Blinde in Europa /

Blinde in Europa

Ich spüre was, was du nur siehst - Blinde in Europa; das war der Titel einer Sendung des Deutschlandfunks aus der Sendereihe "Gesichter Europas". An Beispielen einzelner Personen wurde hier die Situation blinder Menschen in vier europäischen Ländern dargestellt. Klaus Bierbaum hat die Beiträge, die wir in etwas gekürzter Form wiedergeben, zusammengestellt:

Spanien

Blind, das heißt in Spanien schon fast automatisch Losverkäufer. Die Lotterie von O.N.C.E. bietet ihren Mitarbeitern ein gutes Einkommen, ein Grundgehalt plus Umsatzbeteiligung. Und was dem Unternehmen an Gewinn bleibt, wird in Reha-Zentren, Krankenhäuser, Schulen oder Hotels gesteckt. 36.000 behinderte Menschen arbeiten bei O.N.C.E., doch längst nicht alle sind zufrieden mit ihrem Job.

Ein dunkelbraunes Häuschen mit Glasfenstern, ähnlich einer alten Telefonzelle, O.N.C.E. steht darauf, die Abkürzung für die nationale Organisation der spanischen Blinden. Drinnen sitzt Blanca, eine dunkelhaarige Frau von 31 Jahren, in Jeans und schwarzem T-Shirt mit einer dunklen Brille auf der Nase. Und sie lacht so fröhlich, als sei Lose verkaufen ihr liebstes Hobby, dabei ist es eher eine Notlösung: "Als ich mit dem Studium fertig war, ging ich auf Arbeitssuche", erzählt sie. "Das war wegen der schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr kompliziert. Schließlich hat mich dann O.N.C.E. angestellt, obwohl ich noch ein Restsehvermögen habe."

Natürlich suche sie weiter nach einer anderen Arbeit, aber in der Zwischenzeit genießt sie den unmittelbaren Kontakt mit ihren Kunden und hat am Loseverkaufen nur eines auszusetzen: "Manchmal ist es langweilig, denn es gibt Tage, an denen du wenig verkaufst." Im Schnitt nimmt Blanca am Tag etwa 200 Euro ein, nicht immer in bar, denn manche Kunden geben auch ihre Gewinnlose in Zahlung. Ist sie da nicht ein gefundenes Fressen für Betrüger, die ihre Sehschwäche ausnutzen? "Im Allgemeinen nicht, aber manche versuchen schon, mir ein falsches Los unterzujubeln."

Ihre Kollegin Maria-Loisa kann gerade mal hell und dunkel unterscheiden und ist deshalb auf einen Apparat angewiesen, der so aussieht, wie ein Lesegerät für Kreditkarten. Die Lose werden durchgezogen, und die Lautsprecherstimme sagt, ob sie gewonnen haben bzw. ob sie überhaupt echt sind.

Maria-Loisa ist 71 Jahre alt, eine gepflegte ältere Dame vom Typ einer gepflegten Chefsekretärin. Und doch ist der Losverkauf für sie mehr als ein bloßer Zeitvertreib: "Es ist mein Lebensunterhalt, ob es mir gefällt oder nicht", Worte, die sie weder lamentierend noch verbittert ausspricht. Sie scheint sich in ihrem Kiosk fast wie zu Hause zu fühlen, zumal ihr Mann sie jeden Tag hinbringt, wieder abholt und ihr oft auch in der Zeit dazwischen Gesellschaft leistet. "Zumindest können wir Behinderte irgendeine Arbeit tun. Man kann nicht sagen, dass viele Behinderte in anderen Bereichen beschäftigt werden. Woanders findet man überhaupt keinen Job." Nur der Standort ist ihr ein Dorn im Auge; zu viele Büros, zu wenige Privatwohnungen und daher zu wenig Kundschaft: "Ich bitte seit sechs Jahren darum, dass man mir einen anderen Platz gibt, aber ich warte immer noch."

(Es kommen weitere Verkäufer zu Wort.)

Auf die Frage, ob er immer und ewig für die Blindenlotterie arbeiten möchte, schüttelt der 32-jährige Ricardo lachend den Kopf: "Nein, ich glaube, dass ich eines Tages das große Los ziehe."

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 7/8, Juli/August 2003.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 19.09.03, 20:20:09 Uhr.
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