Schwarzweiß - farbenblind /

Schwarzweiß ist nicht gleich farbenblind - und umgekehrt!

Eigentlich wollte ich ja nur ein Foto machen, das meine betagte 1,7 GB-Festplatte von IBM (Baujahr 1996) mit einem Microdrive im Memory Flash Card-Format (MFC, Baujahr 2003) vergleicht. Allein dieser Vergleich ist schon beeindruckend: Meiner Festplatte mit den Maßen 145x100x24 mm und einer Masse von 496 g steht ein Kärtchen von 40x35x4 mm gegenüber, das gerade mal 16 g auf die Waage bringt. Auf das Kärtchen passen mit 2 GB sogar mehr Daten als auf die Festplatte, und das bei erheblich kleinerem Stromverbrauch. Ich legte also Microdrive und Karte auf dem Tisch nebeneinander und fotografierte sie.

Microdrive und Festplatte im Größenvergleich - Originalfoto

Bildbeschreibung: Microdrive und Festplatte im Größenvergleich

Als ich das Bild betrachtete, meldete sich mein Spieltrieb und schlug mir vor, mir das Ganze doch mal in Schwarzweiß anzusehen. Gesagt, getan. Und heraus kam ein Bild, das mich an Sachaufnahmen früherer Zeiten in Fachzeitschriften für Elektronik erinnerte. Die schlichte Schönheit der Technik kam erst jetzt so richtig zum Vorschein. In diesem Moment fiel mir ein, was ich schon früher einmal in einem Fotobuch gelesen hatte:

"Viele Farbfotografen blicken auf die Schwarzweißfotografen herab wie etwa ein Autofahrer auf die Fußgänger. Nun kann man ja mit einem Auto sehr viel, aber eben nicht alles; zum Beispiel nicht Treppen steigen."

Wie wahr! Und dennoch ist Schwarzweiß mittlerweile ziemlich aus der Mode gekommen, vielleicht, weil sich in einer Zeit der optischen Reizüberflutung kaum noch jemand die Zeit nehmen mag, Bilder in Ruhe zu betrachten, es sei denn, er hat irgendwo eine künstlerische Ader. Vielleicht habe auch ich so was - ein bißchen jedenfalls. Ich stellte mir vor, wie das Bild wohl in den Anfangsjahren der Fotografie ausgesehen haben könnte - naja, gut, daß sich die Fototechnik seither weiterentwickelt hat! Nun kam ich auf die Idee, das Ganze in Sepia, also dem Braunton darzustellen, der zu Beginn bis Mitte des 20. Jahrhundests üblich war. Und siehe, meine Festplatte wirkte schon beinahe museal!

Das Schwarzweißbild dieser Aufnahme zeigte, daß die dunkelbraunen Farben gegenüber dem "normalen" Schwarzweißbild deutlich dunkler herauskamen, und das brachte mich auf einen neuen Gedanken: Für einen Menschen mit Farbsehstörungen ist es sicher nicht gleichgültig, ob er ein Sepia- oder ein Schwarzweißbild, das Bild eines Farb- oder Schwarzweißfernsehers usw. betrachtet, denn er sieht ja nicht einfach nur schwarzweiß, er kann einige Farben nur schlecht oder überhaupt nicht wahrnehmen, und die fehlen dann auch dem Schwarzweißbild. Also beschloß ich, mein Bild in diese Richtung zu untersuchen. Einschlägige Vorkenntnisse besitze ich noch aus der Zeit der Schwarzweißfotografie. Hier werden nämlich gelegentlich auch Farben ausgefiltert, um beispielsweise die weißen Wolken am blauen Himmel hervorzuheben.

Der Hintergrund:
Das Licht gehört zu den elektromagnetischen Wellen, genauso wie Funk- und Mikrowellen, Wärme-, Röntgen- oder Gammastrahlung. Unsere Augen sind also Organe zur Wahrnehmung bestimmter elektromagnetischer Wellen, nämlich im Wellenlängenbereich von 780 nm (Nanometer) bis 380 nm. Die Farbe ändert sich dabei wie bei einem Regenbogen von Rot nach Violett. Gelbgrünes Licht mit 500 nm hat eine Wellenlänge von etwa ein Zwanzigstel der Dicke eines Kopfhaares. Was wir als weißes Licht wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein Gemisch aus Licht aller Wellenlängen. Unsere Netzhaut kann mit ihren Zäpfchen aber nur drei Farben wahrnehmen: Rot, Grün und Blau. Alle übrigen Farben werden durch additive Mischung dieser drei Farben erzeugt. Wenn Sie das nicht glauben mögen, dann betrachten Sie einmal das Bild eines Farbfernsehers oder Computermonitors mit einer stark vergrößernden Lupe. Sie werden staunen!

Auch wenn uns Computer (und Farberkennungsgeräte) vorgaukeln, alle Farben seien gleich hell; weißes Licht besteht zu etwa 30 % aus rotem, zu 59 % aus grünem und zu 11 % aus blauem Licht. Das ist deshalb bedeutsam, weil wir im Schwarzweißbild Rot und Blau dunkler wahrnehmen als Grün. Das sogenannte Regenbogensignal, ein Testbild im Fernsehen, bei dem die Farben nach ihrer Helligkeit geordnet in senkrechten Streifen dargestellt werden, erscheint in Schwarzweiß als treppenförmige Helligkeitsabstufung in Grautönen von Weiß nach Schwarz (sog. Grautreppe). Das gilt für das Sehen bei größeren Helligkeiten, wie zum Beispiel am Tage. Nachts sind alle Katzen grau, wir sehen praktisch nur Schwarzweiß, aber da sind unsere Augen vorwiegend blauempfindlich, um das blaue Licht des Nachthimmels besser nutzen zu können.

Durch Ausfiltern von Farben läßt sich die Helligkeitsverteilung des Schwarzweißbildes verändern. So wird in der Schwarzweißfotografie durch Gelbfilter das Himmelslicht viel stärker gedämpft als das der Wolken, denn das blaue Licht des Himmels enthält viel weniger Grün und Rot als das Weiß der Wolken, die dadurch heller vor einem dunkleren Himmel erscheinen. Umgekehrt läßt sich der Vordruck eines Erlagsscheins optisch durch ein Rotfilter zum Verschwinden bringen, denn das Filter läßt von dem weißen Licht, das vom Papier kommt, auch nur den Rotanteil durch, und der ist genau so hell wie das Rot des Vordrucks. Wollte man den Kontrast dagegen verstärken, so müßte msn blau filtern; Rot erschiene dann beinahe schwarz.

Wer Farbsehstörungen hat, der sieht die Welt wie durch ein Filter, nur kann er sich die Filterfarbe nicht aussuchen. Bei der am häufigsten vorkommenden Rotblindheit ist das Sehvermögen für Rot geschwächt oder gar nicht vorhanden. Ich habe diesen Effekt am PC simuliert und Rot einfach aus dem Bild entfernt. Schön sieht die Welt so nicht gerade aus. Aber das Schwarzweißbild davon sieht ganz ordentlich aus. Das verwundert mich kaum, denn wir nehmen ja bevorzugt grünes Licht wahr. Früher waren die Schwarzweißfilme auch rotblind, man bezeichnete sie als "orthochromatisch", weil die Helligkeitsverteilung der Wirklichkeit schon recht nahe kam.

Gelegentlich können Farbenblinde nur eine Farbe sehen (Monochromasie), nämlich Blau. Auch diesen Fall habe ich nachgestellt. Was bei der Rotblindheit noch keine allzu große Bedeutung hatte, gewinnt hier sehr an Gewicht: die Verringerung der wahrgenommenen Lichtmenge. Und das hat Konsequenzen für die Beleuchtung. Wer rotblind ist und vielleicht auch Grün nur vermindert oder gar nicht mehr wahrnehmen kann, der braucht Lichtquellen mit einem gegenüber Glühbirnen höheren Blauanteil. Unt wenn er Glühbirnen verwenden will, so braucht er meist ein paar Watt mehr.

Das Bild schwarzweiß

Schwarzweißbild des Fotos oben.
Die Helligkeitsverteilung entspricht etwa
unseren Sehgewohnheiten.

Das Bild schwarzweiß mit sehr geringem Kontrastumfang

So könnte das Bild in den frühen Tagen
der Fotografie ausgesehen haben.
Der Kontrastumfang ist sehr gering.

Sepia-Version des Bildes

Das Sepia-Bild wirkt beinahe farbig -
in einem schönen warmen Braunton -
obwohl es sich hier um ein
Schwarzweißbild handelt.

Schwarzweißversion des Sepiabildes

Die Brauntöne des Sepiabildes erscheinen
in schwarzweiß etwas dunkler als bei dem
vom Farbbild gewonnene Schwarzweißbild.

Das Bild rotblind

Für Rotblinde sieht die Welt
etwas befremdlich aus -
alles in Grün und Blau.

Das Schwarzweißbild des rotblinden Bildes

Die Farbverteilung des Schwarzweißbildes
vom rotblinden Bild sieht dem "normalen"
Schwarzweißbild noch recht ähnlich,
ist jedoch bereits deutlich dunkler.

Monochromatisch blaues Bild

Einige Farbnuancen sind bereits
nicht mehr erkennbar. Das liegt
zum einen an der Filterwirkung,
zum anderen aber auch daran,
daß das Bild sehr dunkel ist.
Schließlich stehen nur etwa
11 % des Lichts zur Verfügung.

Schwarzweißbild des blauen Bildes

Auffällig an diesem Bild
sind die Dunkelheit und die Filterwirkung.
Der blaue Farbverlauf auf dem Microdrive
ist verschwunden, denn das Bild gibt
ja nur den Blauanteil wieder.

Mich haben die Bilder jedenfalls nachdenklich gemacht. Es ist doch erstaunlich, wie sehr Farbsehstörungen das Sehvermögen beeinträchtigen können. Und dabei wollte ich eigentlich nur den Größenunterschied zweier Speichermedien darstellen...

Falk Webel

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© 2005 by Falk Webel
Erstellt am Mo, 28.03.05, 11:47:00 Uhr.
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