Vom Telefonisten zum Handelsangestellten /

Vom Telefonisten zum Handelsangestellten

Mein Name ist Reinhard Kurz. Ich bin 1958 in Gmunden (Oberösterreich) geboren und von Geburt an vollblind. An meine Kinderzeit denke ich noch gerne zurück, denn trotz meiner Sehbehinderung wurde ich von meinen Eltern nicht überbehütet, sondern durfte alle Kinderfreiheiten in vollen Zügen genießen. Natürlich gab es auch Beulen und Schrammen, aber wie es so schön heißt: "Nur die Harten kommen durch!".

Meine Schulzeit verbrachte ich am Bundes-Blindenerziehungsinstitut in Wien und zwar im Internat. Diese Zeit war nicht immer leicht, vor allem, weil man gerade dann seine Eltern nicht hat, wenn die Wehwehchen am größten sind. Ich möchte die Internatszeit dennoch nicht missen, denn was Selbstständigkeit und Kameradschaft angeht, habe ich sehr viel profitiert, was mir schon oft in meinem Leben zugute gekommen ist.

Nach meiner Berufsausbildung zum Telefonisten trat ich im September 1975 ins Berufsleben ein. Ich bekam eine Anstellung in einem Privatbetrieb in Gmunden. Es gab natürlich auch die berühmte Skepsis, ob denn ein Blinder wirklich auch die an ihn gestellten Anforderungen bewältigen würde. Ich konnte die KollegInnen - bis in die Chefetage - bald davon überzeugen, daß Blinde genauso vollwertige Arbeitskräfte sind und es entstand sehr bald ein tolles Arbeitsklima. Es war das erste Mal, daß meine KollegInnen näher mit einer sehbehinderten Person Kontakt hatten und so machten wir alle unsere Erfahrungen. Ich erreichte sehr bald, daß sich mein Aufgabengebiet nicht nur aufs "telefonieren" beschränkte, sondern ich durfte zusätzliche Tätigkeiten verrichten, was den Berufsalltag sehr abwechslungsreich gestaltete.

Auch die Entwicklung moderner, technischer Hilfsmittel für Blinde schaffte für mich weitere Betätigungsfelder. So konnte ich problemlos die Fernschreib- und Faxanlage bedienen und die Adressenverwaltung der Kunden und Lieferanten übernehmen, da eine Computeranlage mit Braillezeile mir den Zugang zur Großrechenanlage des Betriebes ermöglichte. Selbstverständlich gab es auch das eine oder andere Problem, das auch fast immer mit vereinten Kräften gelöst werden konnte.

In Sommer 1996 übersiedelte ich nach Wien und arbeitete drei Jahre in einer großen Telefonzentrale. Es war eine riesen Umstellung von einem Unternehmen mit 120 Mitarbeitern zum Großbetrieb mit einigen tausend Beschäftigten. Mein Aufgabenbereich war auch bei weitem nicht mehr so abwechslungsreich wie vorher - Hier stand "fließband"-telefonieren auf der Tagesordnung. Da halfen auch Telefonschulungen nichts. Die Anrufer wurden nicht freundlicher oder besser gelaunt. Sie reagierten eher genervt, da sie, bevor sie ihr Anliegen vorbringen konntenn, eine lange Meldeformel über sich ergehen lassen mußten, und ich hatte jeden Abend einen Sprechmuskelkater. Immer Häfiger beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, mich beruflich zu verändern und eine Tätigkeit zu suchen, die mich fordern würde.

Privat galt mein Interesse schon immer den technischen Entwicklungen im Bereich Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte, und ich stellte die Überlegung an, mein Hobby zum Beruf zu machen. Ich bewarb mich bei einer Hilfsmittelfirma in Wien, die Produkte für Blinde selbst entwickelt und vertreibt. Ich hatte Glück und konnte im September 1999 mein neues Aufgabengebiet in Angriff nehmen.

Mein Tätigkeitsbereich umfaßt Telefonmarketing, Kundenberatung, Besuch von Ausstellungen und Messen, Testen von Hilfsmitteln, Erstellen von akustischen Bedienungsanleitungen und vieles mehr. Die Arbeit macht richtig Spaß und ich habe meinen Berufswechsel noch keinen Tag bereut. Die Tätigkeit ist äußerst abwechslungsreich, ich bin viel unterwegs und habe vor allem viel persönlichen Kontakt zu Blinden und Sehenden.

Ich glaube, daß man als Blinder oder Sehbehinderter berufliche Unzufriedenheit nicht einfach schlucken oder verdrängen soll, sondern sich bewußt sein muß, daß sich nur dann etwas ändern kann, wenn man auch Taten setzt und nicht glauben soll, es kommt sowieso nichts Besseres nach. Gleichzeitig muß einem aber auch klar sein, daß trotz großgeschliegener Integration nicht alles möglich ist und es sehr wohl Grenzen für das Machbare gibt. Ich habe fast nur Positive Erfahrung im Umgang mit sehenden Menschen und werde auch weiterhin meinem Motto treu bleiben: "Realistisch denken und die Augen offen halten".

Ich hoffe, daß auch ich mit meinem kleinen Beitrag etwas Öffentlichkeitsarbeit leisten konnte und würde mich über Ihre Rückmeldungen sehr freuen.

Reinhard Kurz

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Erstellt am Do, 01.02.01, 08:01:19 Uhr.
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