Ein Sehrest im Harz /

Ein Sehrest im Harz

Nach Wernigerode ins Blindenerholungsheim zu fahren, ist wie nach Hause kommen. Es ist klein, gemütlich, überschaubar, und ich werde als Wiederholungstäterin mit offenen Armen empfangen. Daheim habe ich das nicht.

Diesmal wurde ich gleich doppelt beglückt, denn die CBDler von Hamburg waren schon vor mir da und drückten mich zusätzlich an ihre Christenbrust. Wunderbar, dafür nahm ich gerne das kleine Zimmer in Kauf und die nächtliche Wanderung auf das Klo, das es mit vielen zu teilen galt.

Als erstes enterte ich die Küche, da ich ein echtes Problem mit dem eisenhaltigen Trinkwasser habe. Wir knobelten Wasservermeidungsstrategien aus, und so konnte ich unbeschwert essen und trinken und war eine ernste Sorge los.

Wer sich auf eine Bibelfreizeit mit den Holtmännern, bzw der Holtfrau einläßt, den erwartet ein volles Arbeitsprogramm. Kollektives Aschestreuen mit In-Schuld-Wälzen ist da nicht drin. Dazu sind auch die Gruppenmitglieder zu unterschiedlich.

Jeden Tag ein anderer Referent, Gruppenarbeit und dann das Vortragen der Ergebnisse.

Zu den 10 Geboten gab es viel zu bedenken. Einmal bekamen wir Präzedenzfälle und sollten nun Richter spielen. Schon in der Kleingruppe waren die inneren Schweinehunde so mannigfaltig, dass wir uns kaum einig werden konnten. Ab wann fängt ein Versicherungsbetrug an? Die Grenzen flossen uns nur so davon ... Bei dem Gedanken "Vater und Mutter zu ehren" wäre ich fast vor Wut geplatzt. Wie bringe ich da meinen Missbrauch unter, der mir das Leben so schwer macht?

Auch der Referent war sehr bewegt. Er hatte eine solch wilde Gestik, dass er sich mehrmals das Mikro von der Jacke riss, was denen, die an der Horchanlage hingen, schmerzhaft die Gehörgänge kräuselte.

Meine Lieblingskleingruppe war die am Frühstückstisch. Mein vollsehender Nachbar gedachte mir Gutes zu tun und klatschte mir das Frühstückskörbchen direkt vor die Nase. In meinem röhrigen Gesichtsfeld machte sich schlagartig Vollkorn breit und verwehrte mir den Blick auf Volker, den Harzkäsevertilger. Niemand machte ihm diese müffigen Teile streitig. Frei nach dem Motto: "Das Auge isst mit", nahm ich gleich zwei Brötchen. Für jedes Auge eins.

Wußten Sie, dass der Wochenanfang am SONNTAG und nicht am Montag beginnt? Sabbat ist am Samstag und somit der göttliche Ruhetag. So schaffte ich es tatsächlich in nur 7 Tagen an einem vermeintlichen Wochenanfang anzureisen und an dem Wirklichen abzureisen!

Aber noch war es nicht so weit. Anne-Maria erzählte über die Geschichte jüdischer Musik und hatte tolle Beispiele. Vom Ohrenschmaus zum Ohrenschmalz, sozusagen ... zwei Abende, die ich sehr genoss.

Eines Nachmittags enterten wir das Kuckucksuhrenmuseum. Auf der Hinfahrt wurde wacker abgelästert über diese tönende Kitschigkeit, und auf der Heimfahrt sangen wir Loblieder ob unserer, ach so kunstvollen Beute. Ich nahm zwei Kuckucksflöten mit, für meine Lieblingsgören. Ob deren Mutter mir noch als Freundin erhalten bleibt, ist fraglich.

Apropos "Krach", wir hörten das 11. Gebot, das da heißt: "Du sollst nicht Krach machen" oder so. Wir verstießen locker dagegen, denn der Zivi des Hauses ist ein Profi auf dem Dudelsack. Wir konnten ihn und seinen Trommelfreund zu Kostproben überreden. Es gab eine kurze Abhandlung zur Geschichte. Nicht die Schotten waren die Ersten, sondern irgendwelche östlichen Nomaden, denen die Luft ausging und die zu diesem energiesparenden Zweck die leeren Wasserschläuche an die Flöten bastelten. Der Reihe nach durften wir die Dudelsäcke befühlen. Der schottische ist aus Gorotex, dann der kleine Schwede, der Große aus dem Mittelalter, der Sackpfeife heißt und einen Waffenschein für die langen Flötendinger (Bordunen) bräuchte und der aus Spanien. Zum Schluß blies er noch die Schalmei und Dagmar fiel in Verzückung. Ab da lag sie Udo (stetes Nöhlen höhlt den Gatten) permanent mit dem Wunsch im Ohr auch so eine Flöte haben zu wollen. Ich denke, sie wird ihr Ziel erreichen.

Am letzten Abend sahen wir ein Video. Ich war erstaunt, dass ich meine Soaps nicht vermisst hatte. Das Programm war so voll, dass ich nur abends ein bißchen dem e-mailen nachweinte. Heimlich, natürlich. Also, der Film handelte von zwei Sportlern. Ein Christ und ein Jude. Es ging nicht ums Gewinnen, sondern um den Weg, die Motivation, das Ziel. Holli kämpfte mit der Technik und verlor den Überblick über die Darsteller. Amüsiert stellte ich fest, dass überwiegend die Vollblinden den Durchblick hatten.

Anschließend trollten wir uns, um zu packen. Als Udo am anderen morgen einen letzten Blick ins Zimmer warf, verlor er sein Glasauge. Niemand fand es, und so bleibt ein Sehrest im Harz und hat das Treiben im Blindenerholungsheim im wachsamen, aber heimlichen Blick.

Ulrike Geilfus

Twittern

© 2002 by Ulrike Geilfus
Erstellt am Do, 31.10.02, 09:46:09 Uhr.
URL: http://