Geschichte einer Sucht /

Geschichte einer Sucht

Darf ich Sie einladen, sich folgendes Bild vorzustellen - eine gute Vorbereitung auf den Dialog im Dunkeln, in dem die Vorstellungskraft und die Phantasie aufs Höchste beansprucht werden: Ein Mann, 1,87 m groß, breitschultrig, noch jung steht in einen kleinen Raum und lauscht mit angehaltenem Atem den sich in der Dunkelheit nähernden jungen aufgeregten Kinderstimmen, er fühlt die Angst in sich hochsteigen. Angst vor der Gewissheit von allen Kindern gehasst zu werden, Fluchtgedanken steigen in ihm hoch, und auf die Frage "Warum tu ich mir das an?" findet er keine Antwort. Er zweifelt daran, sein geliebtes Weinviertel wieder zu "sehen".

Doch zu spät! Die Kinder biegen bereits um die letzte Ecke des ca. 20 m langen verschlungenen Ganges. Geführt von Mathias, dessen Stimme wie eine Wohltat klingt, der die Gruppe zuvor mit einer kleinen Einführung auf das Kommende vorbereitet und sie mit Blindenstöcken ausgerüstet hat. Mit den Worten "Ich bringe dir 8 Kinder, die schon sehr neugierig auf dich sind." Verabschiedet er sich und geht den Gang wieder zurück. Am Ende des Handlaufes, der den Gang zu mir säumt, der im Licht begann und in absoluter Dunkelheit endet, stehen wir nun! Die Frage eines kleinen Mädchens "Harald! Wo bist du?" bricht meine Angst, mein Schweigen und die Zweifel, und Wunder über Wunder, plötzlich stehen da nicht mehr 8 Kinder vor mir, die mich auffressen wollen, sondern 8 Freunde, die gekommen sind, um ein Stück meiner Welt kennenzulernen. Und ich bin bereit, ihnen das Beste zu geben, um mit Khalil Gibran zu sprechen: "Das Beste was du hast, sei für deinen Freund!".

Nun darf ich mich erst einmal vorstellen. Ich bin Harald. Und ich habe die Ehre im Dialog im Dunkeln, in dem gewaltigen Kellergewölbe des Schottenstiftes Guide sein zu dürfen. Obwohl ich jetzt schon viele Führungen gemacht habe, erinnere ich mich gern an den Anfang der oben geschilderten, die so ziemlich meine erste war.

Ich darf Sie nun im folgenden bitten, mich bei dieser Führung weiter zu begleiten.

Nachdem ich nun meine Gäste auf das Herzlichste beim Dialog im Dunkeln begrüßt habe, bitte ich sie im Laufe der Führung mit ihnen per DU sein zu dürfen, was mir immer freudig erlaubt wird. Dies schafft ein persönlicheres Verhältnis, in dem es mir gelingen kann, Vertrauen aufzubauen. Denn Vertrauen ist sowohl in dieser Führung als auch im Leben draußen ein wichtiger Faktor. Ich bitte meine Gäste, nicht aufzuzeigen, wenn sie eine Frage haben, da dies nicht gesehen werden kann. Des weiteren bitte ich sie neugierig zu sein, mich auszufragen, die Gegend zu erkunden, alles anzugreifen, und falls irgendwer das Gefühl hat, verloren gegangen zu sein, meinen Namen zu rufen, ich werde herbeieilen und ihr oder ihm helfen. Aber ich weise auch darauf hin, dass die Ausstellung (Installation) nicht wie bei einem Trauermarsch durchschritten werden soll, aber auch nicht wie eine brüllende Rinderherde, sondern in normaler Lautstärke sich unterhaltend. Dieser Hinweis ist im ersten Raum sowieso vergessen, weil das Unterbewußtsein einem ein Schnippchen schlägt. Die Besucher glauben nämlich, wenn sie schon nicht gesehen werden, müssen sie umso lauter reden. Es gelingt mir meistens, diesen Irrglauben aufzuklären. Kindergruppen sind da besonders sensibel und sind nur schwer zur Zimmerlautstärke zu mahnen. Es gibt da einen großen Raum, in dem sich zwei Gruppen nur durch einen Handlauf getrennt bewegen. Dies ist eine gute Chance gegen das Gefühl der Verlassenheit anzukämpfen und zu prüfen, ob man zu seinem Guide vertrauen hat, der einen sicher nicht verlassen hat und in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken gegangen ist.

Aber ich will nicht vorgreifen. Ich stehe mit meinen Freunden noch immer in diesem kleinen Raum, von dem ich weiß, wenn ich da keinen Ausfall habe, habe ich drinnen nur sehr selten einen. Nur wenn die Angst schon von Anfang an mitgeht und sich erst später panikhaft bemerkbar macht, ist nichts zu machen. Dem Gefühl der Angst will ich nachher einige Worte widmen.

Dieser kleine Raum ist gepolstert und lässt keine weitgreifende Akustik zu, auch ist er eng, was das Gefühl der Beengtheit noch verstärkt. Ich wiederhole noch einmal, dass es von überall aus die Möglichkeit gibt, jemanden hinauszubringen.

Ich öffne nun endlich die erste Schiebetür und bitte die oder den Ersten auf meine Stimme zuzugehen. Der Weg führt nach links und ich nehme die erste Hand, die sich mir entgegenstreckt, und lege sie auf den Handlauf und bitte die Person, den Handlauf entlangzugehen. Dies wiederholt sich acht Mal bis ich hinter der letzten Person die Schiebetür wieder schließen kann. Ich überhole rechts meine Gruppe und gehe in den ersten Raum, wo ich ermutigend und anfeuernd die Besucher, die sich zögernd den Handlauf entlangarbeiten, sich jeden Schritt vorwärtstasten, bitte, auf meine Stimme zuzukommen. Ich fühle den Stock des Ersten klappernd an meinen stoßen und gehe ein Stück zurück, um Platz zu schaffen.

Als nun alle im raum sind, in dem es schon verlockend riecht, erkläre ich meiner Gruppe, die schon etwas mutiger ist, wo wir uns befinden und dass ich sie nun auffordern und einladen will, den Raum zu erfahren, frei herumzugehen, mit dem Stock zu tasten, ob sich Hindernisse vor einem befinden, alles anzugreifen, dass es nichts grausliches oder nichts ekelerregendes hier gibt, und wenn sie sich verlaufen haben, was wegen der Begrenztheit des Raumes nicht möglich ist, nach mir zu rufen. Nach einem "Los geht's!" trete ich ein wenig zurück, um meine Gäste nicht an der Raumerforschung zu hindern.

Während die Stimmen vor mir herumwandern, wie Irrlichter, und sie sich gegenseitig auf dies und das aufmerksam machen, wandern meine Gedanken zurück, als ich meine erste Führung mitmachte. Eine Gruppe des Krankenhauses, wo ich arbeite, wollte den Dialog besuchen, und da ich schon davon gehört hatte, und ich von Natur aus neugierig bin, eine Grundvoraussetzung zum Besuch des Dialoges, kam ich natürlich mit.

Meine Überlegungen werden durch den Ruf eines Gastes "Harald! Ich glaube, ich habe mich verlaufen!" unterbrochen. Ich eile zielsicher hin und derkenne, dass er sich zwischen einem Baum und der Holzwand befindet, wo er nicht weiterkommt. Ich drehe ihn in die richtige Richtung und gehe zu meinem Beobachtugsplatz zurück. Genau so ist es mir ergangen, und ich war erstaunt, dass, obwohl ich mich durch meine starke Sehbehinderung im Vorteil befand, ich mich so unsicher bewegte.

Ich habe nun das Gefühl, dass alle meine Interessierten schon überall waren und bitte sie nun auf meine Stimme zuzugehen, weil wir weitergehen werden. Wieder greife ich nach der Hand des Ersten und lege sie auf den Handlauf. Ich habe schon vorher die Schiebetür zum nächsten Raum geöffnet, und so ist der Handlauf frei. Als sich alle im nächsten Raum befinden, schließe ich die Schiebetür wieder und schlängle mich an den am linken Handlauf Gehenden rechts vorbei, was mich als Erster den freien Raum betreten lässt. Auch hier bitte ich die vor mir stehenden den Raum zu erfahren und zu ertasten, aber einen bestimmten Gegenstand zu finden. Ich wiederhole, dass ich gern meine Hilfe anbiete, wenn jemand sie braucht. Ich quere den Raum, und stelle mich vor der Tür zu nächsten Abenteuer auf, falls jemand diese findet und sich allein auf Erkundung begeben will. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass meist zuerst die Frauen in meiner Gruppe den Gegenstand finden. Aber dies ist bestimmt Zufall. Als wider eine Frau zuerst das Gewünschte gefunden hat, geht es wie eine Kettenreaktion durch die Gruppe und alle eilen zu der Frau, um den Gegenstand zu begutachten.

Nach einer Weile des Ausruhens und des Gespräches, wie ihnen bisher die Führung gefallen habe, gehen wir weiter.

Wieder öffne ich die Schiebetür, wieder weise ich auf den Handlauf hin und wieder schließe ich hinter meinem letzten Gast die Tür. Vorbei an einem Felsen, von dem Wasser rinnt, über eine schiefe Ebene durch einen langen Gang bitte ich die Vorderen an der Holzwand zu warten. Ich höre "Harald! Da ist keine Holzwand!" Aber da ist der Erste mit dem Stock auch schon dagegengestoßen. Bis sich alle dort befinden, warten wir.

Ich erkläre nun den sich angeregt Unterhaltenden, dass wir nun in eine Stadt, mit einem ziemlich hohen Geräuschpegel gehen und die Möglichkeit besteht, vielleicht einer anderen Gruppe zu begegnen. Ich bitte sie nur immer links zu bleiben und an der Ecke vorne zu warten.

Dieser Raum bildet eine Herausforderung für meine Freunde, da die lauten Geräusche einen Kontrast zu der Stille der soeben passierten Räume bilden. Und wirklich ist eine andere Gruppe gerade beim Herausgehen. Als ich laut rufe: "Harald Gruppe bitte zu mir!", bin ich mir sicher, dass sich niemand bei der anderen Gruppe befindet.

Kurz nach der Häuserecke befindet sich eine hohe Gehsteigkante, vor der ich warne, und die Besucher bitte, mit dem Stock zu tasten. Als alle die simulierte Straße überquert und über die andere Gehsteigkante sicher heraufgekommen sind, sammle ich sie vor mir und geleite alle in einen kleinen Raum, in dem es verlockend nach Obst und Gemüse riecht. Ich bitte meine Gäste nun um den Tisch in der Mitte des Raumes zu gehen und die Waren in den Steigen zu erraten. Aber diese nicht mitzunehmen und auch nicht zu essen, was leider hin und wieder passiert. Ich stelle mich vor die Tür um zu hören, wenn die nächste Gruppe kommt. Dann als ich die Stimmen vernehme, bitte ich meine Gruppe, den Raum zu verlassen, indem sie auf mich zukommen und über 2 kleine Stufen nach oben hinausgehen. Vorbei an einem geparkten Auto und abgestellten Fahrrädern, alltäglichen Hindernissen in der Welt draußen, und uns immer links haltend, kommen wir an die nächste Schiebetür. Dort mache ich eine "Volkszählung" ob ich niemanden vergessen habe. Ich erkenne, dass wir alle sind und gehe weiter. Meine Gruppe, froh die laute Stadt hinter sich lassen zu können, und mittlerweile schon an den Gebrauch des Stockes gewöhnt, geht freier und gelassener durch die geöffnete Schiebetür und nimmt die Botschaft, dass es nun eine kleine Bootsrundfahrt gibt, freudig auf.

Vor dem Einstieg zum Boot angekommen, bitte ich alle zu warten und nehme den ersten um die Schultern um ihm über die schon zuvor geöffnete Rampe zu helfen. Dort ergreife ich seine rechte Hand und bitte ihn auf der Bank Platz zu nehmen und weiterzurücken, um für alle Platz zu machen. Dies wiederholt sich, bis ich hinter dem Letzten die Rampe wieder schließen kann. Jetzt wäre ein kleines Seemannslied fällig, aber ich will das meiner Gruppe nicht antun, und so fordere ich sie auf, doch selbst ein Lied zum Besten zu geben. Während ich den Motor starte und den Wind zuschalte, erklingt bereits ein lustiges Lied. Ich habe bereits die schönsten Chöre auf diesem Boot gehört. Als der Motor immer mehr verklingt, öffne ich die Rampe wieder, und nun wiederholt sich in umgekehrter Reihenfolge der Bootsausstieg.

Vor der Schwingtür zur Unsichtbar, wo es leider keine Schmalzbrote gibt, mache ich noch eine Zählung. Mit dem guten Gefühl, alle sicher bei mir zu haben, betrete ich die Bar und frage den Barkeeper, wo ich mich mit meinen Gästen niederlassen darf. Sitzend und mit Getränken und Knabbereien versorgt, unterhalte ich mich angeregt mit meinen Freunden, und es ist so, als würden wir uns regelmäßig hier treffen.

An den Wochenenden spielt ein Klavierspieler namens Arthur, der eine sehr große Auswahl an Stücken drauf hat und ein wahrer Künstler ist. Leider wurde mir schon verboten, mir etwas wünschen zu dürfen, denn ich wünsche mir immer das selbe oder ist es das gleiche Lied, welches er nicht mehr spielen will? Unter meinen Gästen befinden sich einige, die sich etwas wünschen, was er stets gern erfüllt. Nachdem der Barkeeper Bares gesehen hat und die leeren Flaschen und Gläser abserviert wurden, mahne ich zum Aufbruch.

Nachdem wir die Unsichtbar hinter uns gelassen haben und in einem ähnlich engen Gang gelandet sind, wie der, der die Besucher zu mir brachte, bitte ich, die Augen zu schließen, und dann langsam zu öffen, da sonst das Licht zu sehr schmerzt.

Jetzt im Licht stehend, sehen mich meine Gäste das erste Mal, und ich darf, eingebildet wie ich bin, behaupten, dass noch niemand gesagt hat, ich sei hässlich, oder durfte ich nur höfliche Menschen führen? Ich will Ersteres glauben. Nach der Bitte an meine Freunde einem Blinden das nächste Mal zu helfen, wenn sie einen treffen, weil sie wüssten jetzt wie das ist, und dem Wunsch etwas ins Gästebuch zu schreiben oder zu zeichnen, verabschiede ich mich von ihnen und gehe zurück zum Ausgangspunkt, um auf die nächste Gruppe zu warten. Dort stehen drei Sessel, die den wartenden Guides Gelegenheit für einen kurzen Gedankenaustausch bieten. Ich habe noch die Möglichkeit, die Pointe eines Witzes zu hören, den Walter, der nach mir kommende Guide, erzählt hat, als meine nächste Gruppe schon naht. Diesmal sind es 7 noch zaghaft sich unterhaltende Pensionisten, wie ich später erfahre.

Und so reiht sich Führung an Führung. Eine 0815-führung darf, kann und soll es nicht geben, weil es keine 0815 Gruppe gibt. Es gibt solche, die glauben bei einem 60 m Sprint mitzumachen, da muß ich bremsend eingreifen, da sonst die Gefahr besteht, das "sehenswerte" der Ausstellung zu "übersehen". Wiederum gibt es andere, zum Glück der Großteil, die sehr neugierig und entdeckerfreudig zu mir kommen, und da tut es mir besonders leid, nicht mehr Zeit zu haben. Es gibt keine schwierigen Gruppen, es gibt nur die falsche Art Gruppen zu führen. Offen will ich von mir behaupten, eine sehr große Weinviertler Klappe zu haben, die sich schon oft bezahlt gemacht hat.

Nach meiner letzten Führung führt mich mein erster Weg in die Garderobe, wo ich meine Pfeife hole, die ich mir bei einem Glas Wein anzünde und die mir Gelegenheit gibt, meine unterbrochenen Gedanken weiterzudenken. Ich denke an jenen Dienstag, den ich nie vergessen werde, der den Anfang meiner Dialog-sucht bildete. An die vielen Male, wo ich mich verirrt habe, ohne Gruppe natürlich, selbst trainierend, um mir den Weg einzuprägen, und an meine erste Führung, wo ich bei der Einführung keinen zusammenhängenden Satz herausbrachte. Und an meine Kollegen, die mir Mut zusprachen und mich vor der Dialog-Sucht warnten. An die schlaflose Nacht, in der mich Selbstzweifel nicht schlafen ließen. Und an den Morgen, wo alles klar war. Wo ich wusste, dabei sein zu wollen. An die vielen interessanten Fragen, die mir während meinen Führungen gestellt wurden. An die vielen interessanten Menschen. Mittlerweile ist mir zum x-Male meine Pfeife ausgegangen, weil ich es noch immer nicht kann.

Dann begebe ich mich auf meine obligate Ehrenrunde durch die Ausstellung ohne die ich nicht nach Hause gehen kann. Müde, aber mit dem angenehmen Gefühl, in den Köpfen einiger Menschen vielleicht etwas bewegt zu haben, gehe auch ich nach Hause.

Ich will nun noch einen kleinen Exkurs in die Dunkelheit machen und vorausschicken, dass die Dunkelheit nichs Fürchterliches an sich hat. Es sind die Menschen, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist, abstoßend und beängstigend. Es gibt kriminelle, lichtscheue Elemente, die allen grund haben, sich in der Dunkelheit zu verstecken. Es gibt die Vorstellung von Gespenstern die sich Nachts hinter unseren Betten verstecken und uns in den Fuß beißen wollen, sobald wir ihn herausstrecken. Fürchten wir uns nicht vor dem Unbekannten, wenn wir uns vor der Dunkelheit fürchten, weil wir es nicht sehen können? Im Dialog im Dunkeln können Sie sich kontrolliert Ihrer Angst vor dem Dunkel stellen. Wenn Sie sich darauf einlassen, können Sie nur davon profitieren.

Wenn es mir gelungen ist, Ihnen die Angst vor dem Dunkel zu nehmen oder was noch besser wäre, Ihre Neugierde geweckt zu haben, besuchen Sie meine Kollegen oder mich im Dialog im Dunkeln und buchen Sie eine Reise durch die Finsternis.

Harald Fiedler

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© 2002 by Harald Fiedler
Erstellt am Sa, 27.04.02, 08:01:19 Uhr.
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