiert wurde. Sie ist daher im strengen Sinne nicht zitierfähig!)

Titelblatt:
Beschreibung eines gelungenen Versuches
blinde Kinder
zur bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden
von Johann Wilhelm Klein
Direktor des k. k. Blinden-Institutes in Wien
4. Auflage mit einem doppelten Anhange.
Wien, 1822 bei dem Verfasser im k. k. Blinden-Institut

Vorrede

Die im Jahr 1805 in der ersten Auflage erschienene Beschreibung eines gelungenen Versuches, blinde Kinder zur bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden, enthält die erste Probe meiner Unternehmung zur Erziehung und Unterweisung blinder Kinder. Die der gegenwärtigen neuen Auflage dieser kleinen Schrift angehängte Nachricht von der Erziehungs- und Bildungsanstalt für blinde Kinder in Wien, liefert den deutlichsten Beweis von dem glücklichen Fortgange, welchen die Sache durch die Teilnahme der hohen Staatsverwaltung und des wohltätigen Publikum gehabt hat. In einem weiteren Anhang: Das Haus der Blinden, oder Vorschlag zu einer Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für Blinde, wünsche ich alle Menschenfreunde auf eine Einrichtung aufmerksam zu machen, welche ich von jeher zum Besten dieser Unglücklichen für unentbehrlich gehalten habe, und ohne welche die Erziehungs- und Bildungsanstalt ihren Zweck niemals vollkommen erreichen kann. Der segenreiche Erfolg meines bisherigen Bestrebens, den armen Blinden ihr Schicksal zu erleichtern, lässt mich mit Zuversicht hoffen, auch noch die Errichtung eines solchen angemessenen, bleibenden Aufenthaltsortes für die erwachsenen Blinden, wodurch die für diese unsere unglücklichen Mitbrüder erforderlichen Anstalten erst vollständig werden, zu erleben, und die Erfüllung dieses sehnlichen Wunsches werde ich als die schönste Belohnung von der gütigen Vorsehung betrachten.

Unter Allen, welche körperliche Fehler haben, erscheinen die Blinden als die Unglücklichsten und Hilfsbedürftigsten. Des edelsten Sinnes beraubt, welcher unentbehrlich ist, die gewöhnlichen Geschäfte zu treiben und selben nachzugehen, fühlen solche Blinde, denen es nicht an Lebensmitteln gebricht, wenigstens das Unangenehme der Geschäftlosigkeit und der Langeweile, die unvermöglichen Blinden aber betrachtet man gewöhnlich als geborne Bettler, wovon jeder noch eine ihm zum Führer dienende Person der Arbeit entziehet.

Gleichwohl hat es in ältern und neuern Zeiten unter den Blinden hervorstechende Talente gegeben, welche den Beobachter aufmerksam machen mussten, und dahin leiten konnten, die aus der Natur des Übels selbst entstehende innere Sammlung, den Mangel an Zerstreuung, und die durch stärkere Übung entstehende größere Schärfe der übrigen Sinne, zur Verminderung des Übels und zur Bildung für bürgerliche Brauchbarkeit zu benützen.

Diese Betrachtungen, erzeugten in mir den Wunsch, auf diesem Wege Etwas zum allgemeinen Besten beizutragen, und aufgemuntert durch die Teilnahme, welche das Publikum gleich bei dem ersten Antrage wegen einem Blinden- Institute gezeigt hat, wagte ich es, einen werktätigen Versuch zu machen, von dessen glücklichem Erfolge ich hier Rechenschaft geben will.

Im Mai 1804 habe ich einen damals 9-jährigen Knaben zu mir genommen, welcher das Unglück hatte, als Kind von 3 Jahren durch die Blattern blind zu werden, so dass beide Augen völlig ausgeronnen sind, mithin an Wiedererlangung des Gesichtes nicht mehr zu denken war. Dieser Knabe, Jacob Braun, der Sohn eines Zimmermeisters in Bruck an der Leitha, verriet von der ersten Jugend an viel Wissbegierde und leichte Fassungskraft, deswegen wurde mir derselbe zu Ausführung meines Versuches, blinde Kinder bürgerlich brauchbar zu machen, von einigen Menschenfreunden empfohlen.

Anfänglich hatte ich einige Mühe, seine Neigung zur Untätigkeit, welche sich mit Blindheit so leicht verbindet, zu überwinden, denn er konnte stundenlang auf einem Flecke sitzen, ohne sich kaum zu rühren. Später als diese Untätigkeit, legte er einen gewissen Grad von Eigensinn, und ein steifes Beharren auf vorgefassten Meinungen und angenommenen Gewohnheiten ab, wobei ich aber auch vieles, wenigstens was körperliche Gegenstände betrifft, auf Rechnung seines Übels schrieb, da ein Blinder weniger Mittel hat, falsche Ideen zu berichtigen und neue zu erhalten, mithin das einmal gefasste desto fester hält. Den größten Ersatz für den abgängigen Gesichtssinn hoffte ich von einem desto feineren Gefühle; aber in dieser Rücksicht ist mein Wunsch erst später erfüllt worden. So lange der Knabe in dem väterlichen Hause war, beschäftigte er sich aus Wissbegierde und aus Mangel an anderer Unterhaltung, mit den ihm zunächst liegenden Gegenständen, diese waren grobes Holzwerk und schwere Zimmerwerkzeuge; dadurch hat er sich an große Formen und an schweres Heben und starkes Angreifen gewöhnt, so dass er eben dadurch noch lange nachher gehindert wurde, ganz feine Sachen durchs Befühlen mit den Händen zu unterscheiden.

In Rücksicht des Unterrichtes hatte ich mir einen doppelten Zweck vorgesetzt: Teils wollte ich diesen Knaben neben der moralischen Bildung dahin bringen, dass er durch Erlernung einiger seinem Übel angemessenen mechanischen Arbeiten, seinen künftigen Unterhalt sich selbst erwerben könne; teils wollte ich, wenn seine erwarteten Fähigkeiten sich erproben würden, auch in andern Kenntnissen und Übungen, wenn sie auch, seinen Umständen nach, nicht unmittelbar für ihn gehören, Versuche mit ihm machen, um zu erfahren, wie weit es darin mit blinden Kindern aus höhern Ständen und von bessern Vermögensumständen, zu bringen sehe. Da der Knabe noch gar keinen Unterricht genossen, mithin von allem, was ihm jetzt gelehrt werden sollte, keinen Begriff hatte, so musste ich neben dem Eigentümlichen, welches der Unterricht seiner Blindheit wegen forderte, überall bei den ersten und einfachsten Ideen und Handgriffen anfangen und das folgende mehr Zusammengesetzte so an einander reihen, dass er das Ganze nach und nach unter seinen Händen gleichsam von selbst entstehen fühlte. So oft ich von diesem Hauptgrundsatze alles Unterrichtes abwich, oder Wenn ich seiner Lebhaftigkeit erlaubte, von einer frühern Idee oder Handgriff zu spätern überzugehen, ehe er das Vorhergegangene durch gehörige Übung sich eigen gemacht hatte, erfolgte eine Verwirrung der Ideen oder verkehrte Handgriffe, deren Berichtigung nachher bei seiner obgedachten Beharrlichkeit auf dem Wege, den er bei einer Sache einmal gegangen, desto schwerer wurde.

Zuerst gab ich ihm verschiedene Figuren, nach Regelmäßigkeit und Größe absteigend verschieden, in die Hände, um ihm so viel möglich klare Begriffe von körperlichen Gegenständen zu verschaffen. Von ganz großen Dingen, Häusern, Schiffen, half ich durch Modelle, und bei andern, zum Beispiel: Bäumen, großen Tieren, durch Vergleichung mit kleinern und Beschreibung des Unterschiedes.

Aus: BBInfo 1/2003
Weitere ausgewählte Beiträge aus dieser Zeitschrift finden Sie im BBInfo Archiv auf der Homepage des Bundes-Blindenerziehungsinstitutes, Wien.

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Erstellt am Do, 16.10.03, 10:47:19 Uhr.
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