Wo die Hände sehen lernen /

Wo die Hände sehen lernen

Verkehrte Welt im Hirsvogelbunker: Je höher ich die Treppe steige, desto dunkler wird es. Während ich Stufe für Stufe der Finsternis entgegengehe, fallen mir nur Treppenhäuser und Türme ein, in denen es heller wurde, wenn ich aufwärts ging, der Sonne entgegen. "Wir sprechen uns hier alle mit Vornamen an", hatte sich Dorothee Feuerstein vorgestellt. Die 34-Jährige mit dem Blindenstock ist unsere Führerin durch den Dunkelgang, einen Bereich des Nürnberger "Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne". Hier will ich meinen Tastsinn schärfen.

Wir gehen um einen schwarzen Vorhang herum, sind in der Dunkelschleuse. "Tasten Sie sich immer mit der rechten Hand an der Wand weiter." Gerade erkenne ich noch die Führerin, wie sie um die nächste Ecke des Zickzack-Kurses huscht. Schon an der nächsten Biegung wird mir der Sinn der verschachtelten Wände klar. Lichtstrahlen sind keine Ecken-Bezwinger. Jetzt wird es dunkel wie in einer Neumond-Nacht. Ich ahne nur noch die Nähe der jungen Frau, die sich mit mir auf den Weg in die Dunkelheit gemacht hat. Zwei Schritte weiter umgibt mich völlige Finsternis. Aber was heißt Schritte? Ich setze nicht einmal einen Fuß vor den anderen. Es sind Tippel-Schritte im Zeitlupentempo. Ich spüre die rechte Wand nur als Halt und Wegweiser durch die Finsternis, ducke mich ständig, möchte mir keine Beule holen. Mein Gehirn gaukelt mir vor, ich schaute in einen dunkelgrauen, dichten Nebel. Laufe ich über Beton, Holz oder Teppichboden? Ich habe es bisher nicht wahrgenommen, bin nur froh, festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich bin in heller Aufregung.

Erst eindunkeln, dann Führer werden

Dorothee weiß, was mir gerade passiert. "Bevor ich mit Führungen beginnen konnte, musste ich mich erst eindunkeln." Sie ist nicht völlig blind, sieht die Welt jedoch, als trüge sie einen Trichter mit einer ganz kleinen Öffnung vor dem Gesicht. Deshalb musste auch sie sich vor einem Jahr erst einige Tage lang an den Dunkelgang gewöhnen, eindunkeln eben.

"Versuchen Sie zu ertasten, aus welchem Material die Wand ist", ermuntert uns Dorothee. Ich habe mich beruhigt und beginne, die Finsternis zu genießen. Ich streiche mit der Hand die Wand entlang. Ich habe geriffelten Beton unter meinen Fingern. Vor fünf Tippelschritten waren es noch Holzzylinder. Dann folgt ein Abschnitt mit Steinen im Beton. Es muss ein Hauseingang sein, den ich jetzt ertaste. Ich fühle den Briefkasten, dann ein kleines, vergittertes Fenster.

Die junge Frau, die mit mir den Tastgang durch die Finsternis macht, möchte auf dem schnellsten Weg hinaus. Sie hat Angst. Ich rate ihr, die Augen zu schließen, damit ihr die Situation vertraut ist. Sie kann die Augen nicht geschlossen halten. Für sie sei es noch schlimmer, wenn sie dann die Augen wieder öffne. Sie sagt es mit ruhiger, fester Stimme und ich kann ihr nicht glauben. Auch neue Tastaufgaben können sie nicht von ihrer Angst ablenken. "Warten Sie hier, ich bin gleich wieder zurück", verabredet sich unsere Führerin mit mir. Dorothee führt die junge Frau hinaus. Schade, dass sie nicht mehr dabei ist, sie duftet so vertraut.

Ich klammere mich an das Fenstergitter. Eine Erinnerung an Elternworte kramt sich aus dem Gedächtnis: "Wenn du nicht gehorchst, stecke ich dich in die Besenkammer!" Habe ich das erlebt? Hat es mir jemand erzählt? "Sind Sie noch da?", höre ich Dorothee auf mich zukommen. Eine Antwort erwartet sie nicht von mir. Wohin sollte ich mich wohl aus dem Staub machen? Es komme öfter vor, dass die Angst jemanden packt, erzählt Dorothee und erinnert sich an eine Mutter, die mit ihrer Tochter den Dunkelgang besuchte. Das Kind bekam Angst, ihm wurde schwindelig. Da half nur der schnelle Weg nach draußen. Dann fällt ihr eine andere Mutter ein, deren Kind vor Angst schrie: "Sie hat das Kind eiskalt da durchgeschleppt."

"Kinder krallen sich oft bei mir an", erzählt Dorothee weiter, "das tut gut." Nach 150 Führungen weiß meine Führerin, wie die Leute im Dunkelgang reagieren: "Babys schlafen meist ein. Zwei- bis Dreijährige haben oft Angst. Die älteren Kinder dagegen sind brav. Unter den Jugendlichen gibt es öfter solche, die einander erschrecken, oder die Dunkelheit ausnutzen, um Mädchen anzufassen." Aber die Störer bringe sie schnell zur Ruhe: "Hier haben wir Führer die Autorität." Keine Spur von Überheblichkeit; ich höre Freude und Stolz.

Den Fernseher erkennen die wenigsten

Ich taste mich inzwischen durch die Küche der dunklen Wohnung ins Wohnzimmer. Klar, da steht der Fernseher, sagen mir meine Hände. "Das finden die meisten Leute nicht heraus", weiß Dorothee und hat die Erklärung bei der Hand. "Sie sitzen zwar jeden Tag vor dem Fernseher, aber fassen ihn nie an. Den Toaster in der Küche dagegen erkennen fast alle." Hinaus in den Schuppen. Gießkanne, Bürsten und das Verlängerungskabel verraten sich schnell durch ihre Form. "Das ist kein Kabel, dicker." Ich nehme mir mehr Zeit zum Tasten und erkenne den Wasserschlauch. "Jetzt geht es in den Wald hinaus", bereitet mich Dorothee auf die letzte Station vor. Ein leiser Windhauch, Vogelgezwitscher. Meine Finger geben Signale an mein Gehirn. Das malt schnell Bilder von Baumstämmen, einem Lebensbaum und einem Holzstoß vor mein geistiges Auge.

Kurz vor dem Ausgang erinnert sich Dorothee an eine Gruppe Schwarzafrikaner, die in der Finsternis afrikanische Gesänge anstimmten. "Da geht einem die Gänsehaut." Ich höre Dorothees Stimme so klar, dass ich frage, ob sie rückwärts gehe. "Ja, das mache ich die meiste Zeit, damit ich besser verstanden werde", antwortet sie. Sogar meine Ohren lernen zu sehen, nicht nur meine Hände, verkehrte Welt im Hirsvogelbunker.

Der unsichtbare Barkeeper

"Sie stehen jetzt vor Ihrem Hocker. Nehmen Sie bitte Platz", sagt Peter Sand. Freundlich und jugendlich klingt seine Stimme. Ich strecke meine Hände dorthin, wo ich den Hocker vermute. Er ist gepolstert, vielleicht mit rotem Kunstleder bezogen. Sehen kann ich nichts. Es gibt keinen Schatten, keinen Schimmer im Dunkelcafé des Hirsvogelbunkers, das zum Nürnberger "Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne" gehört.

Ich setze mich auf den Hocker, wie ich ein Pferd besteigen würde: Von der linken Seite hebe ich mein rechtes Bein über den Hocker hinweg. Mich vor den Hocker zu stellen und mich darauf setzen, kommt mir nicht in den Sinn, denn was ist vor dem Hocker? Es ist eine Bar, fühle ich heraus. Dahinter muss Peter stehen. Er fragt, was ich trinken möchte, Cola, Spezi, Kaffee. Peter zählt eine ganze Liste auf. Erst vor wenigen Minuten habe ich den Dunkelgang im Hirsvogelbunker durchtastet, habe erlebt, wie meine Hände und Ohren sehen lernen. Der Besuch des Dunkelcafés soll der krönende Abschluss im Bunker werden. Mein Kreislauf ist nach dem Dunkelgang-Erlebnis noch in Hochform. Ich wähle dennoch Kaffee. Die Neugier treibt mich dazu: Wie funktioniert das mit Zucker und Sahne? Ehe ich darüber nachdenken kann, steht der Kaffee vor mir auf der Bar. Gut, dass Peter mir das sagt. Er muss es wissen, denn er hat ihn mir serviert. Der Kaffee wäre kalt geworden, ohne dass ich etwas gemerkt hätte.

Peter hilft mir mit Worten beim Suchen, indem er mir aufzählt, was ich vor mir auf der Bar finden werde: Löffel, Zucker, Sahne und ein Keks. Also, Sahnedöschen aufreißen, linke Hand um die Tasse und durch die hohle Hand die Sahne in den Kaffee gießen. Der Zucker findet schon fast allein in den Kaffee, Umrühren wird zum Kinderspiel. Dass ich die Tasse zum Mund führe und ihn auch treffe, wundert mich, bis mir klar wird, dass ich im Hellen auch nicht zum Zielen auf die Tasse schauen muss.

Der Kaffee schmeckt in der Finsternis nicht anders als wenn ich ihn sehen könnte. Mit jemandem im Dunkeln zu reden ist dagegen seltsam, stelle ich fest. Es erinnert mich an meine Kindheit, als ich mit meinem Freund bis in die Nacht abenteuerliche Geschichten ausspann und niemand dabei merkte, dass es längst dunkel geworden war. Die Phantasie brauchte kein Licht. Wir steckten so tief in unseren Geschichten, dass es egal war, wie mein Freund aussah. Mit Peter hinter der Bar ist das anders. Er erzählt mir von sich. Nicht vor meinem Auge, sondern in meinem Geiste entsteht ein Bild von diesem Mann: Freundlich, offen, mit geschickten Händen, Vertrauen erweckend, Ende 30.

"Den Kaffee in die Tasse zu bekommen, ist ganz einfach", erzählt Peter. "Wir nehmen eine Pumpkanne." Damit habe er ein festes Maß. Aber der Kaffee muss doch erst gekocht werden. Für Peter ist auch das keine Kunst: "Wir kochen ihn in der Kaffeemaschine, genau wie zu Hause." Peter ist so blind, dass er nur ein Fünkchen von dem sehen kann, was ich sehe, mit einem Blickfeld von zwei Prozent des meinen. Schon als Schulkind konnte er schlecht sehen, wie schlecht, merkten Eltern, Lehrer und er selbst erst, als Peter in der zweiten Klasse war. Im ersten Schuljahr waren die Buchstaben und Zahlen riesengroß, damals noch keine Lesehürde für den Jungen. Nun ist seinen Augen nur noch dieses Fünkchen Sehkraft geblieben.

Zwei- bis dreimal in der Woche bedient er Besucher im Bunker, ehrenamtlich. Ansonsten halten ihn seine sechs Enkel auf Trab. Außerdem ist er Schachspieler, die einzige Sportart, in der Blinde gegen Sehende antreten. Egal, gegen wen er spielt, immer hat jeder Spieler ein Brett mit den Figuren beider Spieler. Sein Brett hat erhabene schwarze und vertiefte weiße Felder. Jede weiße Figur ist mit einem Nagel ausgestattet. So unterscheidet er sie von den schwarzen. Natürlich gilt die Schachregel "Berührt, geführt" für ihn nicht, denn er tastet ständig mit beiden Händen die Figuren ab, wenn er die Taktik für die nächsten Züge bedenkt. "Genau deshalb die zwei Bretter", erklärt Peter. Der sehende Gegner wäre irritiert, weil er die Figuren nicht sehen, der blinde, weil er sie nicht gleichzeitig berühren könnte.

Mich interessiert, ob Peter Arbeit hat. "Nein, ich bin pensioniert", antwortet er aus dem Dunkel. Die Antwort verblüfft mich. Deshalb meine Rückfrage: "Wie alt sind Sie denn?" "62." Meine Ohren haben noch nicht genug sehen gelernt. Ich hatte ihn wegen seiner Stimme um 20 Jahre verjüngt.

Genug geplaudert. Ich möchte meinen Kaffee bezahlen. "80 Cent", verlangt Peter. Ich gebe ihm einen Euro, glauben meine Finger. "Das sind 50 Cent", Peter gibt mir die Münze zurück. Die Einführung der neuen Währung hat Peter gefreut: "Die Münzen sind leichter zu unterscheiden als früher die der deutschen Währung." Ein Ratsch mit dem Fingernagel über den Münzenrand und das Rätsel ist gelöst. Für die Scheine hält Peter eine Schablone für Blinde bereit. Mit ihr erkennt er die unterschiedlichen Größen der Banknoten. Ich erhebe mich von meinem Barhocker. "Tasten Sie sich mit beiden Händen an den Wände zum Ausgang." Er schiebt mich sachte zur Schleuse. Durch das Zickzack bis zum Licht finde ich mich allein.

Ulrich Meyke

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 10, Oktober 2002.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 18.06.02, 06:46:09 Uhr.
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