Blind müsste man sein /

Stichwort: "Unterwegs":
Blind müsste man sein

Budapest ist groß genug, um sich zu verlaufen, nicht ganz so groß, aber immerhin unendlich verzweigt in den Wald gestreut ein Sport- und Freizeitzentrum am Rande der Donaustadt oder kurz dahinter. Dort übernachteten wir zweimal auf dem Weg von Berlin nach Athen bei der Eurogallatour.

Am zweiten Abend hatten sich die 60 Teilnehmer in alle Winde verstreut, so traf es sich gut, dass Rolf Joachim (blind) und mich (so ähnlich) mit dem Auto wieder zur Unterkunft zurück nahm. Es war dunkel geworden, und plötzlich standen wir in dem großen Freizeitgelände ziemlich ratlos da: Wo waren gleich unsere Bungalows? Nach einigen Kilometern kreuz und quer und mitten durch das Gelände hätte Rolf beinahe ins Lenkrad gebissen; keine Spur von unserer Gruppe. Die rettende Idee hatte Joachim, als er sich an den Swimmingpool erinnerte. Von dort aus war er gestern schon einmal - in Begleitung zwar - aber immerhin sehr aufmerksam zu unseren Unterkünften gelaufen; und das war gar nicht so weit. Mit ihm gemeinsam suchte ich die freistehenden Duschen, denn dort musste der Weg beginnen, und da begann er. Dann musste eine kleine Erhebung kommen; sie kam. Nach zehn Schritten halbrechts abbiegen (Vorsicht Äste von oben - aua). Jetzt müsste es nur noch gerade aus gehen; da standen die anderen Autos. Mit leisem Motor war uns Rolf gefolgt, dem es zum ersten Mal widerfahren war, dass ihn ein Blinder auf den rechten Weg brachte. Hatte der vielleicht ein "eingebautes" Navigationssystem?

Miterlebt von Thomas Nicolai

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 10, Oktober 2003.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 27.12.03, 11:11:00 Uhr.
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