Grenzen setze ich selbst /

Erfahrungen:
Meine Grenzen setze ich mir selbst
Von Gisela Bechler

Wie war das damals - als sehbehindertes Kind?

Wenn ich heute die einschlägigen Blindenfachzeitschriften aufschlage, so finde ich viele Beiträge, die sich mit dem Thema "Frühförderung sehbehinderter und blinder Kinder" beschäftigen. Sicherlich eine erfreuliche Entwicklung von Maßnahmen für die, die daran teilnehmen. Allerdings habe ich auch manchmal das Gefühl, dass pädagogisch ein wenig überzeichnet wird.

Als ich geboren wurde, diskutierte man eher über Euthanasie als über Frühförderung. Wie verschreckt war meine Mutter, plötzlich einen Säugling in die Arme gelegt zu bekommen, dessen Pupillen leicht "milchig grau " aussahen. Die Ärzte - schonend und unkonkret - sagten ihr: "Da sei wohl etwas nicht in Ordnung" und entließen sie aus dem Wöchnerinnenkrankenhaus in die beginnenden Kriegswirren und in eine quälende Ungewissheit. Als jung verheiratetes Paar hatten die Eltern keinen Bezug zu sehschwachen Menschen. Dass ältere Leute hin und wieder dicke Brillen trugen oder die Zeitung etwas näher an die Augen führten, war natürlich und wurde nicht hinterfragt. Mein Vater tat einen Schwur am Kinderbett: "Er wolle immer für mich sorgen", dann wurde er eingezogen und nach Griechenland als Leiter einer Reparaturwerkstatt für Militärfahrzeuge abkommandiert. Die Mutter war nun allein mit ihrem Baby und den vielen neugierigen Fragen der Nachbarn und Freunde. "Was hat das Kind? Warum schielt es und weicht dem Licht aus?" Später erzählte sie mir: "Es war ein Spießrutenlaufen, wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs war. Die hemmungslose Neugier der sogenannten Mitmenschen trieb mich immer weiter in eine schwere Depression". Hinzu kam, dass unser Hausarzt meinte: "Nun seien die Augen soweit, dass man sie in einer Augenklinik fachärztlich untersuchen könne. Das Urteil kam prompt. Es handelte sich bei mir um einen angeborenen, operabelen grauen Star. Also wieder Unruhe und Überlegen für die junge Frau: "Wann soll meine Tochter operiert werden? Mache ich es richtig, das Einverständnis zu geben?"

Ich war indessen, so erzählte man mir später, zu einem lebhaften Kleinkind herangewachsen, das die Traurigkeit seiner Mutter nicht verstehen konnte. Stattdessen gewann ich die Aufmerksamkeit und Liebe der späteren Patentante. Diese Frau wohnte gemeinsam mit uns in einem Mietshaus. Sie war selbst sehbehindert, trug einen sog. Kneifer auf der Nase und war trotz sehnlichsten Kinderwunsches nie Mutter geworden. Sie holte mich, so oft sie konnte, in ihre Wohnung, kroch mit mir auf dem Boden herum, brachte mir später das Laufen sowie mit 5 Jahren die ersten Buchstaben bei. Nach den ersten Staroperationen, die für mich ein erträgliches Sehvermögen und für Mutter und Tante deswegen eine große Erleichterung brachten, erkundete ich "meine kleine Welt" recht aktiv.

Die Ärzte waren allerdings nicht sonderlich vom Operationsergebnis angetan: "Ihr Kind wird nie richtig sehen können. Vielleicht überlegen Sie sich einmal, ob Sie uns einen Schein unterschreiben und ihre Tochter hier lassen." Die Mutter hat immer wieder von diesem Gespräch berichtet. Sie ist psychisch nicht darüber hinweggekommen. Die Nenn- und Patentante hingegen war emotional nur auf mein Wohl bedacht. Sie brachte mir die ersten sehenden Spielkameraden, meldete mich im Kindergarten an und versuchte, Schwierigkeiten und Freuden mit mir zu teilen.

Mein erster Auftritt im nationalsozialistischen Kinderhort war nämlich nicht rühmlich. Als die Spielkameraden heraus hatten, dass ich schlecht sah, nahmen sie mir das Spielzeug weg und ärgerten mich. Da setzte ich die Zähne ein und biss einen Jungen so kräftig, dass er blutete und der Kindergartenplatz gefährdet war. Ich musste nun lernen, meine Aggressionen anderweitig abzubauen, was mir manchmal schwer fiel. Beim Spiel auf der Straße oder im angrenzenden Wald waren wir eine muntere Horde. Hier war ich zwar auch häufig im Hintertreffen, etwa beim Versteckspiel. Da verließ ich mich mehr auf die Ohren als auf meine Augen. Spielten wir "Deutschland erklärt den Krieg ...", trat ich garantiert auf alle vorher sorgfältig gezogenen Kreidestriche und verlor deswegen. Waren wir im Wald unterwegs und schaukelten auf einem hohen Baum - was verboten war - stand mit großer Wahrscheinlichkeit der Förster mit seinem Hund vor mir, während alle anderen Kinder blitzartig verschwunden waren. So stand ich große Ängste und Demütigungen aus, die mir aber im Nachhinein gut getan haben. Ich konnte mich auf ein Leben, was nicht nur aus "Schokolade" bestand, bestens einstellen.

Bald konnte ich mich durch viel Fantasie in unserer "Straßenhorde" nützlich machen. "Was sollen wir spielen? Heute werden wir mal eine Beerdigung darstellen. Zunächst müssen wir dazu eine Leiche haben. Fangt doch eine Fliege und tötet sie." Die Freunde waren begeistert. Auch als ich meine letzten Ersparnisse für kleine Kerzen als Grabschmuck gab, fühlten sie sich von mir inspiriert. Später lernten die Gespielen Fahrrad und Rollschuh fahren. Nur ich bekam keine Rollschuhe. Der inzwischen aus dem Krieg zurückgekehrte Vater war sehr streng. "Wenn du hinfällst, weil du so wenig siehst ...." usw. Es war für mich diskriminierend. Heimlich bin ich natürlich Rollschuh gefahren, warum auch nicht? Meine Freundinnen liehen sie mir gern. Zum Fahrrad fahren hätte es mehr Zeit gebraucht, aber Ingrid brauchte ihr Rad selbst.

Ich besuchte als Fahrschülerin - täglich waren es von Mülheim/Ruhr 2 bis 3 Stunden Wegstrecke - die Sehbehindertenschule in Essen-Steele. Ich gehörte daheim inzwischen einem Turnverein sowie einer Konfirmandengruppe an. Auch hier war ich die einzige Sehbehinderte. Wenn ich manche Turnübungen nur zögerlich mitmachen konnte, wurde zwar gespottet, aber so wie im Kindergarten mit den Zähnen, wehrte ich mich jetzt mit geistigen Waffen. Die Metzgertochter Uschi war die Gefährtin auf dem sehr gefährlichen Weg zur Konfirmandenstunde. Sie hatte Schwierigkeiten in der Schule und begleitete mich gern, wenn ich ihr dafür einen Aufsatz ins Heft diktierte. Das geschah dann auf einer Autobahnbrücke, weil man hier die Bleistifte so gut auf der Mauer ablegen konnte.

Zusammenfassend möchte ich sagen, mir hat die "kindliche Integration", die ohne besonders geschulte Kräfte intuitiv ablief, sehr viel gebracht. Dadurch, dass mir die "Härten" des Lebens nicht verschlossen blieben und ich schon recht früh mit ihnen konfrontiert wurde, konnte ich spätere Herausforderungen besser verkraften. Für mich unverständlich war daher die Einstellung von Sehbehindertenpädagogen, die es ablehnten, einige Unterrichtsstunden mit sehenden Kindern gemeinsam zu gestalten. Begründung: "Die Sehbehinderten könnten gehänselt werden".

Ich kann nur sagen: "Wer überbehütet wird, kann im täglichen Leben nicht bestehen!"

Gisela Bechler

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 5, Mai 2001.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Mi, 08.08.01, 07:46:09 Uhr.
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