Tage im Nebel /

Tage im Nebel

Mit einem weißen Schirm begannen meine Tage im Nebel. Ein von mir erfundenes Hilfsmittel, das mich 1976 zu einer psychologischen Eignungsprüfung beim Arbeitsamt begleitete, obwohl die Sonne vom Himmel strahlte.

Etwa 15 weitere Kandidaten warteten in einem Schulungsraum, drehten sich zu mir und schmunzelten über meinen weißen Schirm. Bescheiden setzte ich mich in die letzte Bank und legte das im Einladungsschreiben geforderte Frühstücksbrot und das "HÖRGERÄT", welches ich mir von meinem Vater geliehen hatte, auf den Tisch.

Der Psychologe kam, unter dem Arm hatte er ein Paket mit Akten. Er setzte sich an den Präsidententisch und befragte alle Anwesenden, in der vorderen Reihe beginnend, nach Namen, Beruf und Grund der Eignungsprüfung. Da ich in der letzten Reihe saß, wurde ich auch als Letzter befragt. Ich nannte ihm meinen Namen und hob artig mein Frühstücksbrot und das Hörgerät hoch und verkündete, dass ich alles in der Einladung Geforderte mitgebracht habe. Der Psychologe schaute völlig verwirrt in meine Akte und bat mich danach vor die Tür. Er erklärte mir dort, das Arbeitsamt hätte keinen Eignungstest für Blinde und Sehbehinderte und die Sache mit dem Hörgerät sei ein Versehen.

Ich habe seit meiner Kindheit die Gen gesteuerte "Retinitis pigmentosa". Im Jahre 1952 war ich sieben Monate in der Uni-Klinik Frankfurt/Main, wo in einer Studie die Ursachen dieser Krankheit und deren Verlauf erforscht werden sollten.

Leider war das alles ohne Ergebnis und die Erblindung nahm bei mir ihren vom Krankheitsbild vorgezeichneten Verlauf. 1976 stellte ich den Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente und Blindengeld. Die BfA schickte mich zum Eignungstest des Arbeitsamtes und anschließend ins Reha-Zentrum nach Heidelberg.

Die Tests sollten 5 Tage dauern. Nach Rücksprache mit dem Abteilungsleiter des Psychologischen Dienstes wurden die Tests gestrafft und ich konnte nach zwei Tagen Heidelberg wieder verlassen.

Ich übte meinen Job als Baukaufmann weiter aus. Ein elektronisches Lesegerät, damals noch sehr einfach, habe ich aus eigenen Mitteln gekauft, und es half mir beträchtlich bei meiner Arbeit. Innerhalb kurzer Zeit lernte ich wieder lesen und schreiben, auf den Monitor schauen und auf der Vorlage schreiben, das musste erst mal geübt werden. In der Firma staunten alle. Draußen half mir der weiße Schirm, den ich bis heute benutze.

Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Mein Beruf ist mein Lebensinhalt. Als Hobby betreibe ich Sport. Bis vor 10 Jahren bin ich jeden Morgen um 7:00 Uhr in die Schwimmhalle gegangen. Jetzt mache ich jeden zweiten Tag Walking auf einem Wanderweg, den ich gut kenne. Dank der gelben Armbinde respektieren die anderen Leute mich. Der weiße Schirm bleibt dann zu Hause. Übrigens haben mich schon viele nach dem weißen Schirm gefragt. Ein gutes Hilfsmittel, wenn man den Blindenstock noch nicht braucht.

Wie jeder andere Blinde habe ich mit dreifacher Energie jede Kleinigkeit erarbeiten müssen. Jeder Blinde weiß, dass Kleinigkeiten oft sehr hohe Hindernisse bedeuten. Dennoch habe ich mich immer wieder neu motiviert, einen neuen Anlauf genommen und das angestrebte Ziel erreicht. Wichtig ist es, sich das richtige, für die Erblindung passende Umfeld aufzubauen, sowohl im Beruf wie auch im Privatleben. Viele Schwellenängste musste ich abbauen, jedoch nicht bei mir, sondern bei meinen sehenden Mitmenschen. Mein Selbstvertrauen und meine physische Kraft haben dazu beigetragen, dass alle Menschen aus meiner Umgebung mit meiner Erblindung umgehen, als ob die Behinderung nicht existiert.

Ich habe immer an mich selber geglaubt und dabei Eigenschaften entwickelt, die mir geholfen haben, das Leben zu meistern. Systematisch habe ich mein Gedächtnis trainiert, mein Orientierungsvermögen gesteigert und verbessert. Dabei habe ich ganz simple Techniken verwendet, wie Zahlenreihen von vorn und hinten üben, das Gleiche mit Namen, bei Treppenstufen zählen. Bei Straßen und Plätzen habe ich im Gehirn einen Stadtplan angelegt, so finde ich jedes Haus wieder, wenn ich einmal dort war. Es geht alles sehr einfach, muss aber immer wieder trainiert werden. Nach einiger Zeit gehört dieses Training zu den täglichen Selbstverständlichkeiten.

Als Baukaufmann habe ich in Führungspositionen als Manager Ein- und Mehrfamilienhäuser, Supermärkte und Einkaufszentren, sowie in den letzten Jahren Hotels gebaut. Es geht "fast" alles, auch mit einer Behinderung, wenn nur die Arbeit Freude macht. Es ist auch eine Frage der eigenen Motivation. Nur, wer seine Behinderung akzeptiert, wird auch von den Mitmenschen trotz Behinderung anerkannt.

Hartmut Berger

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 5, Mai 2001.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 13.09.02, 07:46:09 Uhr.
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