Schriftdolmetscher /

Schriftdolmetscher - eine neue Berufschance

Die Berufsbezeichnung hat natürlich auch einen englischen Namen: Realtime-Editor. Die computerunterstützte Stenografie bietet viele Einsatzmöglichkeiten:

Auf der Suche nach neuen Berufsmöglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte stieß ich auf die computerunterstützte Stenografie und die damit verbundenen Arbeitsfelder. In Dresden an der Akademie für Betriebswirtschaft findet derzeit eine Ausbildung zum Schriftdolmetscher statt, an der auch der blinde Diplomjurist Jan Jawinski teilnimmt. Ich besuchte die Akademie, sprach mit dem Leiter, Herrn Dr. Mielke, mit Herrn Jawinski und mit Frau Heidrun Seyring, die die computerunterstützte Stenografie für die deutsche Sprache adaptiert hat.

Bei der computerunterstützten Stenografie, oder auch Maschinenstenografie, werden die Silbenkürzungen, die einzelne Wörter oder auch ganze Satzteile abkürzen, in ein kleines Gerät mit einer Spezialtastatur eingegeben. Das Gerät ist mit dem PC verbunden und das Stenogramm wird unter Anwendung eines Software-Programms entschlüsselt und der ausgeschriebene Text erscheint für jeden lesbar auf dem Monitor. Ein guter Stenograf kann 350-400 Silben pro Minute schreiben und durch die sekundenschnelle Übersetzung im PC ist ein außerordentlich schnelles und effektives Arbeiten möglich.

Der jetzige Lehrgang wird von der Aktion Mensch und vom sächsischen Landesarbeitsamt gefördert. Die Teilnehmer haben alle eine Behinderung und sie werden nach beendigung des Lehrgangs beim Deutschen Schwerhörigenbund als Schriftdolmetscher tätig sein.

Schriftdolmetschen oder auch Realtime-Edition, so erklärt mir Heidrun Seyring, ist eine der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der computerunterstützten Stenografie. Bei Konferenzen, Verhandlungen u.Ä. können Schwerhörige, die nicht über Gebärdensprachkenntnisse verfügen, den Verhandlungsverlauf als Schrift auf großen Monitoren verfolgen. Die Sprachbeiträge werden von Schriftdolmetschern mit stenografiert und das Gesprochene erscheint fast zeitgleich auf Monitoren. Eine andere Einsatzmöglichkeit ist die Gerichtsstenografie, bei der entweder in der vorher beschriebenen Weise verfahren wird oder Sofort-Protokolle angefertigt, ausgedruckt und an die Beteiligten ausgehändigt werden.

Die Stenografin Heidrun Seyring lernte die computerunterstützte Stenografie und die damit verbundenen Möglichkeiten vor etwas über 10 Jahren bei einem Stenografen-Wettbewerb in den USA kennen und beschloss, das System für die deutsche Sprache zu adaptieren. Keine leichte Aufgabe, denn die deutsche Sprache mit ihren komplexen und langen Wörtern benötigt viel mehr Silbenkürzungen als z.B. Englisch. Hinzu kam die technische Umsetzung, bei der sie von ihrem Ehemann, der Informatiker ist, Unterstützung erhielt. Da Frau Seyring blinde Stenografen schon kannte, dachte sie, dass hier gute berufliche Möglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte liegen müssten.

Um ein guter Stenograf zu werden, muss man über eine gute Allgemeinbildung und ein gutes Sprachverständnis verfügen. Und - so füge ich hinzu - ein gutes Konzentrationsvermögen und gutes Gehör.

Der gelernte Diplomjurist Jan Jawinski erfuhr von der Rehaberaterin des Arbeitsamtes in Zwickau, wo er wohnt, von dem Ausbildungsgang in Dresden. Sie sah sein Notafon und meinte, für diese Ausbildung müsse man auch eine Spezialtastatur bedienen, hier habe er ja Übung. Herr Jawinski ist von seinem neuen Beruf begeistert. Er sieht nur eine Hürde: Bei bestimmten Tätigkeiten fallen Korrekturarbeiten an, die sehr schnell erfolgen müssen. Für die Korrektur ist der fehlende Bildschirmüberblick ein Hindernis und führt dazu, dass Sehgeschädigte zu langsam arbeiten. Dies ist jedoch kein großes Problem, weil in der Regel im Team gearbeitet wird und der blinde Kollege das Schreiben übernehmen kann.

Herr Dr. Mielke meinte auf meine Frage, dass es keine Probleme mit dem blinden Teilnehmer gegeben habe. Dass jedoch die Versorgung mit der Braille-Zeile so lange gedauert hat, ist allerdings ein Hemmnis gewesen.

Was mir besonders gut gefällt, ist, dass diese echte Zukunftsperspektive auch eine Chance für Vollblinde darstellt - erfahrungsgemäß ist es immer einfacher, geeignete Möglichkeiten für Menschen mit Restsehvermögen zu finden als für Vollblinde.

Karen Sophie Thorstensen

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 10, Oktober 2003.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Do, 13.11.03, 09:46:09 Uhr.
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