Kunst zum Begreifen /

Kunst zum Begreifen

Am Freitag, dem 10. Oktober 1997 trafen wir uns im Zentrum des Odilien-Institutes mit Mono Bayanjav, einem Mongolen. Er hat eine Ausbildung zum Bildhauer, Kunstschnitzer, Kunstschmied und Kunstmaler genossen und wollte versuchen, uns seine Kunst nahezubringen. Die Objekte gemeinsam mit Sehenden zu betrachten, ließ den Abend besonders interessant werden.

Als Vollblinder hat man kaum Zugang zu Kunst. Für Sehende Selbstverständliches ist für uns oft völlig neu. Denn wir kennen überwiegend die Dinge, die wir mit den Fingern berühren. Aber auch wenn unsere Fingerspitzen sensibel sind, muss man lernen, nicht nur oberflächlich "hinzuschauen". Ich hatte bisher viel zu wenig Gelegenheit, Lebewesen und deren Unterschiede kennenzulernen. Auch gibt es kaum Tastbilderbücher. Sehende Babys lernen Bewegungsabläufe zu beobachten. Dazu kommt dann die Wahrnehmung von Perspektiven. Als Kleinkinder lernen sie beim Zeichnen Dinge richtig darzustellen und prägen sich ihre Proportionen ein.

Mono brachte uns einige seiner geschnitzten Figuren mit. Ich mag Holz, und es war ein Genuss sie zu berühren. Mir war nicht bewusst, dass man so vieles in einer einzigen Figur auszudrücken vermag.

Da war ein alter Mann, der seine Hand schützend über sein Kunstwerk hielt. Woran sah man eigentlich, dass er alt ist? An seinen Falten im Gesicht, meinten meine sehenden Freunde. Tatsächlich fand ich beim zweiten Betasten seines Gesichts diese Falten. Ich hätte ihn noch lange eingehend betasten mögen, um die vielen Details in mich aufzunehmen.

Der dicke Mann auf seinem Geldsack war zwar wunderschön ausgeführt, war mir aber zuwider.

Als letztes durften wir einen alten lächelnden Mann betasten, der sich auf einen Stock stützte. Dass er lächelt konnte ich nicht erkennen. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie wenig ich über Gestik und Mimik Bescheid weiß. Schließlich hat man kaum Gelegenheit, das Gesicht eines anderen zu berühren. Was passiert im Gesicht, wenn Jemand lächelt oder traurig ist?

Ich hätte noch gern weitere dieser schönen Holzarbeiten gesehen. Holzfiguren zu schnitzen, muss große Freude bereiten, da man so vieles auszudrücken vermag. Allerdings ist fraglich, wieweit man das als Blinder vermag.

Nun zeigte uns Mono einen gerade erst fertiggestellten Tonkopf. Anfangs fühlte sich die Feuchtigkeit des Tons unangenehm an, während ich seine Geschmeidigkeit und Glattheit als angenehm empfand. Nachdem ich mich an das Material gewöhnt hatte, vermochte ich auch hier Details zu erkennen.

Mono zeigte uns dann, wie man einfach und schnell Gebrauchsgegenstände aus Ton herstellen kann. Mit welcher Leichtigkeit und Schnelligkeit seine Hände Kunstwerke formten, war faszinierend.

Er bot an, uns mit Kursen in seine Kunst einzuführen. Einige Neugierige werden es versuchen, und es wird sicher sehr interessant und spannend werden.

Petra Raissakis

Aus: "Odilien-Institut im Blickpunkt", Folge 34/Dezember 1997

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© 1997 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Do, 26.10.00, 08:01:19 Uhr.
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