Oh nein, mein Bein /

Oh nein, mein Bein

Ein sonniger Montagmorgen, mein leeres Portemonnaie. Grund für mich in den Ort zu gehen. Ich sagte meinem Mann bescheid, dass ich zur Sparkasse und zum Metzger wollte. Einen Kuss zum Abschied und tschüs. Mit dem Stock konzentriert pendelnd, schreite ich gut gelaunt in Richtung Ortsmitte. Unterwegs erwidere ich manchen freundlichen Gruß und nähere mich der Sparkasse. Auf dem letzten Stück Weg dorthin stand neulich noch eine Bank, die aber letzte Woche einem rasanten Autofahrer zum Opfer fiel, wie mir mein Mann erzählt hatte. Schade, aber nun brauchte ich ihr nicht mehr in einem weiten Bogen auszuweichen. Also geradewegs Richtung Geldquelle, dachte ich, als mein Stock plötzlich gegen etwas Festes stieß.

Wie angewurzelt blieb ich stehen, fuhr mit dem Stock um den Gegenstand herum, soweit es eben möglich war. Dann hielt ich den Stock mit der linken Hand senkrecht, sodass die Spitze fest den unbekannten Gegenstand berührte. Dann glitt meine rechte Hand vorsichtig am Stock herunter, und ich beugte mich dabei mit nach unten. Halt, was ist das? Meine Hand fühlt Stoff, vorsichtig fasse ich weiter. "Oh nein, ein Bein!" Ich denke und rufe es erschrocken. "Sitzt da jemand?" Dumme Frage, aber sie platzte aus mir heraus. "Ja, ich sitze hier", antwortete eine Männerstimme, der ich das glucksende Lachen anhörte. "Komm Mädchen, setz dich neben mir!", lud er mich ein. Aber ich hastete erst mal ein ganzes Stück fort, lehnte mich an eine Mauer und atmete tief durch, während sich meine Gedanken fast überschlugen. Was saß da bloß für ein Mensch, der mich mit meinen Händen und mit dem Stock im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln tappen ließ und sich dabei köstlich amüsierte? Warum schwieg der Mann so beharrlich? Unglaublich!

Auf dem Rückweg machte ich den üblichen Bogen um die ganz eindeutig wieder aufgestellte Bank. Zu Hause erzählte ich meinem Mann dieses Erlebnis mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Einerseits war ich empört über das stumme, unsensible Verhalten des Mannes, andererseits amüsierte ich mich jetzt über die Einladung: "Komm Mädchen, setz dich neben mir!" Eine bittere Erfahrung mit einem Schuss Humor.

Marion Grunwald

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 12, Dezember 2004.
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Erstellt am Fr, 01.07.05, 07:45:19 Uhr.
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