Mit den Ohren die Gegend erfahren /

Mit den Ohren die Gegend erfahren

Die Faszination des Fliegens, schwerelos mit oder ohne Hilfe der Anziehungskraft der Erde zu entkommen, ist Jahrtausende alt. Wenngleich mir, als Blindgeborenem, der herrliche, optische Eindruck verborgen bleibt, hat dieses wunderbare Entrücken nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Flugzeug sitzend merkt man kaum, dass es in die Lüfte geht, den Anpressdruck des Abhebens und das eventuelle Ohrensausen beim Steigen einmal ausgenommen. Daher war es schon immer mein Traum, akusitsch mitzukriegen, wie sich die Geräusche der Erde entfernen. So startete ich vor einigen Jahren den Versuch mit einem Segelflugzeug. Das Empfinden des Steig- und Sinkfluges ist zwar um einiges spürbarer, doch das laute Brausen des Windes läßt keinen anderen Höreindruck zu.

An einem schönen Herbstmorgen hieß es für meine Frau und mich schon sehr früh Aufstehen. Am Programm stand eines der letzten, aber schönsten Abenteuer, eine Fahrt im Heißluftballon. Vom oststeirischen Ort Hofkirchen wollten wir "in die Luft gehen".

Unser Pilot und dessen Helfer waren bereits damit beschäftigt, die Vorbereitungen zu treffen, als wir die Wiese erreichten, von welcher wir starten wollten. Die Passagiere wurden sofort angehalten, beim Aufbau des Ballons mitzuwirken, was zu den Rechten eines Ballonfahrers zählt. Mir wurde diese Tätigkeit erlassen, wenngleich ich natürlich auch zugegriffen hätte, wenn der dementsprechende Befehl des Piloten dazu gekommen wäre.

Nach dem Aufpumpen des Ballons kam die erste Hürde, nämlich sich in den Korb hineinzuwuchten. Als ich die Höhe sah, in welche ich mich schwingen sollte, kamen mir Zweifel ob des Gelingens des Vorhabens, was sicher an meiner Unsportlichkeit liegt. Es gelang mir aber wider Erwarten rasch, im Korb Platz zu finden. Während der gesamten Fahrt steht man in diesem Gefährt.

Der Gasbrenner sorgte für eine einigermaßen gewöhnungsbedürftige Geräuschkulisse. Ich erschrak anfangs einige Male, wenn es wieder zu zischen begann, weil ich nicht sah, dass der Pilot den Hebel für die Gaszufuhr betätigte. So bemerkte ich es kaum, dass wir abhoben und gen südliches Burgenland entschwebten. Als ich aber identifizierte, dass die Geräusche der Straße von unten zu hören waren, ließ auch meine Seele die Erde los, ich genoss die Geräusche, die angenehm kühle Luft. Ganz sacht streichelten wir einen Baum. In einer Höhe von 1000 Metern hörte man noch immer Autos fahren und Hunde bellen. Erst in 2000 Metern wurde es angenehm ruhig. Die erklärenden Worte unseres Piloten waren, neben dem einige Male aufgenommenen Funkkontakt unseres Begelitautos, alles, was an meine Ohren drang.

Im südburgenländischen Litzelsdorf fand unser Pilot eine geeignete Landestelle und setzte das Luftschiff, nach einer Fahrtdauer von knapp zwei Stunden, sanft auf die Wiese. Nachdem wir den Korb verlassen hatten, musste der Ballon wieder in seine Einzelteile zerlegt werden. Zu dieser Tätigkeit wurde auch diesmal wieder die Besatzung herangezogen. Per Auto ging es zurück nach Hofkirchen, wo wir die Ballonfahrertaufe empfingen. Nach einem Gelöbnis wurden einige Haarbüschel entflammt, um mit Sekt wieder gelöscht zu werden. Ein erhebendes Erlebnis ging mit dieser Zeremonie zu Ende. Dieser Tag wird mir wohl noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Graf Walter, frei vom Wind getragener Himmelsstürmer, hoch über den Wäldern und Feldern der Oststeiermark

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© 2001 by Walter Lindner
Erstellt am Sa, 01.02.03, 08:01:19 Uhr.
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