Titel machen Leute /

Titel machen Leute
oder:
Wie aus einem Behinderten ein Partner wird

Heute, am ersten Donnerstag im Advent, war ich gegen Mittag in der Halle der U-Bahn-Station Schwedenplatz, um die neu verlegten Leitstreifen, von denen ich gehört hatte, im Alleingang zu testen. Ich war begeistert, wie gut diese Leitstreifen zur Orientierung geeignet sind.

Gut gelaunt kam ich die Rolltreppe herauf und hörte eine Straßenbahn einfahren. Da ich wegen der vielen Geräusche nicht unterscheiden konnte, ob es sich um den N-Wagen richtung Blindeninstitut oder den "Einser" handelte, fragte ich in die Menge, welche Straßenbahnlinie dies sei. Eine männliche Stimme sagte "Ansa". Da ich so prompte Antwort bekommen hatte und nun alles wissen wollte, fragte ich auch noch in Richtung der Männerstimme, ob vielleicht hinter dem "Einser" der N-Wagen komme.

"Du muasst ins Blindnheim?", hörte ich wiederum die Männerstimme, die sich mir nun näherte. "Bleib bei mia, i foa a in de Richtung.", hörte ich die Stimme, die aus einem Mund kam, über den mir meine Nase sagte, dass sich der schon einige Zeit mit der Aufnahme von Flüssigkeit am nahe gelegenen Glühweinstand beschäftigt hatte. "Bleib bei mia, du stehst unter meinem persönlichen Schutz."

Schutzbedürftig war ich zwar nicht, aber ich blieb trotzdem bei diesem, wie ich offensichtlich gut gelaunten Herrn. Ich traute ihm nämlich sehr wohl zu, mir zu sagen, wann der N-Wagen einfährt. So standen wir da und warteten, doch nicht lange schweigend.

"Wohnst du im Heim?", setzte der Mann das Gespräch fort. - "Ich fahre zwar zum Blindeninstitut, aber ich wohne nicht dort. Ich bin Lehrer."

Das war die Wende in unserem Gespräch. Ich hörte förmlich seine Kinnlade hinunterfallen. "Sie san wiaklich a Lehra?" - "Ja!" - "Und Sie wohnan goa ned im Heim?" - "Nein, ich habe eine eigene Wohnung. Im Internat wohnen Schüler aus ganz Österreich." - "Wos untarichtn's denn?" - "Informatik, Religion, Schach, ..." - "I spinn!" ..."

Irgendwann war die Straßenbahn dann da und der Herr begleitete mich zu einem Sitzplatz. Er selbst setzte sich drei reihen weiter nieder, begann aber bald danach wieder die Unterhaltung, die nun für den halben Wagon mühelos zu hören war. Wir erfuhren von seinem Freund, einem hochbegabten Hauptschullehrer für Mathematik und Physik, seinem Freund, der vor eineinhalb Jahren an Krebs gestorben war. Und dann eine Lebensweisheit: "De guadn Freind schdeabm und die A....lecha übalebn. I leb a no, oiso bin i a A....loch."

Wir hörten noch eine weitere Story: Sein Onkel war blind, aber "bei jedn Bleedsinn dabei". Seine Schlussfolgerung: "Bei eich Blindn rennt, glaub i, imma da Schmäh. I kenn do a Poa, de san leiwaunde Buaschn."

Obwohl mein "Schutzengel" früher geäußert hatte, er fahre bis "vor die Brücke" mit, weil er auf der Lände wohne, besann er sich nach zwei Stationen darauf, auszusteigen, nicht ohne mir noch gute Wünsche auf meinen Lebensweg mitzugeben: "I winsch Ihna an scheen Nochmittog, a scheens Wochnende, scheene Feiatog und a scheens neichs Joa!" und damit war er auch schon draußen bei der Tür, ohne mein "Danke!" abzuwarten. - Meine Rolle hatte sich in den letzten Minuten ohnehin schon sehr deutlich vom Fragenden zum Zuhörer gewandelt. Während ich weiterfuhr, dachte ich über das Gespräch nach. Mir fiel auf, dass sich der Mann, seit er wusste, dass ich Lehrer sei, kein einziges Mal in der Anrede vergriffen hatte.

Prof. Erich Schmid

Aus: "BBInfo", 4/1998

Twittern

Erstellt am Do, 05.04.01, 08:01:19 Uhr.
URL: http://