Traditioneller Blindenberuf /

Traditioneller Blindenberuf - Grund zum Schämen?

Manchmal, wenn ich so im Internet stöbere oder in den Mailinglisten lese oder auch Gespräche mit Bekannten führe, habe ich den Eindruck, dass ich gar nicht laut sagen dürfte, dass ich bereits 28 Jahre lang einen traditionellen, oder wie manche sagen, typischen Blindenberuf ausübe und darüber nicht tot unglücklich, abgestumpft oder resigniert bin.

Mein Name ist Christine Kahlert. Ich stamme aus einem kleinen Ort in Niederösterreich in der Nähe von St. Pölten. Meine Pflichtschulzeit habe ich im Bundes-Blindenerziehungsinstitut in Wien hinter mich gebracht, wo ich anschließend auch zur Telefonistin und Stenotypistin ausgebildet wurde.

Nachdem ich die Telefonistenprüfung mit gutem Erfolg, die staatliche Stenotypistenprüfung mit Auszeichnung abgelegt hatte, ging es an die Jobsuche, die anfangs vom BBI (bundes-Blindenerziehungsinstitut) gesteuert, beinahe wie ein Ballspiel aussah: Denn der Leiter der Stenotypistenklasse war der Meinung, dass mir der Telefonistenausbildner bei der Jobsuche helfen sollte, weil ich mir eher eine Arbeit am Telefon als an der Schreibmaschine vorstellen konnte, der Telefonistenausbildner war gegenteiliger Meinung, und so passierte zunächst einmal genau - nichts. Aber als ich schon ziemlich geübt im Bewerbungen schreiben und im Ablehnungen sammeln war, erfuhr ich von einem Bekannten meiner Eltern, dass die Institution, bei der er ehrenamtlich mitarbeitete, gerne eine andere als die momentane Telefonistin hätte, aber es im Moment keinen Weg gäbe, diese an eine andere Stelle zu versetzen. Und so bewarb ich mich auf gut Glück.

Das Vorstellungsgespräch war sehr aufrichtig, aber schonungslos. Der Personalchef erklärte mir, dass sie noch nie eine blinde Person angestellt hatten und daher auch nicht wissen, ob ich die Arbeit in der Telefonzentrale zur Zufriedenheit aller ausführen könnte, ohne auch selber überfordert zu sein. Aber ich bekam eine faire Chance, und es wurde mir eine pensionierte Telefonistin beigestellt, die mich 3 Wochen lang einschulen sollte. Und das Glück blieb weiterhin auf meiner Seite, denn ich hatte genau die gleiche Anlage - nur doppelt so groß - wie wir sie im BBI als Übungsanlage hatten. Da ich das aber vorher nicht wusste und auf keinen Fall Namen, Telefonnnummern und Anlage gleichzeitig erarbeiten wollte, nahm ich mir nach dem Vorstellungsgespräch das Telefonverzeichnis der Institution mit nach Hause, ließ es mir von meiner Mutter ansagen und lernte es in den mir verbleibenden 4 Wochen bis Arbeitsantritt wie verrückt auswendig.

Aber der Erfolg gab mir recht, denn so konnte ich meine Arbeit völlig unbelastet antreten, und obwohl mir in meiner Ausbildungszeit desöfteren wärmstens versichert wurde, dass ich für diesen Beruf völlig ungeeignet wäre, hatte ich einen guten Start.

Damals war unsere angeschlossene Telefonfamilie noch relativ klein 100 Nebenstellen, und es dauerte nicht lange, bis wir einander persönlich kannten. Und hatte jemand Vorurteile gegen eine blinde Telefonistin gehabt, so hat er die wohl nie ausgesprochen oder versteckt, da ich mich mit der Mehrheit meiner Teilnehmer sehr gut verstand.

Das ging sogar so weit, dass es bald zur Tradition wurde, dass ich jedes Jahr am 1. April mir irgend etwas einfallen ließ, meine Teilnehmer in den April zu schicken. Als mir nach 4 Jahren einmal die Ideen ausgingen, waren alle richtig enttäuscht. Aber dafür schlug ich im 5. Jahr wieder heftig zu. Ich schickte alle ans Fenster, weil ich wissen wollte, wie viele Leute bei einer Demo am Stephansplatz zu sehen wären. Natürlich war von einer Demo weit und breit keine Rede, glaubte ich jedenfalls, bis ich mit meiner Schickerei auch zu einer Sekretärin kam, die mir ernsthaft versicherte: "Sie haben sich geirrt: Die Demonstration ist doch erst für 18 Uhr angesagt." :-)

Und mit der Zeit kam die Zentralisierung in Mode, d. H. es wurden 3 Telefonvermittlungen zu einer zusammengelegt, und ich hatte plötzlich statt 100 Nebenstellen 500, von denen ich aber keine schriftlichen Unterlagen hatte. Allerdings arbeitete ich da mit einer Kollegin zusammen, die sehr kooperativ war, und so lernte ich nach und nach auch die andern 400 einordnen, aber leider nicht kennen.

Einige Jahre danach hielt der PC Einzug in meinen Arbeitsbereich. Zunächst nur so weit, dass ich meine Telefondatenbank gewartet und für alle ausgedruckt habe. Das entfiel, als die PC-Vermittlung in unseren Betrieb einzog, da übernahm der EDV-Telefon-Mann die Wartung des Telefonbuches.

Und seit etwas über einem Jahr habe ich auch Internet im Büro und bin auch ans Hausnetz angeschlossen. Meine Abteilungsleiterin, die 1997 uns vorgesetzt wurde, war sofort auf meiner Seite und verstand völlig, dass für mich als blinde Telefonistin, das Internet eine enorme Arbeitserleichterung und einen großen Schritt in Richtung Selbständigkeit darstellte. Aber unsere EDV fühlte sich dem Problem, mir einen Internetanschluss zu verpassen, nicht wirklich gewachsen und ließ sich Zeit, denn manche Probleme lösen sich bekanntlich von selber, wenn man sie vor sich herschiebt, meins nicht. Ich gab nämlich keine Ruhe, bis der zuständige EDV-Mann, übrigens inzwischen bereits der 3. dem das Projekt übertragen wurde, eine Besprechung mit meiner Vorgesetzten anberaumte, weil man doch für einen Computer einer blinden Mitarbeiterin eine spezielle Netzwerkkarte für Braille benötigt, die meine Vorgesetzte bewilligen sollte, nur wo eine solche Karte her bekommen? :-) Und der Mann löste das Problem ganz einfach, indem er das Projekt an einen weiteren Mitarbeiter übertrug. Und der schritt dann sogar zur Tat und wollte mir eine Netzwerkkarte einbauen. Da an meinem PC aber jede Art von Tieren, so auch Mäusen keinen Zugang hat, tat er sich ziemlich schwer. Rettend sprang dann mein guter Engel, meine PC-Rettung und -feuerwehr in einem, der Systemadministrator vom BBI, Michael Rohlfing ein, der gemeinsam mit unserer EDV das Projekt zu einem positiven Abschluss führte. Und ich bin jeden Tag dankbar für die Erleichterung und Annehmlichkeiten, die mir das Internet für meinen Beruf bringt. Im Hausnetz darf ichauch auf sämtliche Informationen zugreifen, die für eine Vermittlungskraft von Wert sind, nur leider sind sämtliche Infodateien im PDF-Format abgelegt, das mein Screenreader Window-Eyes zwar gut lesen, aber nicht formatieren kann, was bei Telefonlisten zu ziemlicher Verwirrung führen kann.

Vor 12 Jahren habe ich mich entschlossen, meinen Fulltimejob in einen Teilzeitjob (25 Stunden die Woche) umzugestalten, da ich sehr vielen Interessen in meiner Freizeit nachgehen will, und mir Lebensqualität wichtiger ist, als Geld, bin ich halt ein bisschen sparsamer. Ich habe füher sehr viel in Chören gesungen, lese gern, beschäftige mich auch gern mit dem Computer und surfe und chatte gern im Internet.

Ja, ich mag meinen Beruf - wenn auch nicht immer - manchmal könnte ich alle Anrufer (und manchmal auch meine Kollegin) erwürgen, und manchmal gibt es so viel Situationskomik wie, glaube ich, kaum in einem anderen Beruf.

Christine Kahlert

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© 2003 by Christine Kahlert
Erstellt am Fr, 31.10.03, 10:01:19 Uhr.
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