Ansichtssache /

Ansichtssache?

Die Festung von Calvi thront majestätisch über der ruhigen Bucht, die sich nach Norden zum Meer hin öffnet. Auf dem Wasser, das am Vormittag tief türkis-blau und am späten Nachmittag dunkelblau wie Tinte erscheint, schaukeln Segel- und Motorjachten und darüber spannt sich der auf Postkarten so kitschig wirkende strahlend blaue Himmel, der so typisch für das Mittelmeer ist.

Bild: Die Festung von Calvi

Von einem Teil meiner Behauptung können Sie sich aufgrund des Fotos selber überzeugen, den Rest müssen Sie mir einfach glauben; genauso glauben wie ich, denn das Bild, das ich für Sie "gemalt" habe, stammt aus zweiter Hand, denn ich kann es selber nicht sehen.

Sie finden das schade? Ganz im Vertrauen: ich auch! Und dennoch. Als eine Bekannte einmal zu mir sagte: "Warum verreist du eigentlich, wenn es zu Hause weniger gefährlich und viel billiger ist?", da war ich ziemlich eingeschnappt und verärgert. "Zu Hause sterben die Leute", habe ich bissig geantwortet. Zugegeben, eine sehr dumme Bemerkung, aber wer lässt sich denn schon gerne a priori die Urlaubsfreude verderben?

Nachdem der erste Ärger verraucht war, habe ich begonnen, über die Ansicht meiner Bekannten nachzudenken und festgestellt, dass sie aus ihrer Sicht nicht so ganz Unrecht hat. Woher soll sie denn wissen, die ihre Eindrücke zu 80 % über das Auge aufnimmt, wie die Erlebniswelt eines blinden Menschen beschaffen ist? Denn so schwierig es ist, ein Gemälde von Michelangelo verbal zu beschreiben, so kompliziert ist es auch zu beschreiben, wie man die Schönheiten der Welt ohne visuelle Eindrücke erleben kann. Ich will es trotzdem versuchen.

Seit Wochen habe ich mich auf den einwöchigen Urlaub auf Korsika gefreut und als ich die Gangway hinuntersteige, empfängt mich die südliche Sonne, nach der ich mich die endlos scheinenden Wintermonate so gesehnt habe. Es sind nur wenige Schritte zum Flughafengebäude, das aus einer einzigen Halle besteht, und in wenigen Minuten haben wir unser Gepäck ergattert und die freundliche Reiseleiterin mit ihrem weithin sichtbaren Schild verrät uns, wo wir unseren Bus finden.

Unsere Zimmer sind bungalowartig und wenn man die Türe öffnet, befindet man sich sofort im Garten, der selbst Anfang Juli noch einen süßlich-schweren Duft verströmt. Einer meiner ersten Ausflüge gilt daher den baumhohen blühenden Gewächsen, die mir nahezu alle fremd erscheinen; vielleicht nur deswegen, weil sie im Süden so viel größer und beeindruckender sind als in unseren feuchten und meist kühlen Breiten.

Natürlich geht es nach dem Auspacken sofort zum Strand, wo ich mich auf einer Liege entspannt dem Dolce far Niente hingebe. Und während ich den Sand, weiß und so fein wie Mehl, gedankenverloren durch die Finger gleiten lasse, horche ich auf die Geräusche und Gespräche ringsum: kein deutsches Wort, nur französisch und italienisch; aber nein, von rechts, ziemlich weit weg, höre ich schwäbischen Dialekt und glaube mich daran zu erinnern, dass ich die Stimme im Bus hinter mir schon mal gehört habe. Aber ich kann mich auch irren.

Während wir über den heißen Sand zum Meer laufen, erzählt mir meine Freundin von den vielen Booten, die außerhalb der Bojen vor Anker liegen und deren weiße Segel sich malerisch vom blauen Wasser abheben. Dabei gerät sie (vermutlich mit glänzenden Augen) ins Schwärmen und ich erfahre, dass sie die Insel schon einmal umsegelt hat.

Bei unserem ersten Rundgang durch die Stadt Calvi ziehe ich einen Vergleich mit Marina die Campo auf Elba, wo wir vor zwei Jahren Urlaub gemacht haben. Mehr Knoblauchgeruch, engere und steilere Gässchen, gegrillter Fisch und der Duft nach unbekannten Gewürzen sowie Gedränge und Geschiebe, vermischt mit lautem Stimmengewirr bestimmen das Ambiente.

Wieder zurück im Hotel stelle ich erfreut fest, dass die einzige Geräuschkulisse, die ich von der geöffneten Zimmertür aus hören kann, das Rauschen der Wellen ist. Keine laute Küstenstraße, keine Disco in der Nachbarschaft - und ich bin sehr zufrieden.

Stadtbummel, Strandbesuche und Schwimmen im Meer tragen zwar viel zur Erholung bei, aber man möchte schließlich auch etwas von seinem Urlaubsziel kennen lernen. Und was ist bei einer Insel naheliegender, als eine Erkundungsfahrt mit dem Schiff zu unternehmen? Also haben wir einen Ausflug nach Girolata gebucht, einem Fischerdorf, das nur auf dem Wasserweg erreichbar ist, wenn man eine dreistündige Kletterpartie bei brütender Hitze vermeiden möchte. Glücklicherweise hat man uns (in vier Sprachen) viel über die Gegend erzählt, und im Gegensatz zu den meisten anderen Passagieren, habe ich mir die Durchsagen auch aufmerksam angehört, bin ich doch nicht vom Anblick steil ins Meer abfallender Felsen abgelenkt. So ist es auch zu erklären, dass ich zu den mir beim Mittagessen geschilderten Eindrücken über das Naturschutzgebiet von Scandola einiges an Zahlen und Fakten beitragen habe können. Sehen lenkt nämlich häufig vom Hören ab.

An einem anderen Tag haben wir, dem Rat unseres schriftlichen Reiseführers folgend, mit dem "Feurigen Elias", wie die Korsen ihre inzwischen privatisierte Eisenbahn liebevoll nennen, einen Halbtagsausflug ins Landesinnere gemacht, um Korsikas Bergwelt - es gibt immerhin über 70 Gipfel mit einer Seehöhe von mehr als 2000 Metern - sozusagen hautnah zu erleben." Die zahlreichen "Ohs" und "Ahs", soferne diese bei dem lauten Geratter der Bahn noch auszumachen waren, haben mir, wie ich gerne zugebe, die Großartigkeit der Kulisse nicht wirklich vermitteln können, die vielen engen Kurven und das oft von Berghängen verdunkelte Sonnenlicht sind mir aber dennoch nicht verborgen geblieben.

So ganz ohne Technik geht es bei mir auch im Urlaub nicht. Was dem einen sein Fotoapparat oder sein Video, das ist mir mein Kompass und mein GPS (Global Positioning System), mit dem ich nicht nur Bewegungsrichtung, sondern auch Bewegungsgeschwindigkeit und Entfernung bereits eingespeicherter Punkte ermitteln kann. So hat es mir viel Spaß bereitet, auf der Rückfahrt meine Reisebegleiter darüber zu informieren, wie weit wir noch von unserem Ziel entfernt sind.

Sich die Naturschönheiten von jemandem beschreiben zu lassen, ersetzt sicherlich nicht die eigene Beobachtung und sich in völlig fremder Umgebung frei zu bewegen, ist nahezu unmöglich, wenn man nicht sehen kann. Aber wo genau liegt denn der Unterschied, ob ich nun bei meinem Abschied von der Bucht die Farbe des Meers, das Panorama der Berge und die weißen Segel in mich aufnehme oder das Rauschen der Wellen, das Gefühl der wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut und das Rieseln des Sandes sowie den Duft der Blüten des Gartens?

Wie schön ein Urlaub ist, wie intensiv die Eindrücke und wie stark der Erholungswert hängt wohl eher davon ab, wie bereitwillig man sich der Umgebung und den Menschen öffnet, wie sehr man bereit ist, Schönheit und Freude, was immer der einzelne auch darunter verstehen mag, in sich aufzunehmen und so lange wie möglich zu bewahren.

Eva Papst

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© 2001 by Eva Papst
Erstellt am Mo, 01.10.01, 09:01:19 Uhr.
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