Ein Pendel zum Einkaufen /

Ein Pendel zum Einkaufen, bitte

Vorhin wollte ich in einem Supermarkt eine Dose Schokoladeneis kaufen. In welchem Tiefkühlfach das Eis liegt, weiß ich. Aber das Schokoladeneis liegt in diesem Fach zusammen mit vielen anderen Eisdosen. Die Fühlen sich alle gleich an. Gleiche Form, gleiche Größe, gleiches Gewicht, gleiches Material. Das Problem ist nur, es ist nicht überall auch das gleiche Eis drin. Weil beim Eis im Moment niemand anderes stand, ging ich auf die andere Seite der Gefriertruhen. Dort waren gerade mindestens drei Menschen. Die fragte ich nach dem Schokoladeneis. Eine Frau versuchte sofort, mir das zu beschreiben. Das ging natürlich nicht. Erst redeten wir aneinander vorbei, weil für mich bei einer langen Kühltruhe der Anfang vorn ist. Für die Frau war "vorn" jedoch das Ende. Ich wollte ihr gerade erklären, dass ich nicht das richtige Eisfach suchte, sondern die richtige Dose, als eine ältere Frau mich am Arm nahm und mit mir ging. Ich sagte über die Schulter ein "Danke" und ging mit der älteren Frau. Aber die erste rief uns hinterher: "halt! Sie sollen die blinde Frau nicht mitnehmen. Die will doch selbstständig werden und muss das Eis allein suchen."

Die ältere Dame war daraufhin ziemlich irritiert. Ich wurde sauer.

Erstens hatte ich gerade die Arbeitsstelle gewechselt und darum schon die ganze Woche Diskussionen um Selbstständigkeit und um Vor- und Nachteile von Hilfe. Dafür konnte die Dame zwar nichts, aber es reichte mir jetzt trotzdem.

Zweitens habe ich schon seit 10 Jahren meinen eigenen Haushalt, muss also nicht erst das Einkaufen lernen. Aber vor allem: Wenn ich mich offensichtlich selbst für die Annahme von Hilfe entschieden hatte, welches Recht hatte die Dame dann, es zu unterbinden? Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie mir doch gerade mal ein Pendel leihen könne. Vielleicht würde es beim Schokoladeneis ausschlagen. In diesem Fall bräuchte ich natürlich nicht danach zu fragen. Doch ich wollte nicht unfreundlich sein und versuchte, mich zu beherrschen. Für eine ausführliche Erklärung reichte es trotzdem leider nicht. Das Einzige, was ich erstaunt, und hoffentlich einigermaßen freundlich, herausbekam war: "Das hat doch damit nichts zu tun. Jemand muss mir die richtige Dose geben. Die sind doch alle gleich." Mehr Zeit blieb nicht, denn ich wusste nicht mehr, wo sie war. Irgendwo verschwunden. Natürlich nicht wirklich. Vielleicht hatte sie sich nur zwei Meter weiterbewegt. Aber aus meiner Wahrnehmung war sie verschwunden.

Yvonne Ramm

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© 2008 by Yvonne Ramm
Erstellt am Do, 17.12.09, 08:01:19 Uhr.
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