Klein und Groß den Alltag nahe bringen /

Klein und Groß den Alltag nahe bringen

Seit ungefähr fünf Jahren mache ich Vorträge über das Leben von Blinden in Schulen, Erwachsenenqualifizierungen, Selbst bei Schwesternschülern und zu Rentnernachmittagen und im Kindergarten war ich schon eingeladen. Wie kam es dazu?

Als ich eben vor fünf Jahren meinen Führhund Simba bekam, erfuhr ich durch einen Zufall, dass unser Vorsitzender vom Blindenverband Vorträge über Blindenhilfsmittel in Schulen hielt. Da dachte ich mir so, dass das auch was für mich wäre. Zum Einen erweiterte sich meine Mobilität um einiges durch den Simba und zum Anderen habe ich immerhin zwei Kinder und somit einen Draht zu solchen kleinen Zweibeinern.

Nun, ich fing also an, in unserer Schule am Ort mal vorzusprechen, und so machte ich den ersten Vortrag. Simba war dazumal die Attraktion. Wir haben nur wenige Führhunde hier im Kreis.

Als ich unseren Vorsitzenden um einige Hilfsmittel bat, die ich selber nicht besaß, bekam es unsere damalige sehende Mitarbeiterin im Verband mit, und so gingen wir schon zu zweit über meine Wohnortgrenze hinaus auf die Pirsch. Nun, was ich nicht wusste war, dass diese Mitarbeiterin zu unserem ersten gemeinsamen Vortrag die Presse einlud. Resultat war, dass ein riesen Foto vom Simba unsere Zeitung zierte und wir mit einem Schlag bekannt wurden. Es hatte anscheinend die Presse begeistert, denn jetzt bekamen wir die Anrufe von den einzelnen Lehrern. Wobei ich immer zu behaupten wage, dass Simba unser Lockvogel war.

Was geht da in den Vorträgen ab?
Wie schon erwähnt, nehme ich Dinge aus meinem Haushalt - Uhren jeglicher Art, Spiele, und Kalender - mit. Ich stelle immer die einzelen Gegenstände vor und gebe dann zum Ausprobieren alles herum. Ich habe ganz bewusst eine Tages-, und Nachtcreme in meinem Gepäck, die ganz genau gleich sind. Wir haben nun schon einen Ersatzdeckel, der dann einen Markierungspunkt hat. Die Kinder sollen sehen, wie schwer es für uns ist, eben gerade Kosmetik zu unterscheiden. Anhand von Pfeffer- und Salzstreuer sollen die Kids beim Schütteln erkennen, dass man am Gewicht und Klang die Gewürze bestimmen kann. Mein "Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel" nutze ich immer, um die Kinder eine Farbe mit geschlossenen Augen herausfinden zu lassen, natürlich unter der Kontrolle ihrer Mitschüler. Die sprechenden Uhren erfreuen sich größter Beliebtheit. Mein Farberkennungsgerät ist da meist der Hitt. Die Mutigen unter den Kindern kriegen es auch klasse hin, mit geschlossenen Augen das Piepsen des Füllstandsanzeigers abzupassen, und kleckern nicht beim Eingießen einer Tasse Tee. Ich nehme einen Bibelteil in Punktschrift mit und halte dann das gleiche Buch in Schwazschrift dagegen. Das beeindruckt auch immer. Den Höhepunkt bildet aber doch meist der Simba, wenn er sich gönnerhaft durch die Massen bewegt und seine Streicheleinheiten und Blicke der Bewunderung abholt. Da kann es schon mal passieren, dass ein Kind übers Gesicht geleckt wird und der Hund nach etwas Essbarem herumsucht.

Was habe ich für Erfahrungen gemacht?
Jeder Vortrag ist eine neue Herausforderung. Es strengt zwar an, doch macht es riesen Spaß. Ich habe es noch nie erlebt, dass Desinteresse zu spüren war. Naja, man darf auch nicht zimperlich sein und muss auf die Fragen schon antworten. So wurde ich schon gefragt, wie ich zu meinen Kindern gekommen sei und wie ein blinder Mann pinkelt. Letzteres wusste ich allerdings nicht gleich und musste mich auch erst befragen. Trotzdem rühren mich die Fragen der Kinder desöfteren. So wurde ich auch gefragt, was mein größter Wunsch sei, wie man als Blinder sich auf dem Teller in der Gaststätte zurechtfindet, ob meine Kinder meine Blindheit schon ausgenutz haben usw. Die Erwachsenen interessiert mehr, wie ich seelisch mit der Blindheit klarkomme und fragen nach der Bewältigung des Haushaltes. Einmal ließ ich zwei Kinder mit den Führkugeln laufen. Als ich das mal eben künstlich erblindete Kind frug, wie es sich so gefühlt habe, da bekam ich die Antwort: "Es war einfach super, und ich habe mich serh wohl gefühlt." Mit solchen Hartgesottenen muss man halt auch kurzerhand aufs Schlagfertigste klarkommen. Aber, wie schon gesagt, ich habe ja zwei eigene Kinder, und auf den Mund gefallen bin ich auch nicht.

Bei einem Vortrag vor Rentnern fand mein Farberkennungsgerät großen Anklang. Als mich eine der alten Damen bat, ob es auch ihre Haarfarbe messe, ging der Spaß los. Das Gerät sagte nämlich, dass ihre Haarfarbe grau in Richtung grün sei. Daraufhin musste ich allen Damen die Haarfarbe bestimmen, und komischerweise tendierten alle Farben von grau ins Grüne. Das sind die heiteren Erlebnisse.

Einmal hat mich mein Simba bis auf die Knochen blamiert. Wir waren bei einer neunten Klasse zu Gast, in einer schönen Aula, welche große Fenster, riesen Grünpflanzen und mittig Säulen hatte. Als Simba seinen krönenden Auftritt darbot, da schwänzelte er um die Blumen herum, dann wieder um die Kinder, um zu guterletzt an einer der Säulen eines der Vier Beinchen zu heben und seine Marke zu hinterlassen. Alle bogen sich vor Lachen, nur ich wäre am Liebsten vor Scham in den Boden versunken.

Fazit:
Jeder Vortrag ist ein Vorstoß in die Öffentlichkeit und bringt Informationen zu den Menschen, die keine Ahnung von Behinderung haben. Es kommt immer darauf an, wie wir Behinderte uns darstellen. Ich erzähle frei von meinen Problemen, wie ich's geschafft habe, mit meiner Blindheit einigermaßen zurecht zu kommen, baue durch meine lockere Art Hemmungen der Sehenden ab und werde von vielen Menschen gekannt. Mittlerweile mache ich für unseren gesamten Kreis die Vorträge. Wenn auch vielleicht nicht alles hängen bleibt bei den kleinen und großen Menschen, die meine Hilfsmittel ausprobieren dürfen, zu Hause wird doch voller Erstaunen erst mal erzählt, was Blinde und Sehbehinderte alles machen können.

Selbst wenn ich mit dem Simba an der Ampel stehe, kommen Kinder auf mich zu und sagen, dass es grün sei. Ich bin dann aber auch nicht eingeschnappt, und fühle mich nicht bevormundet, nur weil mir Hilfe zuteil wurde, die ich nicht erbeten habe. Manchmal höre ich, wie sich Blinde über sicher gutgemeinte, aber aufdringliche Hilfe der Sehenden beschweren. Das mag schon ein großes Problem sein, doch woher sollen Nichtbetroffne wissen, wie man's richtig macht. Da sehe ich für uns echt eine große Möglichkeit über Vorträge Aufklärung leisten zu können. Vielleicht hat der Eine oder Andere Lust bekommen, sich auch mal für sowas zu begeistern. Ich möchte allen Mut machen, zu den Gesunden Brücken zu bauen.

Helga Seifert

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© 2003 by Helga Seifert
Erstellt am Mi, 09.07.03, 09:00:19 Uhr.
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