Ein ganz normaler Tag /

Ein ganz normaler Tag

"Guten Morgen, es ist vier Uhr neunundfünfzig!" dringt die mitleidlose Stimme des sprechenden Radioweckers aus weiter Ferne an mein Ohr. Zum Glück sagt er nicht "Hallo Langschläfer". Das kann er nämlich auch. Das wäre eine Zumutung. Es ist doch noch mitten in der Nacht. Aber da verliest die angenehme Stimme des Radiosprechers auch schon die neuesten Nachrichten. Ich wälze mich auf die andere Seite, höre mit halbem Ohr hin und bemühe mich, nicht wieder einzuschlafen. Wie kann man nur so verrückt sein, soooo früh aufzustehen. Das denke ich mir jeden Morgen.

Der Mann im Radio ist beim Wetter angelangt. Na wenigstens regnet es nicht. Höchste Zeit, mich aus dem Bett zu wälzen.

Erst unter der Dusche erwachen meine Lebensgeister so richtig. Ich genieße das warme Wasser und würde am liebsten den ganzen Tag da verbringen. Aber der Mann im Radio drängt zum Weitermachen. Wieso hat es die Zeit am Morgen immer besonders eilig? Die läuft immer so schnell.

Wie fast jeden Tag stehe ich vorm Kleiderschrank und kann mich nicht entscheiden, was ich anziehen soll. Damit ich nicht zu sehr danebentreffe und eine Kombination erwische, die absolut nicht zusammenpasst, hänge ich Kleidungsstücke immer so zusammen, wie sie zusammenpassen. Ab und zu kommt jemand vorbei und kontrolliert, ob ich die Sachen nach dem Waschen auch wieder richtig zusammenbekommen habe.

Ich entscheide mich schließlich für eine Hose, die noch gebügelt werden muss. Typisch, als ob ich's nicht eh schon eilig genug hätte. Der ganze Kasten hängt voller Gewand. Und ausgerechnet sie muss dran glauben.

Ich schalte seufzend mein Bügeleisen ein, das ich mir mit kleinen fühlbaren Punkten markiert habe und bügle die Hose. Sie ist willig und verliert sehr rasch ihre Falten.

Endlich bin ich fertig angezogen. Der Mann im Radio drängt. Aber ich kann nicht außer Haus gehen, ohne noch schnell einen Blick in meine Mailbox geworfen zu haben. Also muss auch der PC aufwachen. Gott sei Dank ist die Box leer. Denn manchmal passiert es, dass ich in aller Früh anfange, Mails zu beantworten. Ich habe gleitende Arbeitszeit, sodass es nicht so tragisch ist, wenn ich statt um halb Sieben um halb Acht im Büro auftauche. Aber in aller Frühe ist auf den Straßen weniger los. Ich komme rascher voran und muss mich weniger konzentrieren.

Endlich löse ich mich vom PC. Es ist höchste Zeit, dass ich weiterkomme. Wieso trödle ich in der Früh bloß immer so?

Ein Griff in den Kühlschrank sagt mir, dass ich noch eine Weile Hunger leiden muss. Es herrscht gähnende Leere. Wunderbar! Ein Einkauf mit meinen Freunden ist wieder fällig. Seit das kleine Geschäft in meiner Umgebung geschlossen hat, ist es mit Einkaufen etwas schwierig geworden.

Nachdem ich endlich aus meiner großen Auswahl an Schuhen die beiden richtigen erwischt habe (ich ging schon mal mit zwei verschiedenfarbigen Sandalen, die sich bis auf die Sohle gleich anfühlten) und mich für eine der vielen Jacken entschieden habe, nehme ich meinen treuen Begleiter - meinen Stock - vom Haken, und los geht's.

Das Haus schläft noch. Trotzdem muss ich aufpassen, ob nicht irgend Jemand auf der Treppe irgend etwas hat stehen lassen. Über die Stiegen fällt man schneller als gedacht. Ich habe Glück, der Weg ist frei.

Es regnet nicht, und ist wärmer als gedacht. Die Vögel singen ihr fröhliches Morgenlied. Wie kann man um sechs Uhr Morgens nur so aktiv sein? Sonst ist es noch recht still.

Auf geht's zur Bushaltestelle. Der Weg ist ziemlich einfach. Es geht hauptsächlich geradeaus. Ein paar Stellen gibt es, an denen der Gehsteig sehr schmal ist. Bei einigen Hauseinfahrten heißt es aufpassen, dass nicht ein Auto herausfährt. Sonst aber ist der Weg ziemlich unproblematisch. Mein Stock kennt ihn auch im Schlaf. Wie immer entfaltet er sein Temperament, kaum dass wir losmarschiert sind, und besucht seine Lieblingsplätze. Es gibt einige Kanaldeckel, an denen er nicht vorbeigeht, ohne darin kurz zu versinken. Und wenn er sich nicht in seine Lieblingsstangen verkeilt, ist er schlecht drauf und schiebt sich andauernd zusammen. Er ist ein Teleskopstock, kann also bei Bedarf kürzer gemacht werden, was recht praktisch ist, wenn man ihn nicht braucht. Mitunter findet er eigenmächtig, dass man ihn jetzt nicht zu brauchen hat und schiebt sich zusammen. An manchen Tagen ist er wirklich störrisch. Heute habe ich Glück. Und es springen uns auch keine unerwarteten Hindernisse in den Weg. Mülltag ist auch nicht. Denn diese vielen Mülltonnen blockieren ganz schön den Weg. Und die Müllwagen schlagen einen solchen Wirbel, dass ich sonst nichts höre und stehen bleiben muss, bis sie abgefahren sind.

Ich erreiche gerade noch rechtzeitig die Bushaltestelle. Bald vernehme ich das unverwechselbare Geräusch des Busses. Nachdem hier nur eine Linie fährt, kann es keine Verwechslungen geben.

Der Bus ist wie immer um diese Morgenstunde leer, und ich finde sofort einen Sitzplatz. Die nächsten 10 Minuten brauche ich mich nicht so sehr zu konzentrieren. Zwar stimmen die Ansagen nicht immer, aber der Weg ist durch viele Kurven sehr markant. Der Fahrer hat es so eilig, dass ich in den Kurven fast vom Sitz falle. Wenigstens komme ich nicht in Versuchung einzuschlafen oder in Gedanken zu versinken. Denn dann konzentriere ich mich zu wenig auf den Weg und steige noch bei der falschen Haltestelle aus.

Heute läuft alles wie am Schnürchen. Auch der Rest des Weges, weitere fünf Minuten Fußweg, verläuft ohne Schwierigkeiten. Ich habe drei Straßen zu überqueren. Aber in der Früh ist fast nichts los, sodass ich rasch vorankomme.

Die Gasse, in der mein Büro liegt, ist am Morgen durch viele Zusteller immer ziemlich verparkt. Neben meinem Bürogebäude befindet sich ein Feinkostladen. Diese großen Lieferwägen sind mir ein Greuel. Wenn sich die in Bewegung setzen, ergreife ich die Flucht. Und wenn sie abladen steht auch immer ziemlich viel herum. Da können sich auch ganz gemeine kantige Dinge in Kopfhöhe befinden, die man mit dem Stock nicht mitkriegt.

Diesmal habe ich ziemlich freie Bahn und mein Stock passt gut auf mich auf, sodass wir wohlbehalten den Eingang ins Bürogebäude finden, was manchmal eine Aufgabe ist, da die Fahrzeuge so dicht nebeneinander stehen, dass ich den Eingang verpasse.

Ich bin heilfroh, als ich schließlich mein Büro aufsperre. Als Erstes brauche ich jetzt einen Kaffee aus dem Automaten. Meine Bürokollegin hat den Automaten für mich beschriftet. Ursprünglich hatte er nur kaum spürbare Felder, auf die man drücken musste. Die Wahrscheinlichkeit, wirklich das gewünschte Getränk zu bekommen, war ziemlich gering. Die Kollegin kam auf die Idee, kleine durchsichtige Pillen auf die Felder zu kleben. Sie fühlen sich wie Knöpfe an, und es funktioniert ganz prima. Nur der Automat ist wieder einmal störrisch und läßt den Kaffee ins Nichts laufen. Er wollte wohl Becher sparen! Beim nächsten Versuch ist er so gnädig und spendiert mir nicht nur Kaffee, sondern auch einen Becher. Danke, sehr nett!

Als nächstes erwecke ich meinen PC zum Leben. Er braucht ewig, bis er sich dazu durchringen kann, sein Windows zu laden. Die Sprachausgabe begrüßt mich munter, und auf der Braillezeile erwachen die kleinen Punkte und füllen die Zeile mit Infos. Ich starte meinen Outlook Express und stelle bedauernd fest, dass mir keiner geschrieben hat! Nachdem auch mein Windows Commander zum Leben erwacht ist, beginne ich meinen Arbeitstag als Sekretärin und schlage mich mit Winword herum. Da geht es mir nicht viel anders, wie den meisten.

Mein Büroalltag besteht aus Tippen von Briefen und Bescheiden, die mir diktiert werden. Das abwechslungsreichste an dieser Tätigkeit trägt der PC bei. Wieder einmal wird er mitten unter einem Diktat müde und kündigt durch einen Absturz seine Arbeit auf. Ich könnte ihn würgen. Es wundert mich jedesmal, dass er nach solchen Abstürzen wieder ordentlich hochkommt, und zumeist auch keine Daten verloren gehen. Ich speichere aber auch ständig.

Nach getaner Arbeit geht es heute noch ins Odilien-Institut. Als ich jetzt vor die Haustür trete, empfängt mich ziemlicher Wirbel. Kein Wunder. Mein Büro befindet sich in der Innenstadt von Graz, direkt in der Fussgängerzone. Da heißt es höllisch aufpassen, dass mir keiner auf meinen Stock tritt und ihn kaputt macht. Außerdem stehen ziemlich viele Hindernisse im Weg. Vor allem offene Auslagen können gefährlich werden. Und an manchen Tagen fällt einem jeder Zweite über den Stock oder Kinderwägen fahren einen über den Haufen.

Ich komme nur sehr langsam voran. In der Herrengasse, wo ich den Gleiskörper der Straßenbahn überqueren will, um auf die andere Seite zu gelangen, ist durch die Straßenmusiker so ein Wirbel, dass ich einfach nicht höre, wann der Weg frei ist. Mit einer Straßenbahn Bekanntschaft zu machen, ist das Letzte, was ich möchte. Die ist garantiert die Stärkere. Ein netter Passant bringt mich schließlich auf die andere Seite.

Ich finde das Noppenfeld im Boden, das mir die Straßenbahnhaltestelle anzeigt. In Graz sind die meisten Haltestellen Doppelhaltestellen. Das bedeutet, dass zwei Straßenbahnen hintereinander stehen bleiben können. Ansich sollte die hintere Straßenbahn ein zweites Mal stehen bleiben, wenn eine Person, die durch den weißen Stock als blind gekennzeichnet ist, auf dem Noppenfeld steht. In der Praxis funktioniert das aber nur noch selten. Heute habe ich Glück. Und so lande ich schließlich pünktlich im Odilien.

Da haben wir eine Verkehrssitzung, um uns über die vielen Baustellen zu informieren. Es ist wichtig, darüber Bescheid zu wissen, damit man nicht plötzlich mitten in einer Baustelle landet oder gar in eine Grube fällt. Auch einige große Plätze werden umgestaltet, und wir diskutieren, welche Adaptierungen wir brauchen.

Einige Stunden später bin ich endlich wieder in den eigenen vier Wänden und brauche mich nicht mehr so sehr konzentrieren. Ich hänge meinen Stock wieder an den Haken und bin mehr als froh, heute nicht mehr in den Trubel hinaus zu müssen.

Meine Tiefkühltruhe hat Erbarmen mit mir, und so steht einem Abendessen nichts im Weg. Mein Mikrowellenherd, der über eine Tastatur verfügt, was seine Bedienung sehr einfach macht, wird es mir in kurzer Zeit zubereiten. Prima!

Danach dann vertiefe ich mich noch in meine Mails und lese. Der Abend klingt angenehm ruhig aus.

Petra Raissakis

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© 2001 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Fr, 13.04.01, 08:01:19 Uhr.
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