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Irland
- Impressionen einer Studienreise an die Westküste -

Wenn ich heute an meine Irlandreise vom 23.05 bis 06.06.98 zurückdenke, so "schmeckt" sie nach dunklem selbstgebackenem "Brown Bread" mit gesalzener Butter oder nach Krabben in allen Variationen. Sie riecht nach dem Duft des Rosenbeetes, an dem wir jeden Abend vorbeikamen, sie "fühlt sich an" wie Kalkstein und ein wenig feucht wie Regen und sie "hört sich an" wie das Krächzen der Krähen und das Muhen der Kühe vor unserem Ferienhaus oder wie Flöten und Dudelsack. Ja, auch wenn ich nur mit 4 Sinnen dort war, den 5. Sinn, das Sehen ersetzte mir das Team von Geo-Exkurs, indem es mir gute und aufschlußreiche Bildbeschreibungen und Erklärungen gab. So kann ich nun erzählen, wie ich mir die Landschaft an der Westküste der "grünen Insel" vorstelle. Lassen Sie mich ein wenig über Land und Leute reflektieren, schmollen Sie aber nicht mit mir, wenn Ihr Irlandbild mit meinem nicht übereinstimmt.

Wir flogen am 23.05. von Düsseldorf mit der Air Lingus nach Shannon-Airport. Von dort fuhren wir - wir waren insgesamt 7 Personen, 2 Begleiter und 5 Nichtsehende - mit einem Kleinbus über Ennis nach Ballyvaughan, einem kleinen früheren Fischerdorf in der Grafschaft County Clare. Hier hatte Geo-Exkurs ein geräumiges Ferienhaus für uns gemietet. Ein interessant angelegter Steingarten mit einer Wiese hieß uns gleich am 2. Tag verweilen bei einer Tasse Tee und herrlichstem Sonnenschein. Aber nicht immer sollte die Sonne scheinen. Das Wetter an der Atlantikküste ist sehr wechselhaft, und auch wir waren voller Tatendrang, wenn auch nicht so wechselhaft wie der Wettergott. Unser kleines Dorf war schnell erkundet. Es gab ein Hotel, eine Post, eine Kirche, ein gemütliches Restaurant, in dem wir jeden Abend speisten, 5 Pubs, die auch fast jeden Abend von einigen unserer Gruppe besucht wurden und eine kleine Hafenmole. Hier fanden mein Mann und ich - so oft es uns möglich war - ein Reservat zum Spazierengehen und Träumen. Wir konnten von unserer Feriensiedlung aus allein zum Meer gehen und hatten bei unseren Erkundungen den Eindruck, daß die Iren ein freundliches und hilfsbereites Völkchen sind. Wie oft tönte ein "Guten Morgen" oder "Passen Sie auf, da steht ein Auto auf dem Bürgersteig" - natürlich auf englisch -. Einer unserer Gruppe wurde, als er beim Verlassen eines Pubs ob seiner Blindheit versehentlich mit einem Iren zusammenprallte, von diesem zu einem Guinnes eingeladen, in Deutschland undenkbar.

Bald bekamen wir in unserem Ferienhaus Besuch. Jim Hyland, ein ehemaliger Hotelier, jetzt im Ruhestand, ortsansässig in dem 150-Seelendorf Ballyvaughan und ebenso ortskundig zeigte uns nicht ohne Stolz und Verbundenheit ein Steinkammergrab aus keltischer Zeit sowie ein Ringfort, das seinen Vorfahren Schutz und Geborgenheit bot. Er führte uns zu einem verwunschenen Fleckchen Erde, hier fanden sich Reste eines "Tower Houses". Wir fuhren noch mit ihm zu den 3 Hochkreuzen, einer zerstörten Klosteranlage sowie zu einer Kirchenruine in Ballyvaughan. Neben dieser befand sich ein Friedhof, der bis vor kurzem noch genutzt wurde. Jim sprach am Grab seiner Vorfahren ein Gebet.

Überall in Irland stößt man auf Spuren der Religionskriege. Zerstörte Klöster und andere Stätten des Glaubens, das Werk des verhaßten Generals Cromwell und seiner Heerscharen. In Irland ist, so ging es mir oft bei unseren Exkursionen durch den Kopf, ein besonders hartes Kapitel der Zeitgeschichte geschrieben worden.

Am Pfingstsonntag gingen wir gemeinsam in unserem Feriendorf zur katholischen Kirche. Ein Chor sang inbrünstig und für meine Begriffe etwas schmalzig, aber mit Herz.
In den Pubs hörten wir immer wieder irische Musik, mal rhythmisch und gekonnt, mal weniger professionell, dafür aber laut und sehr monoton. Um einmal einen Dudelsack gezeigt zu bekommen, besuchten wir einen Instrumentenbauer in Kinvara. Er wohnte beschaulich in seinem Haus mit getrennter Werkstatt. Wie ich erfuhr, war dieser Instrumentenbauer offensichtlich so etwas wie ein "Aussteiger", als ehemaliger Hochschullehrer widmet er sich jetzt nur noch dem Fertigen von "Iulian Pipes" - Dudelsäcken - und irischen Flöten, mit denen er auch auf Tonträgern zu hören ist. Er spielte uns einige Stücke auf dem Dudelsack vor, wobei der ganze Körper des Mannes in Aktion geriet, sozusagen ein Spielen mit Händen, Armen, Oberschenkel und Füßen.

Als wir zu den "Cliffs of Moher" fuhren und die Stufen hinaufstiegen, um einen akustischen Eindruck vom Rauschen des Meeres zu bekommen, fand ich im Windschatten der Mauer einen Musikanten mit einem eigenartigen Holzblasinstrument, dessen Namen ich vergessen habe. Es handelte sich um den Nachbau eines alten keltischen Bronzeinstrumentes, das es auch noch in Australien gibt. Doch war es schön, an gerade dieser Stelle genau die passende Musik zu hören und auch das Blasinstrument noch betasten zu dürfen.

Aber nicht nur Musik begleitete uns die 14 Tage. In Galway, der nächsten größeren Stadt - Ballyvaughan liegt südlich in der Galway-Bucht - ließen wir uns zunächst von einer Stadtführerin die Sehenswürdigkeiten zeigen, u.a. eine Kirche und eine Feuerstelle, Säulen, die wieder mit kleinen Figuren auf Stadt- und Zeitgeschichte hindeuteten. Kanäle, die zum Betrieb von Wassermühlen gebaut wurden, die Mühlen sind heute stillgelegt. Wir saßen in einem Restaurant, dessen Fenster noch wie ein Mühlrad gestaltet war. Nachmittags war dann Shopping angesagt. Wir begutachteten und einige unserer Gruppe kauften irische Pullover. Ich fand sie zu dick und kaufte für meinen Mann eine Fliesjacke, die es natürlich auch in Deutschland gibt, also nichts Besonderes, wenngleich praktisch.
Da es recht frisch geworden war, hatte ich plötzlich "Lust" auf einen irischen Hut oder eine Mütze. In der Vorstellung einer geeigneten Kopfbedeckung schienen die irischen Verkäuferinnen von meinem Geschmacksempfinden recht weit entfernt zu sein. Als ich dankend ablehnte, lief man mir mit Modellen aus "Omas Kleiderkiste" nach: "Der Hut ist handgewebt". "Nein, danke". "Der ist aber schön". "Nein, auf Wiedersehen, ich möchte lieber frieren". Später fand ich in Kinvara eine niedliche Mütze in einem kleinen Laden, der bis an die Decke mit Stricksachen vollgestopft war und das von 2 reizenden alten Leuten betrieben wurde.
In einer Parfumfabrik wurden wir durch einen Film und durch Erklärungen und Betasten der Destilliergefäße mit der Herstellung der dort vertriebenen Sorten vertraut gemacht. Irland kennt keine Frostperioden im Winter, meist liegen die Temperaturen im Mittel um 10 Grad, Höchsttemperaturen bis 25 Grad Celsius. Dies hat zur Folge, daß die Flora, da wo sie sich ausbreitet, recht üppig und duftend sein kann. Die Kräuter werden zum allergrößten Teil im Gebiet rund um die Parfumfabrik gesammelt, übrigens ein beschaulicher Familienbetrieb, der aber in alle Welt exportiert.

Über den Burren, einem Gebirgszug, der bis Ballyvaughan ans Meer reicht, lernten wir, daß er nach der letzten Eiszeit mit Eschen und anderen Bäumen bewachsen war. Da die Menschen Holz benötigten, wurde der Wald gerodet. Der Bergzug verkarstete und besteht jetzt hauptsächhlich aus treppenförmig aufeinandergeschichteten Kalksteinplatten. Dieser Stein sieht je nach Lichteinfall hell-, mittel- oder dunkelgrau aus. Die Iren benutzen den Stein zum Hausbau, zum Fliesen von Fußböden usw. Im Burren haben sich Vertiefungen - Turloughs - gebildet, die im Winter oder auch bei intensivem Regen im Sommer vollaufen und dann zu Seen werden, wegen des karstigen Untergrundes aber schnell wieder austrocknen. Dann sprießt dort zartes Grün.

Ein Spaziergang im "Coolepark" mit schönen großen Bäumen, die dort von einem englischen Landbesitzer angeplanzt wurden, ließ uns ein anderes Gesicht Irlands erahnen. Wir betasteten eine riesige Buche, in deren Baumrinde so berühmte Dichter wie G.B. Shaw ihre Schriftzüge eingeritzt hatten. Dieser Baum ist natürlich mit einem verschließbaren Gitter umzäunt, das eigents für die Blindengruppe geöffnet wurde.
Auch fuhren wir zu den "Connemara"-Bergen, die aus Granit bestehen. Dort wurde uns noch einmal die traurige irische Historie bewußt. Wir besichtigten in Concomroe ein typisch irisches Cottage des 19. Jahrhunderts. Hier lebte Dan O Hara mit seiner Frau und 7 Kindern. Sie ernährten sich von dem, was das Land abwarf, und das waren im wesentlichen Kartoffeln. Hohe Steuern mußten z.B. für die eingesetzten Fenster ihrer dürftigen Behausung an den Lehnsherren abgegeben werden. Dann kam Mitte des 19. Jahrhunderts die Kartoffelfäule. Wollten die Iren nicht Hungers sterben, mußten sie auswandern. Dan O Hara ging nach Amerika. Seine Frau und 3 Kinder starben auf der Überfahrt. Wegen seiner mangelhaften englischen Sprachkenntnisse, er sprach nur Gälisch, verkaufte er noch 2 Jahre Streichhölzer auf den Straßen seiner Wahlheimat New York bis auch er starb. Mag diese Geschichte Wahrheit oder eine Legende sein, Not und Vertreibung, Hunger und Krieg sprechen uns in vielen steinernen Zeitzeugen und in traurigen Liedern an.
In Concomroe konnten wir sehen wie Torf abgestochen wird. Man nimmt ihn zum Heizen. Die gleichmäßige Wärme, die von Torf ausgeht, verspürten wir an 2 sehr kühlen Abenden in unserem Ferienhaus in Ballyvaughan, wo der Kamin eine heimelige Atmosphäre bot, während wir von Herrn Müller, dem Lebensgefärten unserer Reiseleiterin Keß, geschriebenen Geschichten lauschten.

Am vorletzten Tag unseres Irlandaufenthaltes fuhren wir mit dem Schiff von Doolin zu den Araninseln. Hier begrüßte uns Anne, unsere Führerin. Sie ist eine sehr fromme Christin, hat sich dem Großstadtleben versagt und fristet hier auf den Inseln als Aussteigerin ein eher bescheidenes Leben. Als sie unsere Gruppe sah, erzählte sie sogleich, daß sie blinde Freundinnen in der Stadt habe und die Problematik kenne. Sie fuhr zunächst mit uns zu einem zerstörten Kloster. Dort sprach sie ein Vaterunser auf Gällisch, ich antwortete ihr, wie sie es gern wollte, in Deutsch. Später stiegen wir den steinigen Pfad zum Ringfort hinan, lauschten der an die Klippen tosenden Brandung des Atlantiks und reflektierten darüber, wie hier die Kelten Schutz fanden. Anne las aus einem Buch, während wir schweigend unser Lunch verzehrten. Dieses schweigende Staunen erfüllte mich noch lange.

Immer wieder sah ich mir die tastbare Irlandkarte an, die Geo-Exkurs für uns bereit hielt. Oft höre ich noch in meinen Träumen, wie begeistert Frau Ulrike Keß uns Land und Leute nahebrachte. Ich kann bei weitem nicht alles beschreiben, was wir erlebten. Und wie gesagt, mein Irland muß nicht Ihr Irland sein, deshalb fahren Sie selbst einmal dorthin.

Ein Dankeschön an das Team von Geo-Exkurs aus Fritzlar und einen Gruß an die Unter-uns-Lesefamilie, besonders an meinen Wanderfreund Günter.

Gisela Bechler

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© by Gisela Bechler
Erstellt am Di, 05.06.01, 08:01:19 Uhr.
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