Demo in Bremen /

Demo in Bremen!

Anfang Juni 2001 wurde vom Blindenbund zu einer Demonstration in Bremen aufgerufen. Alles was laufen kann, mobil, sehbehindert oder blind ist, sollte sich am 9. Juni um 11.15 Uhr in Bremen treffen. In Bremen sollte das Blindengeld für Neuerblindete gestrichen, bzw. Einkommensabhängig gemacht werden. Es war nicht nur Solidarität, die uns vereinte, sondern auch die Angst, dass Bremen als Vorreiter Schule macht und wir um unser Blindengeld fürchten mußten.

Für Vollsehende und Außenstehende mag das Blindengeld als nettes, aber ungerechtes Trostpflaster erscheinen, denn weder die Gehörlosen, noch die Rollifahrer haben so etwas, aber dem Blinden ermöglicht es einen gewissen Grad an Selbstständigkeit, der sonst nicht gewährleistet ist. Früher lebte man in seinem Klan und irgendeiner kam und kümmerte sich, aber heute ist das anders. Man braucht jemanden zum vorlesen. Nicht alles ist mit dem Lesegerät erfaßbar. Einkaufshilfe, Taxi, Putzhilfe.... Zeit ist Geld, besonders andererleuts Zeit .....

Unsere Bezirksgruppe wollte an besagtem Samstag um 5 Uhr in der Früh mit einem gecharterten Bus starten, um rechtzeitig am Weserstadion zu sein. Der Gedanke mich zu dieser Unzeit aus dem Bett zu hebeln und völlig verknüllt in Bremen anzukommen, schreckte mich. Meine Alternative schien mir viel angenehmer. Ich knüpfte an meine Kontakte zu dem Christlichen Hamburger Blindendienst an und verabredete mich für Freitag zum Kaffeeklatsch. Es war ein Hallo und Umarmen, so richtig herzlich.

Am Samstag trafen wir uns um 9 Uhr am Hauptbahnhof. Der CBD kennzeichnete seine Leute mit Leinentaschen mit dem Emblem des Dienstes und ich kam mir ein bißchen vor wie ein Pferd mit Hafersack. Unsere Gruppe enterte den FC Skt. Pauli-Bus. Mit Piratenflagge, Herz und Anker gekennzeichnet ging es los. In meiner Ecke stank es unangenehm. Ich verdächtigte meine Nachbarn und trug es mit Fassung.

Bei einer Rast ließ ich eine Bemerkung zu den Teenies hinter mir los. Die Blonde erklärte, daß jemand "Hundekuchen" mit in den Bus gebracht habe. Ich fand es ziemlich übel, dieses stinkende Futter, und wunderte mich, daß ich weit und breit keinen Hund sah. Als ich den Bus verließ, dämmerte mir, was das Mädel gemeint hatte. Ich war in HundeSCHEISSE getreten und hatte die Luft verpestet. ICH!! Ich hatte den FC Skt. Pauli-Bus verseucht. Peinlich.

Auf der Weiterfahrt wurden die Anwesenden gecheckt und solche, die nicht mit dem Bus zurückfahren wollten, notiert. Dann gab es Anweisungen, was zu sagen sei, im Falle eines Interviews. Keinesfalls, daß wir mit dem Geld Kreuzfahrten finanzieren, oder unsere Enkel mästen. Schallendes Gelächter im Bus. Dann bekamen wir Schildchen, damit man uns schon von weitem ansieht wohin wir gehören. Die Begleiterin ging mit einer Schnarre durch den Gang, um das Erkennungsgeräusch zu demonstrieren. Die Spannung stieg.

In Bremen angekommen, konnten wir den für stark gehbehinderte Teilnehmer vorgesehenen Parkplatz nicht anfahren. Einige Straßen weiter mußten wir den Bus verlassen. Dort standen wir und einige setzten sich auf die mitgebrachten Campingstühle. Die Gruppenleiter berieten sich und als es hieß, in was für eine Richtung wir nun gehen sollten, zeigten sie fast gleichzeitig in verschiedene Richtungen. Als sie sich einig waren, zog die Menschenmenge los. Bremen ist mir als Baustelle in Erinnerung. Wir liefen Slalom und hinkten am hinteren Ende hinterher. Ich hatte mich den stark Gehbehinderten zugesellt, weil ich in der Wartezeit noch ein bißchen mit Hildegard und Anne-Maria klönen wollte. Leider war der Weg für sie zum Goetheplatz zu weit und so blieben sie in einem Park zurück. Magdalene begleitete mich ein Stück, bis ich den Anschluß wieder hatte.

Großes Getümmel auf dem Goetheplatz. Die CBDler konnte ich an ihren Leinensäcken erkennen, die Pro Retinaleute hatten sich gelbe Kappen und Schals angezogen, viele hatten Schilder mit Parolen, einige packten Stullen aus und vesperten. Nun das Warten auf den Demonstrationszug. Per Megafon wurde eine Verspätung angekündigt. Wir warteten. Führhunde aller Rassen lagen platt wie Pfannekuchen auf dem Asphalt. Dann endlich Blaulicht und der Blindwurm näherte sich. Ich baute mich am Rand auf, um nach den Leuten meiner Bezirksgruppe Ausschau zu halten. Ein ziemlich irrsinniges Unterfangen, aber ich habe es trotzdem probiert. Ich sah Hanauer, Butzbacher, aber niemand von uns. Aus Hamburg hatte sich der Tandemclub angeschlossen, so richtig in Radlerhosen und mit Helm, Rollstuhlfahrer waren mit dabei und es wurde gerufen, getrötet, kurzum DEMONSTRIERT. Am Goetheplatz war Schluß. Taktisch geschickt hatte die Stadt Bremen die Strasse zur Innenstadt aufgerissen und so den Weg abgeschnitten. Ein Fahrradfestival am Bahnhof und noch etwas Musikalisches lenkte zusätzlich die Aufmerksamkeit der Bremer ab.

Ich saß an der Baustelle und war beeindruckt, daß an die 3000 Blinde und Sehbehinderte aus den verschiedensten Bundesländern gekommen waren. Der Redner, der auf der Empore des Theaters stand, schrie sich erfolglos die Lungen aus dem Hals. Die Anlage war ausgefallen und so mußte ein Übertragungswagen herangeholt werden. Er bahnte sich im Schneckentempo den Weg. Zwischendrin Reporter und Kameramänner, die einem unverhofft das Mikrofon vor die Nase hielten. Wir kannten unseren Text. Verschiedene Redner sprachen uns mehr oder weniger aus dem Herzen und wir demonstrierten Einigkeit und bezeugten Kampfgeist. Blinde sitzen nicht nur passiv in ihrer Höhle und nehmen dankbar die Krumen, die vom Tische fallen, sondern hier waren wir und zwar AKTIV.

Kurz nach 15 Uhr stand ich auf dem Bahnsteig, um Richtung Heimat zu fahren. Mehr und mehr füllte sich der Bahnsteig mit Sehbehinderten und Blinden. Stock an Stock standen wir und kauten das soeben erlebte noch einmal durch. Meine Bahnverbindungen waren furchtbar knapp kalkuliert und eigentlich nicht zu schaffen, aber ich gehöre zu den Leuten die die Hoffnung nicht aufgeben.

Der Interregio wurde immer langsamer statt schneller. Ich sah meine Hoffnungen schwinden. "Kühe auf den Gleisen"!! Potz, sowas hab ich in Hessen noch nie erlebt. Den Anschluß in Hannover konnte ich wohl knicken. Ein Stoßgebet und die Kühe mußten sich wohl getrollt haben, denn wir erreichten Hannover pünktlich. Die Menge quoll aus dem Zug, ergoß sich über Treppen und Bahnsteige, ein Stockgeklapper ohne gleichen und dann..... Der ICE hat 20 Minuten Verspätung. Seufz. Heftige Diskussionen, die letzten Brote wurden aus den Tüten geholt.... Ein Stoßgebet und der ICE kam früher.

Keine Chance auf einen Sitzplatz. Ich saß vorm Klo, weil da der Gang etwas breiter ist und klönte mit einer Leidensgenossin, die sich neben mir platzierte. Auf die Frage, ob ich wohl eine minimale Chance habe, in Kassel den IR zu bekommen, winkte der Zugbegleiter ab. Das könnten wir doch an der Leuchttafel sehen, wieviel Verspätung der Zug hat. Ein entnervtes Schnaufen meiner blinden Nachbarin schlug ihn in die Flucht. Ein Stoßgebet, denn ich wollte doch auch noch den Bus nach Watzenborn kriegen und überhaupt, warum sollte der kassler Interregio nicht warten, die haben doch eh immer Verspätung. Der wartete tatsächlich und zwar am selben Bahnsteig, sodaß wir nicht die blöden Rampen entlangrasen mußten. Wunderbar. Wir sanken in die Sitze und waren einfach nur dankbar.

Ich kam zu einer annehmbaren Zeit zu hause an und konnte mich meinen Urlaubsvorbereitungen widmen.

Nicht, daß jetzt der Eindruck entsteht, ich könnte mit Hilfe von Gebeten den Verkehr der DB regeln, dann hätte ich wohl DIE TOPSTELLUNG und wäre gefragt wie noch nie, aber ich glaube einfach daran, daß es sich lohnt nicht die Hoffnung aufzugeben. Hoffen heißt für mich "aktiv sein", mein Leben mitzugestalten und Chancen zu erkennen. Und so hoffe ich auch, daß die Demonstation in Bremen etwas gebracht hat. Es war ein Miteinander und Füreinander, das sich auf jeden Fall gelohnt hat.

Ulrike Geilfus

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© 2001 by Ulrike Geilfus
Erstellt am Fr, 13.12.02, 09:46:09 Uhr.
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