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Kanada - Highlights einer Rundreise vom 05. bis 23.07.99

Mich schüttelte ein Lachkrampf, als die redegewandte Stewardess der Lufthansa kurz vor Vancouver durchsagte, dass Kapitän "von Luftsau und seine Crew" sich verabschiedeten und uns einen angenehmen Aufenthalt in Kanada wünschten. Dieser Versprecher war sicherlich symptomatisch für die anstrengende Flugreise von 9 1/2 Stunden. Nun waren wir also in der Weltausstellungsstadt von 1986 - gelegen im Fraserdelta, umrahmt vom Meer und den schneebedeckten Coast-Mountains - mit dem eigenen "Flair und jungem Gesicht". Wir - das waren 5 nichtsehende und eine sehbehinderte Teilnehmerin einer von Geo Exkurs ausgeschriebenen Rundreise durch Britisch Kolumbien und einem Zipfel von Alberta. Reisebegleiterin war Frau Ulrike Keß, während Mike Domnick als -führer und Organisator verantwortlich zeichnete. Er holte uns mit einem bequemen Kleinbus am Flughafen ab, um uns erst einmal zu unserem Hotel "downtown" zu fahren. Wir empfanden es als äußerst angenehm, einen 15-sitzigen Van zur Verfügung zu haben, sollten wir doch gut 3.000 km mit ihm zurücklegen. Da ist es schon wichtig, dass man einmal die Beine hochlegen oder ausstrecken kann. Was bekamen wir von Vancouver "zu sehen"?

Ich möchte die Erlebnisse am Anfang und Ende der Reise - wir waren insgesamt 5 Nächte dort im Hotel - zusammenfassen: Für mein Empfinden ist diese Stadt, in der neben der indianischen Urbevölkerung und den eingewanderten Europäern sehr viele Asiaten und Menschen aus dem pazifischen Raum leben, von einem internationalen Fluidum also "multikulturell" geprägt. Der hohe Freizeitwert fiel uns gleich am ersten Nachmittag beim Besuch des Stanleyparks - eine Halbinsel zwischen Hafen und Meerenge - auf. Am Strand wurde u.a. flaniert, gebadet, gejoggt oder musiziert. Wir wollten nach dem langen Flug und der Hitze das kühle Naß "fühlen". Manche zogen ihre Schuhe aus, um hineinzulaufen. Ich begnügte mich, meine Hände anzufeuchten. Wir betasteten sehr alte Totemphäle, eine Leihgabe der Indianer an die Stadt Vancouver zur Weltausstellung, die man zu einer Gruppe zusammengestellt hatte. Im nahegelegenen Lynn-Valley wanderten wir flußabwärts und konnten uns von der üppigen Vegetation selbst überzeugen. Mike gab uns Humus in die Hand und erzählte, dass die Humusschicht in den Regenwäldern bis zu 6 m dick sei. Vancouvers Straßenführung war quadratisch und die Fußwege breit angelegt. Wir konnten bequem zu dritt auf ihnen gehen. Es wurde eingekauft, Dinge, die wir brauchen oder vielleicht auch nicht. Ein Besuch im Museum für Antropologie ließ uns staunen. Über 30.000 Exponate gab es in leicht unterkühlten Räumen zu sehen. Besonders die alten Indianerkulturen hatten es uns angetan. Wie schön fassten sich Gebrauchsgenstände aus Rotzedernholz - Körbe, Matten und Seile - an. Eine japanische Studentin ließ uns Masken und Schnitzwerk "anschauen", nur die Geheimnisse der Indianer durfte sie nicht verraten. Vielleicht wußte sie sie selbst nicht so genau. Erinnernswert dürfte auch der Besuch einer Markthalle in Vancouver - sie liegt in einem alten Hafengelände, das durch Kleinbetriebe, Kunsthandwerkstätten, Galerien usw. reanimiert worden ist - sein. Es duftete nach Gewürzen und frischem Obst. Kaffee in verschiedener Röstart wurde angeboten und betörte mit seinem Aroma. Während eine südamerikanische Gruppe heisse Rhythmen spielte, kauften wir uns bei verschiedenen Händlern warme und kalte Leckerbissen, die wir in der Nachbarschaft von Möwen und Spatzen am Hafenbecken verzehrten. Oder wir betraten ein Kunstgewerbegeschäft. Wäre der Holzteller bloss nicht so gross und so teuer, ich hätte ihn gern mitgenommen. Er fasste sich so edel an. Ein Besuch im Aquarium, das ebenfalls im Stanleypark integriert ist, ließ uns eine Killerwalin in "Unfreiheit" erleben. Sie war dressiert und sollte auf Pfiffe und Zeichen reagieren. Sie hatte aber an dem sehr heissen Tag nur 2mal Lust, in die Luft zu springen - mit 15 t Gewicht keine sehr leichte Übung - und auf die Seite zu platschen. Ich war ihr sehr dankbar, denn mein Kleid wurde ganz schön nass, was zu einer angenehmen Abkühlung beitrug. Die Animateurin vertröstete uns, dass gleich Belugawale zu sehen seien, um eine Schau abzuziehen. Ich habe sowieso für das Dressieren freiheitsliebender Tiere und das Halten in verhältnismäßig kleinen Becken wenig Verständnis. Um die Pausen auszufüllen, werden geschulte Animateurinnen mit der Unterhaltung des Publikums betraut. Messerscharf erkannten diese, dass das Aquarium von Menschen verschiedener Länder besucht wurde und so haben sie natürlich auch die Eßgewohnheiten der Deutschen erfragt: Oh, armes Deutschland, deine Bevölkerung trinkt nur Bier und ißt Sauerkraut. Ich stellte einmal mehr fest, dass ich keine richtige Deutsche bin.

Wir wollten aber weiter zu den etwa 700 km entfernten Rocky Mountains. Am 2. Morgen erwartete uns der Van, von meinem Mann liebevoll auf "Vamp" getauft, vor dem Hotel, um uns für fast 2 Tage zu "verschlingen". Nach einem Zwischenstop in Hope, wo wir neuere Totemphähle mit Tiermotiven betasten konnten, erfuhren wir in Clearwater, dass der Wells-Gray-Nationalpark leider wegen "Hochwassers" gesperrt sei. Wir wollten eigentlich dort einen 132 m hohen Wasserfall anschauen. Mike disponierte um, und so lernten wir die Lodge von Mike Wiegele am Blue River kennen. Oh, wir erahnten etwas vom Jetsetlife unserer Sport- und Skiprommis. Hier gibt es 9 Helikopter. Für "nur" 9.000 DM pro Woche - allerdings ohne Getränke - kann man in einem der Lodge angegliederten Blockhaus wohnen und im Winter mit besagten Hubschraubern auf die Berge fliegen, um Tiefschneeski zu fahren. Im Sommer werden in ähnlicher Weise - für schlappe 410 Can. Dl pro Tag und Nase - geführte Bergwanderungen angeboten. Wir tranken genüsslich den spendierten Kaffee, aßen den köstlichen Bananenkuchen, der uns vom Geschäftsführer kredenzt wurde und atmeten den Hauch der "großen, weiten Welt". Wir liefen über dicke Teppiche und freuten uns, dass nun auch Geo Exkurs im Gästebuch steht.

Danach starteten wir zu unserem 4-tägigen Aufenthalt auf der ca. 20 km von Valemount entfernt liegenden Terra-Cana Lodge, zu der etwa 2,5 qkm Land gehören. Die Lamas und der alte Schäferhund begrüßten uns. Wie auch alle anderen bewohnten mein Mann und ich ein geräumiges, aus aufeinandergeschichteten Holzstämmen, die aus dem eigenen Wald stammten, gefertigtes Blockhaus. Neben einem Badezimmer standen uns ein Wohn-Schlafbereich mit Polstersitzgruppe und Küchenzeile zur Verfügung. Selbst die Mikrowelle fehlte nicht. Endlich einmal wieder allein frühstücken, mein "Gruppengeist" brauchte einen Schonraum, in dem er neu inspiriert wurde. Als uns am nächsten Tag unser Van zum Mount-Robson-Nationalpark - am Fuße des gleichnamigen 3.954 m höchsten Berges Kanadas gelegen - brachte, trugen die Profis der Gruppe Wanderschuhe und -bekleidung. Nachdem wir eine Reliefkarte der Gegend im Informationszentrum ertasten durften, hatten wir eine sehr gute Vorstellung von der bizarren Landschaft. Übrigens hat man uns einige Male unter Glas befindliche Abbildungen zugängig gemacht, wenn die Reiseleitung darum bat, wie wäre es mit solch einem netten Entgegenkommen z.B. auch in Hannover, Deutschland? Wir wanderten ca. 6 Stunden, erlebten hautnah die wegen ihrer enormen Höhe schlank wirkenden Bäume, reißendes Wasser, durchwateten einen Bach, hörten fremdartige Vögel und ließen die Düfte der Gräser und Blüten auf uns wirken. Am Kiney-Lake verzehrten wir unsere Sandwiches, beäugt von einem sehr zutraulichen Eichhörnchen. Am nächsten Tag fuhren wir in den Jasper-Nationalpark in Alberta, einem weiteren der 10 Staaten Kanadas. Dort wurden wir mit einem Spezialbus, der sehr dicke und hohe Reifen hatte, auf einen der 6 Gletzscher der Columbia-Icefields "gekarrt". Mary, die unseren 50 Personen fassenden Bus fuhr, erzählte, dass diese Gletscher sehr gepflegt würden. Nun, ich bin da etwas anderer Meinung, aber vielleicht stehe ich mit dieser allein da. Als ich auf dem Gletscher stand, hatte ich vor mir hopsende und fotografierende Japaner. Sicherlich mag es für einen Sehenden "erhebend" sein, in einer Höhe von 2.210 m Gletschereis in schillernder Pracht wahrzunehmen, für mich stellte sich die Frage, ob mit den riesigen Reifen nicht ein "Stück Natur" unwiederbringlich zerstört wird, das Wasser floß an den ausgefahrenen Stellen, und das Geschäft mit der Natur boomte. Im Stundentakt werden die Touristen auf den in den letzten 100 Jahren bereits sehr geschrumpften Gletscher gefahren. Über Pro und Contra dürfen Sie sich Ihre eigenen Gedanken machen. Auf der Rückfahrt waren Schwarzbären, Elche, Tabatihirsche, Dickhornschafe usw. zu sehen.

Am folgenden Tag hatte unser Van Pause. Wir blieben auf der Terra-Cana Ranch, die übrigens mitten in der Wildnis liegt. Wir fühlten den frischen Fußabdruck eines Schwarzbären - in der Gegend soll es fast 280 davon und 112 Grizzlies geben - am Ufer des Frasers, der an der einen Seite des Geländes vorbeifließt. Was wir aber noch hinreichend zu spüren bekamen, waren Mücken. Nach langem Regen hatte die Population dieser Spezies in diesem Jahr explosionsartig zugenommen. Wir mussten mit Handschuhen spazierengehen, weil der weisse Stock die ihn haltende Hand zum Einstich freigab. Die Terra-Cana Ranch mit 50 Betten wird von einem deutschen Ehepaar betrieben. Ein junger Mann auch aus dem schönen Schwabenländle unterhält hier einen Motorradverleih. Unsere Gruppe beschloss, einmal das 4-rädrige Fahrzeug auszuprobieren. Aber wir brauchten Piloten, denn blinde Motorradfahrer sind auch in der Wildnis nicht willkommen. In ca. 1 Stunde hatte Jörg ein Team von freiwilligen Fahrern zusammengetrommelt. Ich fuhr mit Sue, Jörgs kanadischer Freundin. Als ich meinen Schutzhelm aufsetzte, ahnte ich nicht, dass ich eine Ladung Mücken geradezu gefangen setzte. Sie zauberten mir ein "Punktschriftmuster" auf meine Stirn, dass einige Zeit vorhielt. Dennoch wirkte die wunderschöne wilde Landschaft auf uns. An einem Wasserfall im Tal hielten wir an, Sue wollte mich zum Trinken des glasklaren Wassers animieren, was ich jedoch ablehnte.

Tags darauf schlugen wir den Mücken ein Schnippchen. Wir beschlossen nämlich, uns durch eine Bootsfahrt auf dem Fraser für 2 Stunden Insektenfreiheit zu verschaffen. In einem alten Schulbus fuhr uns Gene Blackman - Enkel eines deutschen Einwanderers namens "Schwarz" - zunächst zur Einsetzstelle des Schlauchbootes. Die Schwimmwesten waren schnell angezogen. Dann ging es - Mücken ade - auf Wildwassser-Rafting. Während der ganzen, nur durch Paddel gesteuerten teilweise sehr feuchten Tour, erklärte Gene liebevoll die geschichtsträchtige Landschaft. Wir trieben mit etwa 30 km/h dahin und sahen verschneite Berggipfel, darunter unendliche Wälder, erfuhren, dass in wenigen Wochen die Lachse bis hierher kämen, um zu leichen, sehr zur Freude der hungrigen Bären. In Seitenarmen waren Biberbauten zu entdecken. Anschließend waren wir bei Gene's Frau Linda zum Lunch eingeladen. Hier kam das Gespräch auf Computer. Gene erzählte, dass er einen solchen Rechner mit Spracherkennung habe. Auch wir haben eine Email-adresse. Als ich wieder in Deutschland war, verschickte ich meine erste Email nach Kanada und bekam eine sehr nette Antwort. Am Nachmittag besuchten wir einen Navajoindianer aus den USA, der sich 40 qkm Wildnis gepachtet hatte, um als Trapper im Winter Fallen aufzustellen. Im Sommer präpariert er dann die Tierfelle und verkauft sie an Touristen. Wer einmal das Fangeisen eines Grizzlybären, wie wir im Heimatmeseum von Valemount angefasst hat, wird diesem Mann seine Schätze nicht abkaufen können. Die Fangmethoden sind zu grausam. Trotzdem war es für uns informativ, Felle und Köpfe von Bären, Wölfen, Mardern usw. anzufühlen. Interessant war auch zu erfahren, wie Menschen ohne elektrisches Licht und fließend Wasser, ausser dem im kristallklaren Bach, leben.

Im Wells-Gray-Park konnten wir auf der Rückreise doch noch einen, wenn auch nur etwa 70 m hohen Wasserfall "anhören". Wir besichtigten im Okanagan-Valley die O' Keefe Farm - jetzt ein Museum -, und bekamen dort einen Eindruck des Lebens einer Großfamilie Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts. Der Farmer o' Keefe war 2mal verheiratet und hatte 13 Kinder. Er wurde in seiner Lebensweise beschrieben. Gegenstände des täglichen Bedarfs und der Mußestunden, z.B. ein Schirm, mit dem man die aus Wachs bestehende Schminke des Gesichts vor der Einwirkung der Kaminhitze schützte, wurden gezeigt. Übrigens ist es im Okanagan-Valley so warm, dass da hervorragendes Obst und Wein wachsen.

Es würde zu weit führen, alle Erlebnisse zu streifen. Unsere Reise führte uns über Kelowna schließlich nach Westvancouver, von wo aus wir mit der Fähre nach Nanaimo - auf Vancouver Island - übersetzten, um dort zu übernachten. Vortmittags schlenderten wir dann durch die malerische Hafenstadt und überquerten nachmittags die Insel, um nach Tofino an der Westküste - offener Pazifik - zu gelangen. 2mal besuchten wir Regenwälder. Baumriesen von über 70 m Höhe konnten wir zwar nicht umfassen aber "begehen" - es lagen genügend umgestürzte herum, auf- und übereinander -. Ein ausgebauter Weg führte uns auf schmalen Holzstegen in "Long Beach" durch den Küstenwald. Man muss sich vorstellen, dass sich die Natur aus umgefallenen und vermodernden Bäumen rekreiert, und dieses "Chaos" äußerst sinnvoll ist. Unser Hotel lag direkt am Strand. Leider ließ das Wetter ausgedehnte Badefreuden nicht zu. Wir unternahmen einige Strandexkursionen. Ich habe noch nie so große Seesterne - Durchmesser ca 60 cm - und -pflaumen gesehen. Der Höhepunkt war dann die Whalewatching-Tour. Wir befuhren - in wattierte Overalls gehüllt - in einem Gummiboot zunächst mit hoher Geschwindigkeit den Pazifik, sahen Robben, Weisskopfadler, springende Lachse, japanische Lachsfarmen - je mit 25.000 Stück besetzt - und schließlich in einer Bucht junge Grauwale - etwa 6 bis 8 m lang -. Sie kamen bis auf 2 m an unser Boot heran, so dass wir sie gut blasen und platschen hörten. Im Frühjahr sollen dort etwa 20.000 Tiere vorbeiziehen, um sich vor Kalifornien zu paaren.

Kanada ist für mich durch diese Reise "begreifbar" geworden. Es ist das Land der 4 W's, nämlich: Wildnis, Weite, Wasserfälle und Wunder der Natur. Ulrike Keß und Mike Domnick von Geo Exkurs haben sich sehr bemüht, uns die Landschaft durch Karten, die teilweise aus am Strand aufgesammelten Materialien gebastelt wurden, nahezubringen. Wir haben als erstes gehört, dass in BC alles viel größer als in Deutschland ist, dass die Landschaft abrupt wechseln kann, die Berge plötzlich schroff emporsteigen, die Bäume sehr schlank und sehr hoch sind, die Highways sich bei 60 Meilen - zwischen 90 und 100 km/h - schier endlos dahinziehen und die Menschen vieler Nationalitäten hier aufgeschlossen und wirklich multikulturell sind. Das alles hätte ich in einem Reiseführer sicherlich nachlesen können, aber für den unmittelbaren Eindruck bedanke ich mich auch im Namen meines Mannes bei Geo Exkurs. Als uns der "Vamp" zum letzten Mal in seinem "Maul" verschlang und Mike inzwischen gelernt hatte, welcher Koffer nach unten und welcher nach oben kam, befiel mich eine leichte Wehmut. Auf Wiedersehen Kanada oder vielleicht auch auf Nie-Mehr-Wiedersehen.

Gisela Bechler

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© by Gisela Bechler
Erstellt am Sa, 27.01.01, 08:01:19 Uhr.
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