Die Sololäuferin /

Die Sololäuferin

Am 13. September ging es wieder los zu einem Ausflug der Frauen des BSBH. Der Bahnsteig war brechend voll. Gießen oder Bombay? Nein, der Ansturm auf die IAA. Wir quetschten uns in den Zug und erkämpften uns die Behindertenplätze. Männer mit glasigen Augen und saurer Alkoholfahne erhoben sich murrend. An ihre Zigaretten gekrallt lehnten sie schwankend aneinander und gähnten. Ich war hellwach, denn vor meiner Nase baumelte ein glühender Zigarettenstummel. Wir saßen bei den Parias im Raucherabteil. Eklig. Aber wir saßen.

Mit Verspätung kamen wir in Frankfurt an und enterten den Reisebus. Ziel Wiesbaden. Alle hatten Begleitpersonen, nur ich nicht. Ich bin eine Sololäuferin, und so saß ich auch allein. Wir wurden abgecheckt und nach unseren Essenswünschen gefragt. Schwierig, schwierig, denn es dauerte eine Zeit bis die Anzahl der Speisen auch mit der der Esser übereinstimmte. Das fand ich äußerst kurzweilig. Es dauerte auch nicht lang und wir waren in Wiesbaden. Der Busfahrer fuhr uns bis vor die Tür des Stammlokals der Wiesbadener Bezirksgruppe. Dazu wendete er quer über der Straße, blockierte 4 Fahrbahnen, und ich guckte triumpfierend auf die wartenden Autofahrer runter. Sollten die mal warten, ansonsten muß ich das immer.

Im Lokal war es ziemlich dunkel, und es gab Speisekarten in Punktschrift. Die brauchten wir aber nicht, da wir ja schon im Bus gewählt hatten. Die Gespräche kamen schnell in Gang, da ja alle paarweise da waren. Ich fühlte mich außen vor und machte Notizen. Meine Nachbarin beäugte mich leicht neidisch, da ich in der Lage war zu schreiben. Ich wiederum hielt sie für ein Adlerauge, da sie ihrer Nachbarin das Fleisch schnitt. Erst als ich sie um Hilfe bat, mir den Weg zur Toilette zu zeigen, fanden wir uns auf dem gemeinsamen Nenner der Sehbehinderten wieder und mußten über uns selber lachen. Vorurteile trennen. Ab da hatten wir gute Gespräche, ein nettes Miteinander.

Mit vollen Bäuchen ging es zur Stadtführung, die bei den Theaterkolonaden begann. Als erstes befühlten wir die dicken Säulen, später die Bronzefiguren... wenn es in einer Stadt mal staubig ist, dann schickt man am besten eine Gruppe Blinde durch und alles blitzt und blinkt wieder. Ich wechselte des öftern den Standort, ging von hier nach da in der Gruppe. Ich bin Sololäuferin.

Nach den Kolonaden kamen wir zu den Kolonien. In einigen Platanen leben seit vielen Jahren Schwärme von grünen Sittichen. Die waren aber grad unterwegs. Sonnenblumenzeit. Schnellimbiss in wiesbadner Vorgärten.

Auf dem Weg zum Foyer des Kurhauses begegneten wir einer Hochzeitsgesellschaft. Kleine Grüppchen, edel gekleidet, die auf das Brautpaar warteten. Im Foyer bekamen wir Einsicht über Aufbau und Art, erfuhren, daß das Kurhaus einer römischen Villa nachgebaut wurde. Der Führer war eifrig am Erklären und ich seilte mich kurz ab, um wieder aufs Klo zu flitzen. Als ich zurückkam, war die Halle leer. Hätte nie gedacht, daß sich eine so große Gruppe so schnell entfernen könne. Ich stand da. Keiner hatte mich vermisst, denn ich bin Sololäuferin.

Draußen schärfte ich meinen Sehrest und steuerte eine Gruppe der Hochzeitsgesellschaft an. Auf die Frage, ob sie eine Gruppe Blinde gesehen hätten, kam die Rückfrage wie denn BLinde aussehen. Nun, ich erklärte, daß sie sich im allegemeinen nicht von normalen Menschen unterscheiden, außer, daß sie weiße Stöcke tragen und meistens paarweise auftreten. "Ach", kam die erstaunte Antwort, "ich dachte, die haben immer was gelbes an! Da oben stehen Leute, die gelbe Trikots tragen!" Mein Blick fiel auf eine Gruppe Sportler, die wohl Spalier stehen wollten für das Brautpaar. Ich staunte, wie blind Vollsehende sein können und verabschiedete mich. Ich ging zurück zum Bus, das schien mir am sichersten. Ich saß in der Sonne am Rand der Kolonaden und beobachtete die Vorübergehenden. Jede Menge Japaner, ein älterer Mann, wettergebräunt wie ein Broiler vom Grill mit Tarnhose und Gürtel mit Löwenschnalle. Ein Vater mit Zwillingen, die unbedingt das Brautpaar sehen wollten. Ich auch, aber mehr als Hufgeklapper bekam ich nicht vor die Linse. Wieder Japaner und Engländer. Ich schloß geblendet die Augen und wartete. Dann endlich DIE Gruppe von Blinden und Sehbehinderten, auf die ich so lang gewartet hatte. Nur ein Paar hatte mich vermisst, aber sich gedacht, ich sei so unverwüstlich, daß man sich nicht sorgen brauche.

Im Bus formierten sich wieder Zweiergrüppchen, es wurde gefragt, ob jeder seine Nebenfrau hat und ab ging die Fahrt nach Frankfurt. Ich hätte noch locker irgendwo zerfetzt im Busch liegen können, denn eine Sololäuferin hat keine Nebenfrau, die sie vermisst.

Am Hauptbahnhof war die Hölle los. Das Ende des samstäglichen Kaufrausches und eines IAA-Tages. Ich verabschiedete mich von der Gruppe und kämpfte mich zum Zug durch. Aalglatt erreichte ich noch den Zug und ergatterte einen Platz im Fahrradabteil. Dort sitzt man sich in zwei langen Reihen gegenüber, was sehr unterhaltsam sein kann. Es bot sich ein Schauspiel, was ich so noch nie gesehen hatte. Ein sichtlich unter Drogen stehender, vergammelter junger Mann fixierte mit einem absolut bösen und provozierenden Blick ein iranisches Pärchen. Ich bewunderte den Begleiter der jungen Frau, da er souverän alle verächtlichen Schnaufer ignorierte. Höhnisches Lächeln des Ekels mit gelben Zähnen. Ich war angewidert und fasziniert. Das Ekel löste sich vom Sitz und schwankte zur Toilette. Dort mußte er warten und löste schon mal den Gürtel. ZUm Glück konnte er schnell in die Kabine. Er hatte sich anscheinend auch gekämmt, denn der zahnlückige Plastikzinken fiel ihm aus der blaugeäderten Hand und blieb auf dem Boden liegen. Dann wieder die Nummer mit dem Fixieren des Ausländerpaares. Mittlerweile waren noch indische Jungs angekommen und das Ekel hielt irritiert inne. Wohin mit dem Hass? Und dann, ihr glaubt es nicht, stand er auf, mitten im Abteil und zog sich die Hose aus. Zu unser aller Überraschung, die sich aber keiner anmerken ließ, hatte er noch eine drunter. Die dunkle Hose legte er zusammen, um sich dann an der hellen Hose zu schaffen zu machen. Auch diese fiel ihm lose zu Füßen, auch diese Hose wurde zusammengelegt. Ich weiß nicht, wie viele Schichten er übereinander anhatte, denn nur die zweite Hose kam ins Gepäck, die dunkle zog er wieder an. Klimpernd schloss er den Gürtel. Ich staunte über mich, denn das Programm was sich mir bot, faszinierte mich trotz aller Ekligkeit. Als ich meinen Blick endlich abwandte, entdeckte ich noch zwei Frauen aus unserer Gruppe. Kurz angefragt, was ich denn verpaßt hätte, erfuhr ich, daß auf dem Nizzaplatz Dostojewskis Kopf sei. Ob er den, spielsüchtig, in einem Kasino verloren hatte? Und dann sei da noch die Villa Clementine gewesen... oh, wer hätte gedacht, daß diese kleine dicke Frau in der weißen Latzhose, die immer mit dem Arielpaket an der Waschmaschine lehnte, so viel Gage bekommen hatte für die Werbespots. Ich wurde korrigiert. Ein betuchter Knopffabrikant hatte das Haus für seine Frau gebaut. Er hat sich wohl zu viel Zeit gelassen, denn sie hat den Einzug nicht mehr erlebt. Dumm gelaufen. So wie ich, die Sololäuferin. Ich muß mir angewöhnen, mich bei der Gruppe an und abzumelden. Von der Stadt und ihrer Kultur habe ich vieles verpaßt, aber das mitmenschliche Programm war Spitzenklasse und nicht zu überbieten.

Ulrike Geilfus

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© 2003 by Ulrike Geilfus
Erstellt am Fr, 31.10.03, 08:46:09 Uhr.
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