Arabisch Einkaufen /

Arabisch Einkaufen

Seit einiger Zeit hat unser Supermarkt dicht gemacht. Am anderen Ende des Ortes ist ein Einkaufszentrum entstanden. Es heißt "Neue Mitte", ich nenne es "am Arsch der Welt". Einkaufen kann nur noch der, der einen Führerschein hat oder mitgenommen wird. Vorbei die Zeit, wo man sein Kind mal zum Einkaufen schickte, das Geld passend im Schwitzpfötchen, die Backentasche heimwärts voll Kaugummi. Vorbei die Zeit, wo sich die alten Leute mit ihren Rolatoren auf den Weg machten für Enkel Schokolädchen zu kaufen und dabei hier und da stehen zu bleiben und Kontakte zu knüpfen. Einkaufen verkümmert zu einem bloßen Akt des Nahrungbunkerns. Alles schön effizient und günstig. Zeit ist Geld. Das Soziale Miteinander ist perdü.

Ich esse gern arabisch und freue mich über Tamir und Yildiz, die nun das Monopol in unserem Viertel haben. Als ich dort zum Erstenmal einkaufte, bekam ich zur Belohnung eine Rolle violettes Nähgarn geschenkt. Das habe ich noch heute. Das hat mich schwer beeindruckt.

Ich schätze das bunte Gemisch an Waren und Leuten. Der Kaffee steht direkt neben dem Schampoo, Musikkasetten neben dem Puddingpulver. Als ich letztens eine Fernsehzeitung kaufte, war die schon ein halbes Jahr alt.

Yildiz läßt mich regelmäßig an ihren Olivenkreationen kosten. Sie läuft mir ab und an sogar die Straße nach und ruft: "Was brauchst du?" Meine Lieblingseinkaufszeit ist 13 Uhr. Der normale Durchschnittsbürger liegt zu Tisch, Tamir kaut seine Stulle, der Laden ist leer. Das ist MEINE Zeit!

Es gibt in einer Ecke eine Kiste mit nicht mehr frischen Sachen, für die ich mich regelmäßig interessiere. Je mehr ich nehme, um so mehr sinkt der Preis.

Zahle ich den ohne zu feilschen, werde ich von Yildiz gescholten. "Warum zahlst du was ich sage!?" Sie brachte mir die orientalische Art einzukaufen bei. Die geht so: Ich betrete den Laden und tippe mit dem Stock an die Kiste meiner Wahl. Bücken darf ich mich auf keinen Fall, denn das bekundet schon zuviel Interesse und hebt die Qualität der Ware und somit den Preis. Also, ich kicke an die Kiste und frage mit halbgeschlossenen Augenlidern: "Was solls kosten?" Yildiz nennt einen Preis. Der Endpreis ist grundsätzlich die Hälfte, aber dahin muß man sich erst arbeiten. Mäkliger Blick auf die Ware meinerseits. (Dieser Teil des Rituals ist mir peinlich) Es gilt die Qualität herabzusetzen. Dann kommt Yildiz mit einem niedrigeren Preis. Ich greife mir ans Herz und weise darauf hin, daß ich nur eine arme Rentnerin bin. Der Preis sinkt.... OHNE Mann!! Ein ganz bedauerlicher Zustand für meine syrischen Artgenossinnen, die erst mit Familie komplett sind. Das Mitgefühl meines Gegenüber steigt. Der Preis sinkt. Auf die Hälfte angekommen, nicke ich zufrieden, Yildiz lacht. Sie liebt dramatische Auftritte mit einer Prise Komik. Als wir mal bei einem unserer Rituale waren, kam eine deutsche Kundin, die uns ängstlich beäugte und frage, ob sie einfach nur zahlen und dann gehen dürfe. Wir ließen sie.

Manchmal bekomme ich eine Kiste Aprikosen für 2 Euro, aber nurc wenn ich auch noch eine Kiste Brokoli mitnehme. Den mag ich aber nicht. Trotzdem nehm ich beides und betätige mich dann als Zwischenhändlerin. Ich beliefere noch einige Nachbarn, die freudig in meinen Beutekisten wühlen. Manche meiner Freundinnen geben mir Aufträge, weil sie die Feilscherei nicht beherrschen.

Und wo bekommt man beim Kaufen Geld geschenkt? Bei Yildiz und Tamir. Ich grabbelte an überreifen Kakifrüchten herum, als mir eine alte Aramäerin die Frucht aus der Hand nahm, den Kopf schüttelte und verächtlich nuschelte "Schlecht´". Nun liebe ich aber die schon fast flüssigen Früchte und schnippte der alten Frau kurz aufs schrumplige Pfötchen. Halber Preis, doppelte Freude, ist meine Devise. Daraufhin beriet sie sich mit ihrer noch älteren Freundin und sie schenkten mir 2 Euro. Ich bat Paulus an der Kasse zu übersetzen. Er meinte, ich solle das Geld nehmen, damit die alten Damen nicht gekränkt seien. Wir haben miteinander gelacht.

Auch heute hatte ich beim Einkaufen viel Spaß. Auf der Suche nach Kurkuma durchwühlte ich das Gewürzregal. In den Gläschen fand ich nichts. Aber nebenan gab es einen Haufen farbige Pülverchen in Tüten eingeschweißt. Ich grub mich bis in die hintersten Ecken, und eine Tüte blieb an meiner Hand kleben. Es stand ein Preis drauf, aber kein Name. Anonymes Pulver.

Ich nahm die Tüte, löste sie von meiner Handfläche und fragte Tamir, was das wohl sein könne. "Weiß nich, klebt aba wie plööt!" Sprachs, verschwand und wischte die Tüte etwas ab. Wir standen vor dem Tütchen und spekulierten. Für Curry zu hell, für Zimt zu gelb. Könnte also Kurkuma sein, aber "weißnichgenau". Tamir legt sich nicht gern fest. Ich stopfte mir noch arabisches Brot in den Rucksack (wo kann man sonst Brot kaufen, das solch eine Behandlung nicht krumm nimmt und sich wieder entfaltet?) und verlangte mein "Überraschungspulver". Tamir mußte kichern, und ich bekam einen Risikopreisnachlass.

Ich liebe diesen Laden. Der Unterhaltungswert ist unschlagbar. Wir lachen viel miteinander. Die gemischten Kisten regen zu kreativem Kochen an. ich darf schnüffeln, kosten, und alle haben Zeit. Einkaufen macht hier richtig Spaß. Da kommt kein Aldi gegen an.

Mit einem satten "Schlomo" grüßt

Ulrike Geilfus

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© 2006 by Ulrike Geilfus
Erstellt am Fr, 06.10.06, 10:37:00 Uhr.
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