12 Jahre selbständiger Klavierstimmer /

Clemens Schwartz
Zwölf Jahre selbständiger blinder Klavierstimmer in Frankfurt,
ein Erfahrungsbericht

Vor einiger Zeit las ich in der "Gegenwart" einen Bericht über die Blindenanstalt Königs Wusterhausen und auch von der dortigen Klavierstimmerausbildung. Eine Schülerin wünschte sich sehr, irgendwann einmal selbständig zu arbeiten. Da ich das nun seit etwa elf Jahren tue, lohnt es sich vielleicht, davon zu erzählen.

Ich wurde 1948 vollblind geboren, habe in Marburg Abitur gemacht, lebe seitdem in Frankfurt am Main, habe dort eine Organistenausbildung abgeschlossen und für sehr wenig Geld und mit noch weniger Freude in katholischen Kirchen Organistendienst getan. Zusätzlich studierte ich Musikwissenschaft, schloss mit einer Magisterarbeit über Bachsche Orgelchoräle ab und bekam eine kleine Stelle als freier Mitarbeiter beim Rundfunk. Es erwies sich auf die Dauer als zu schwierig, schnell genug an bestimmte Fachliteratur zu kommen, ich war in der Konkurrenz mit den Sehenden hoffnungslos unterlegen, und so sparte man mich weg. Eine Umschulung war unumgänglich, und ich absolvierte die Klavierstimmerausbildung im Rehawerk Veitshöchheim. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mit einem Beruf je so viel Freude haben würde.

Wenn ich richtig unterrichtet bin, gab es in Berlin unterschiedliche Ausbildungsgänge, einen kürzeren für Fabrikstimmer ohne handwerkliche Schulung und einen längeren für das Stimmen im Aussendienst, wo ja auch Reparaturen anfallen. In Veitshöchheim gab es eine Rundumausbildung, die auch mehrere Praktika in Fabriken und Geschäften einschloss.

Rückblickend möchte ich unseren beiden Ausbildern grosses Lob für ihren Unterricht im Stimmen aussprechen. Das vielschichtige Problem der Oktaveinteilung in zwölf gleich weit voneinander entfernte Halbtonschritte (Temperierung) und dessen unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten unter Zuhilfenahme der Obertonschwebungen eines möglichst grossen Intervallvorrats wurde durch tägliches Üben an allerlei Klavierinstrumenten so gründlich vertieft, wie man es sich besser nicht wünschen kann. Auch historische Stimmungen waren im Programm.

Zur klaviertechnischen Ausbildung ist kritisch anzumerken, dass ich sicher einen leichteren Start gehabt hätte ohne das immer wieder leise angedeutete, unberechtigte Misstrauen gegenüber meiner handwerklichen Lernfähigkeit. Ermutigung wäre besser gewesen als Bangemachen. Zur Entschuldigung meiner Lehrer möchte ich einräumen, dass sie keinerlei blindenspezifische Ausbildung hatten und didaktisch und methodisch überfordert waren, besonders im Umgang mit Vollblinden, denen es ja nicht gegeben ist, etwas einfach abzugucken. Es erwies sich aber letztendlich, dass das Gelernte ausreichte, um die normalerweise vorkommenden Störungen zu beheben.

Bei meinen Fabrikpraktika schloss ich Bekanntschaft mit den dort beschäftigten blinden Stimmern. Sie fühlten sich wohl, ihr Verhältnis zu den sehenden Kolleginnen und Kollegen schilderten sie als gut.

Regelmässiger Verdienst und das Arbeiten an ausschliesslich neuen Instrumenten, an denen sie selbst nichts zu reparieren brauchten, wurden als die Hauptvorteile der Fabrikarbeit genannt. Von einer selbständigen Tätigkeit rieten sie mir dringend ab mit folgenden Gründen: Mobilitätsprobleme, unzuverlässiger Verdienst, ständig wechselnde Instrumente und Kunden, mögliche Schwierigkeiten mit Reparaturen. Solche Praktika sind sehr nützlich zum Erlangen von Routine; erfahrene Fabrikstimmer bewältigen an die zehn Klaviere täglich, wobei allerdings zu sagen ist, dass die Qualität nicht vergleichbar ist mit der des Stimmens bei Kunden. Das braucht es auch nicht, da ein fabrikneues Klavier die Stimmung ohnehin schlecht hält, das Material arbeitet noch; Gitarristen oder Streicher kennen das.

Auf Dauer fand ich die Fabrikarbeit wenig abwechslungsreich. Auch rechnete ich mir als Selbständiger ganz brauchbare Chancen aus. Zum einen kannte ich durch meine vorherige Ausbildung viele Berufsmusiker aller Art. Zweitens schienen mir die Mobilitätsprobleme in einer Grossstadt wie Frankfurt dank des dichten öffentlichen Nahverkehrs lösbar. Zum dritten hoffte ich auf die Wirksamkeit des positiven Vorurteils, dass nämlich Blinde fraglos besser hören als Sehende und ohnehin riesig sensibel sind. Immer wieder Neues kennenzulernen und vielfältige Bekanntschaften zu schliessen, reizte mich eher, als dass es mich abschreckte. Meine Überlegungen erwiesen sich langfristig als richtig.

Theoretisch gibt es natürlich auch die Möglichkeit, in einem Geschäft unterzukommen, was allerdings nicht ganz leicht ist. Es gibt sehr viele sehende Klavierbauer, und sie sind in einem Laden einfach universeller einsetzbar. Die Kapazität der meisten Läden ist nicht so gross, dass es sich finanziell lohnt, einen Blinden nur zum Stimmen im Innendienst einzustellen. Allerdings gibt es in Frankfurt Klaviergeschäfte, die sich freuen, wenn ich ihnen im Bedarfsfall zur Verfügung stehe. Blinde Kollegen, die kürzer oder länger in einem Laden tätig waren, äusserten sich eher unzufrieden. Sie fühlten sich wenig geschätzt und ausgenutzt.

Ich habe durchaus Scheu, Ratschläge auszuteilen, aber alle mir bekannten blinden selbständigen Kollegen pflichteten mir bei, dass Kontakte zu Berufsmusikern und besonders zu Lehrern von unschätzbarem Wert sind.

Besonders gut ist es natürlich, selbst Musik auszuüben. So habe ich manche Flaute auffangen können, indem ich in allen möglichen und auch unmöglichen Chören aushalf und dabei kräftig die Werbetrommel rührte. Auch Kirchenorganisten vertreten oder in Bands mitspielen, schafft solche Kontakte. An und für sich bin ich eher schüchtern und verträumt. Durch meinen neuen Beruf lernte ich aber mit der Zeit, wie unpraktisch es ist, sich seiner Blindheit wegen klein zu fühlen und klein zu machen. Natürlich hatte ich anfangs grosse Angst, etwas falsch zu machen oder mit einem Klavier gar nicht klarzukommen. Wenn die Stimmung nicht hielt, nahm ich an, daran könne selbstverständlich nur ich schuld sein. Mit der Zeit begegneten mir dann immer häufiger Klaviere, deren Stimmung vorzüglich hielt. Was das Reparieren betrifft, so bieten sich bei der Vielfalt der Klaviere immer wieder Überraschungen. Unser Lehrer, Herr Olbrich, pflegte immer zu sagen: "Man kann nie so dumm denken, wie es kommt". Gerade für den Anfänger ist es hilfreich, einen oder mehrere Kollegen zu kennen, die man in Zweifelsfällen um Rat fragen darf. Deshalb freue ich mich auf jeden Brief oder Anruf, meine Adresse folgt unten. Ich empfand es als sehr hilfreich, dass ich nach und nach die Scheu davor verlor, bei Reparaturarbeiten freundlich um kleine Hilfeleistungen zu bitten, die auch gern gewährt werden. Spüre ich, dass das nicht angebracht ist, lasse ich sie natürlich besser in Ruhe. Aber es gibt für Blinde schon das Problem, dass man zwei Hände zum Arbeiten braucht und eine dritte als Auge. (Für die Fachleute: Ich rede hier von dem auch für Sehende äusserst unangenehmen Aufziehen von Saiten unter der Basskreuzung (kommt Gott sei Dank selten vor) oder dem Ausbauen, Säubern und vor allem Wiedereinbauen der Dämpferabhebestange in kleinen Klaviermechaniken, wo noch die dünnsten Finger zu dick sind). Besonders gern helfen Hausfrauen und auch Kinder beim gründlichen Reinigen ihres Instruments, und ich finde es durchaus wichtig, Kindern dabei zu helfen, ein positives Verhältnis zu ihrem Klavier zu bekommen. So lasse ich sie auch gern beim Stimmen zuschauen, bin ich doch für viele der erste Blinde, den sie aus der Nähe kennenlernen. Was macht es da, wenn ich deshalb 20 Minuten länger brauche? Ich halte es für gut, wenn der Kunde das Gefühl empfindet, ich habe alle Zeit der Welt. Mehr als drei Instrumente am Tag habe ich ohnehin nur ganz selten, und mehr ist für mich nicht gut, weil ich gründlich arbeiten will, auch nach rechts und links gucke, ob etwas repariert werden muss, und weil ich die Kommunikation nicht beschränken will auf die beiden Sätze "Wo ist das Klavier? Wo ist das Geld?" Nur so besteht die Chance, bei den Kunden im Gedächtnis zu bleiben.

Ich erwähnte, dass die Mobilitätsprobleme in einer Grossstadt lösbar sind, wenn der öffentliche Nahverkehr gut ist, und wenn man nicht zu schüchtern ist, Leute anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass wir in unserem Beruf ja mehr unbekannte Wege zurücklegen als die meisten anderen Blinden, deren Bedarf mit etwa sechs unterschiedlichen Wegen, die im Mobilitätstraining geübt werden können, gedeckt ist, sofern sie niemanden haben, der sie mit dem Auto herumfährt.

Ich selbst bin riesig froh, in einer Grossstadt zu leben, wo man mit der S-Bahn problemlos einen weiten Radius erreichen kann. Was wollte ich in einem Ort, in dem zwei Busse am Tag fahren? Wer einen Chauffeur bezahlen muss, wird es sicher schwer haben, auf seine Kosten zu kommen. Mit der Möglichkeit, sich von den Kunden zuhause abholen zu lassen, habe ich persönlich ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Sie machen das zwei- oder dreimal, haben dann irgendwie keine Zeit oder Lust, trauen sich aber nicht, etwas zu sagen und nehmen einen anderen Stimmer. Aus diesem Grunde bin ich auch kein Befürworter von Führhunden. Viele Leute wollen ihn aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Wohnung haben, fürchten sich aber davor, das zu sagen und wechseln. Wenn ich zum Stimmen bestellt werde, frage ich nach, welche Strassenbahn, U-Bahn, S-Bahn oder welcher Bus in Kundennähe hält und frage vorsichtig, ob es möglich sei, mich dort abzuholen, was in aller Regel bejaht wird. Falls nicht, bitte ich den Strassenbahnfahrer, mir ein Taxi an die Haltestelle zu ordern, was mich von dort ans Ziel bringt. Zu Anfang meiner Berufstätigkeit hatte ich sehr viel mehr Ehrgeiz als heute, mich zu Fuss durchzufragen. Das ging meist problemlos, war aber bisweilen so nervenaufreibend, dass ich mich schon vor Beginn der Arbeit erschöpft fühlte. Die Taxikosten von 7 oder 8 DM stelle ich dem Kunden besser nicht in Rechnung, er soll nicht denken, er müsse dafür draufzahlen, dass er einen blinden Klavierstimmer bestellt.

Nicht eingehen möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Ausstattung mit Werkzeug, da das vielleicht sehr individuell und speziell ist und sehr davon abhängt, welche Servicearbeiten man machen kann und will, habe aber durchaus Lust, mich im privaten Gespräch darüber auszutauschen. Hier nur soviel von vielleicht allgemeinem Interesse: Als ich 1986 meine Abschlussprüfung machte, hätte man noch mitleidig mit den Schultern gezuckt, wäre ich auf die Idee gekommen, mein Werkzeug in einen Rucksack zu packen, es musste ein Werkzeugkoffer oder eine Tasche sein, und ich erinnere mich rückblickend mit Grausen, was für ein Riesenungetüm ich damals zu schultern hatte. Wie angenehm ist da doch ein Rucksack, und heute finden auch die ärgsten Naserümpfer nichts mehr dabei. Auch gibt es heutzutage stabile Rucksäcke, die in bezug auf Fächeraufteilung keinen Wunsch offenlassen. Ein paar möglichst auf den ersten Griff unterscheidbare zusätzliche kleinere Taschen für die Unterteilung, ein geeignetes Behältnis für Kleinteile und Achsen, ein gutes Sortiersystem, und alles ist flink zur Hand.

Sehr individuell sind wohl auch Fragen der Büroeinrichtung und -arbeit, Was mache ich allein, wo lasse ich mir besser helfen (Rechnungen schreiben, Visitenkarten, Kundenkartei). Ganz zu Anfang hielt ich letztere für überflüssig. Ich dachte, die Leute kommen oder kommen nicht. Manche finden es angenehm, nach einem Jahr wieder ans Klavierstimmen erinnert zu werden, und wenn das ohne den leisesten Druck geschieht, ist das wohl auch in Ordnung. Ich muss dann natürlich auch für mich klar akzeptieren, dass manche Kunden mich wirklich nur alle drei Jahre oder seltener wollen, ohne mich darüber zu ärgern. Es hat oft genug nichts mit der Qualität meiner Arbeit zu tun, wie ich anfangs oft befürchtete, sondern damit, ob grosses oder kleines Interesse am Klavierspielen besteht. Für sehr empfehlenswert halte ich die Anschaffung eines Handys, obwohl ich das anfangs als zu protzig empfand. Es ist für beide Seiten entlastend, wenn eine Verspätung rechtzeitig gemeldet wird. Nicht immer ist eine Telefonzelle in der Nähe.

Und wie laufen die Geschäfte? Na ja, einigermaßen. Reich lässt sich mit dem Klavierstimmen wohl nicht werden, und man muss das Werbekarussell kräftig anschieben. Es ist ja leider nicht so, dass alle Leute ihr Klavier brav jedes Jahr stimmen lassen, viele halten fünf Jahre für völlig ausreichend. Das Beste ist zweifellos die Mundpropaganda. Welche Werbemassnahmen im einzelnen die geeignetsten sind, mag unterschiedlich sein. Bei mir haben sich Zeitungsannoncen nur in regionalen Blättern bewährt, in den grossen Journalen gehen sie verloren, sind auch sehr teuer. Es ist nicht schlecht, im Branchenbuch zu stehen. Wer in seinem Haupteintrag hinter dem Namen die Berufsbezeichnung "Staatlich geprüfter Klavierstimmer" eintragen lässt, kommt gratis mit einer Zeile ins Branchenbuch. Mir fehlt die Erfahrung damit, ob eine grosse Anzeige viel besser ist.

Meine Freundin hat mir Zettel auf dem Computer entworfen, auf denen steht: "Staatlich geprüfter Klavierstimmer, stimmt und repariert kostengünstig Ihr Instrument" (Name, Adresse). Unten sind zwölf kleine Zettel zum Abreißen.

Freundliche Kunden bitte ich, diese Zettel nach Gutdünken auszuhängen, und es rufen immer wieder Kunden an, die meine Adresse von solch einem Aushang haben. Unterwegs muss ich immer wieder Passanten um Hilfe bitten. Ich sorge dafür, dass ich mit ihnen ins Gespräch komme und erzähle den Leuten, ob sie es hören wollen oder nicht, dass ich Klavierstimmer bin, und nicht selten werde ich nach einer Visitenkarte gefragt. Auch hierüber lohnt sich vielleicht ein persönlicher Erfahrungsaustausch.

Abschliessend möchte ich die Schaffung einer Möglichkeit zur handwerklichen Fortbildung und Auffrischungskurse für Klavierstimmer anregen. Es gibt einige Servicearbeiten, die sehr selten verlangt werden, so dass ich sie schlicht vergessen habe. Auch beim Thema "Regulierung der verschiedenen Cembalotypen" stiess ich immer wieder auf Probleme. Sollten sich hier Gleichgesinnte finden, wäre das gut.

Hier zum Schluss meine Adresse:
Clemens Schwartz,
Eschersheimer Landstrasse 222,
60320 Frankfurt;
Telefon 069/5.60.28.33,
Telefax 069/56.02.06.17
E-mail: Klavierstimmung@web.de
Homepage: www.clemens-schwartz.de

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© 2003 by Clemens Schwartz
Erstellt am Fr, 17.01.03, 08:01:19 Uhr.
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