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Mein Training für Lebenspraktische Fertigkeiten (LPF)

Leider war es bei uns zu Hause nicht üblich, dass wir in der Küche mithelfen durften. Als ich älter wurde, hätte es meine Mutter zwar schon gern gehabt, dass ich sie unterstützte, aber ich habe leider während meiner Schul- und Internatszeit kaum lebenspraktische Fertigkeiten gezeigt bekommen. So war ich ihr keine Hilfe. Es ging alles zu langsam oder sie musste mir für sehende selbstverständliche Dinge erst erklären. Als Blinder kann man sich ja leider nichts von Anderen abschauen. Da machte sie die Sachen lieber selber.

Als ich dann in die eigene Wohnung zog, war ich auf mich allein gestellt und eignete mir schließlich so Einiges selber an. Vieles ist Übung, man hört, wenn Wasser kocht, riecht, wenn Zwiebel angeröstet ist, fühlt, beim Hineinstechen, ob Kuchen fertiggebacken hat ... Im Austausch mit anderen blinden Menschen erfuhr ich auch viele Tricks und Tipps. Ein Problem blieben aber die Wäschepflege und meine Unterschrift.

Im Rahmen ihrer Ausbildung zur LPF-Trainerin suchte Frau Marija Gschaider-Kraner Interessierte, durch die sie üben und Erfahrungen sammeln konnte. Das kam mir sehr gelegen.

Wir begannen mit Essenstraining. Die Benutzung von Messer und Gabel war für mich kein Problem. Ich war es gewohnt, mir zu allererst einen Überblick über das, was sich auf dem Teller befindet, zu verschaffen. Auch wenn ich kein Messer zum Schneiden benötige, habe ich gern eines dabei, um damit Gegenhalten zu können, den Tellerrand zu beobachten, damit ich mir nichts hinausschiebe oder Reis und Erbsen auf die Gabel zu bekommen.

Aber wie isst man z.B. Spaghetti? Diese langen Nudeln machten, was sie wollten. Anfangs hatte ich entweder nichts oder zuviel auf der Gabel.
Nach der Unterwerfung der Nudeln wandten wir uns Fleischgerichten zu. Vor allem, wenn Teller mit Beilagen sehr vollbeladen sind, kann Fleischschneiden schwierig werden. Häufig wende ich mich da zuerst den Beilagen zu, um etwas Platz zu schaffen. Für die Größe der heruntergeschnittenen Stücke bekommt man bald ein gutes Gefühl.
Am Schluss des Essenstrainings beschäftigten wir uns mit Süßem. Wie isst man eine Torte, ohne auf dem Teller ein unappetitliches Chaos zu veranstalten? Hilfreich ist es, zwei Bestecke (kleine Löffel und Gabel) zum Gegenhalten zu verwenden. Und nicht irgendwo herumzustochern, sondern systematisch vorzugehen, was mir nicht besonders lag.

Wir putzten und schnitten Gemüse, wobei ich feststellen musste, wie umständlich ich mich bisher angestellt hatte, bereiteten Aufläufe, Wiener Schnitzel, und weil Weihnachten vor der Tür stand, Kekse zu und hatten bei allem viel Spaß.

Danach befassten wir uns mit Wäschepflege. Alles, was damit zusammenhing, hatte bisher meine Mutter erledigt. Wir entschieden uns, die Wäsche mit kleinen Bändern (die verschieden viele Knoten haben) zu markieren. Somit kann ich sie für das Waschen gut sortieren. Eigentlich hatte ich keine Lust, diese Bänder selbst in das Gewand einzunähen. Für Handarbeiten habe ich nicht viel übrig. Die Trainerin meinte aber, es sei einen Versuch wert. Und es machte letztendlich Freude. Wir nähten schließlich auch Knöpfe an. Nur zu oft machen sich diese selbständig, und da ist es hilfreich, sie ohne Hilfe dorthin zurückzubringen, wohin sie gehören.
Mittlerweile verwende ich zum Sortieren der Wäsche häufig ein Farberkennungsgerät. Außerdem wasche ich meine Wäsche wohl öfter als sehende Menschen, weil ich mir oft nicht sicher bin, ob sie noch sauber ist. Ich wasche dafür mit niedriger Temperatur, was auch ein Verfärben sehr unwahrscheinlich macht. Und da die Wäsche meist nicht wirklich schmutzig ist, wird sie auch bei niedriger Temperatur sauber.
Dann markierten wir die Waschmaschine mit durchsichtigen gut fühlbaren Markierungspunkten. Und dem Waschen stand nun nichts mehr im Wege.

Bis ich das Bügeln einigermaßen beherrschte, dauerte es allerdings etwas länger. Eine Hand befindet sich auf dem zu bügelnden Gewandstück, um Falten zu spüren. Die andere führt das Bügeleisen. Anfangs war es gar nicht so leicht, den nötigen Abstand einzuhalten, um mich nicht zu verbrennen. Mittlerweile habe ich Übung und Bügeln ist lustig.

Die größte Hürde war meine Unterschrift. Mehrere Versuche mit sehenden Personen waren bereits kläglich gescheitert. Diesmal begannen wir ganz am Anfang, mit einfachen Übungen wie Strichen und Kreisen. Da meiner Hand solche Bewegungen nicht vertraut waren, dauerte es eine ganze Weile, bis sie das tat, was ich wollte. Schon sehr kleine sehende Kinder trainieren diese Fertigkeiten im Zeichnen, bevor sie zu Buchstaben übergehen. Meine Hand hatte nie einen Stift geführt. Für mich war das etwas völlig Neues. Damit ich kontrollieren konnte, was ich tat, spannten wir das Blatt auf eine Gitterplatte. Das Geschriebene drückte sich durch und war somit fühlbar.
Nachdem die Hand gelernt hatte, Striche und Kreise zu vollbringen, gingen wir zu Buchstaben über. Ich kannte vom Optacon Lesen her nur die Druckschrift, wobei ich sie zwar lesen aber nicht schreiben kann. Schreibschrift war mir etwas völlig Fremdes. Wir lernten einen Buchstaben nach dem Anderen. Manche begriff meine Hand rasch, für Andere brauchte ich länger. Die Trainerin schrieb den Buchstaben vor, ich tastete ihn ab und sollte ihn auf Papier bringen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, wie ungenau ich die Buchstaben abtastete. Ich musste sie sehr oft betasten, bis ich sie mir einprägte. Und außerdem machte die Hand noch immer, was sie wollte.
Es dauerte viele Stunden, - wohl an die vierzig - bis ich meine Unterschrift einigermaßen beherrschte. Endlich!

Petra Raissakis

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© 2000 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Mo, 30.10.00, 08:01:19 Uhr.
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