Eine unruhige Nacht /

Eine unruhige Nacht

Nicht von jener Nacht soll hier die Rede sein, die nach Wilhelm Busch seine "fromme Helene" mit der Angelschnur versehen als Racheengel den Noltes bescherte, sondern... Doch der Reihe nach.

Vor einiger Zeit verbrachten wir gemeinsam mit unserer Freundin C. einige Wandertage auf dem geliebten Kniebis. Der Uhrzeiger bewegte sich gerade auf Mitternacht zu, als unsere Freundin plötzlich aus dem Schlaf aufschreckte. Ein unheimliches Summen und Schwirren war zu vernehmen, nicht fassbar und doch so, als müsste es den ganzen Raum erfüllen. Vor Angst kroch sie unter die Decke, um kurz danach in Schweiß gebadet unter die Dusche zu flüchten. Dann warf sie das Handtuch nach dem undefinierbaren Getöse. Ergebnis: Die Geräusche wurden nur noch heftiger, dafür blieb das Handtuch verschwunden.

Im Rückblick lachen wir über das Vorkommnis, aber seinerzeit kam unsere Freundin völlig verstört zum Frühstück, sie hatte eine wahrhaft grauenvolle Nacht durchlebt. Als Wirtin Inge den Unglücksort inspizierte, fand sie des Rätsels Lösung: C. hatte - blind, wie sie ist - beim Betreten des Zimmers versehentlich das Deckenlicht eingeschaltet und so ungewollt durch das weit geöffnete Fenster das nächtliche Ungeziefer in Scharen zum Besuch eingeladen.

Nachbemerkung: Als wir kürzlich wieder in der vertrauten Landschaft waren, übergab ich unserer Freundin ein kleines Etwas, ein "Insektenschutzmittel", sagte ich beiläufig. Sie untersuchte das Ding nach einer Möglichkeit zum Öffnen, um an den sicher zum Einreiben bestimmten Inhalt zu gelangen, umsonst, denn sie hielt ein Lichtanzeigegerät in der Hand, mit dessen Hilfe sie sich vor dem Schlafengehen davon überzeugen konnte, dass auch ja das Licht ausgeknipst war. ´

Richard Bastian

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 1, Januar 2002.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

Twittern

Erstellt am Do, 18.03.04, 13:01:19 Uhr.
URL: http://