Liliom /

Liliom - Einfach unvergeßlich schön

Vor einigen Jahren lernte ich den Schauspieler Karsten Flatt, damals am Schauspielhaus Graz, kennen, der in einem Stück einen Blinden spielen musste und sich im Odilien-Institut informierte, wie man das am Besten macht. Bis dorthin war ich nicht mehr als zweimal im Leben im Theater gewesen (bis auf ein paar eigene entsetzliche Versuche bei Schultheateraufführungen, die Zuschauer durch mein Erscheinen auf der Bühne in die Flucht zu schlagen). Ich fand Theater ziemlich langweilig.

Als Dank für unsere Mithilfe bekamen wir Karten für eine Vorstellung von "Liebe! Stärke! Mitgefühl!" von Terrence McNally, in der Karsten den Geburtsblinden spielte. Davor hatten wir eine Bühnenführung und die Gelegenheit, Kostüme und Bühnenbild kennenzulernen. Obwohl wir sehr gut auf das Stück, das sehr optisch war, vorbereitet waren, hatte ich danach in der Publikumsdiskussion das Gefühl, in einem anderen Stück gesessen zu sein. Die Zuschauer redeten von so Vielem, das ich vom 2. Rang aus verpasst hatte. Für mich war es bloß anstrengend und ärgerlich gewesen. Um auch Mitreden zu können, ging ich noch einmal hin. Und langsam lernte ich die Stimmen der Schauspieler zu unterscheiden, und von dem Moment an packte mich die Theaterleidenschaft. Wenn ich so könnte, wie ich wollte, wäre ich ständig in irgendeinem deutschsprachigen Theater.

Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass ich mit dem Schauspieler Percy Brauch zu Mailen begann, als er auf seiner Homepage über die bewegenden und haarsträubenden Ereignisse rund um das Theaterstück "Corpus Christi" von Terrence McNally zu berichten begann. Wir mailen nun über ein Jahr und haben einen sehr schönen und interessanten Mailkontakt aufgebaut (ich quäle Herrn Brauch immer wieder mit Fragen zu seinem Beruf, denn ich werde wohl nie verstehen, wie ein guter Schauspieler es schafft, egal, wen er spielt, echt und überzeugend zu wirken).

Im November letzten Jahres erzählte er mir, dass Liliom von Franz Molnar am Theater Heilbronn Premiere haben würde. Er spiele den Liliom. Ich, stets neugierig, musste natürlich sofort das Textbuch lesen und habe Percy Brauch von nun an mit meinen Fragen zu "Liliom" gelöchert. Er erzählte von den Proben, und ich verliebte mich immer mehr in das Stück. Außerdem war ich von Beginn des Mailaustausches an sehr neugierig, wie Herr Brauch auf der Bühne auf mich wirken würde. Ich bin eine kritische Zuschauerin. Ein Schauspieler muss echt wirken, damit er mir gefällt. Und er muss schon sehr gut sein, damit bei mir noch etwas ankommt. Schließlich fehlen mir die Gestik und Mimik.

Leider klappte es nicht, eine Begleitung zu finden, um der Premiere von "Liliom", die Ende Jänner stattfand, beizuwohnen. Das hat mich damals ziemlich frustriert. Ich mag die Stimmung bei Premieren. Da ist, zumindest hier in Graz, das Publikum noch neugieriger und aufmerksamer.

Eigentlich dachte ich schon, ich würde diesen "Liliom" nicht mehr sehen, doch da meinte meine sehbehinderte Freundin Burgi Karnutsch, die mittlerweile auch mit Herrn Brauch mailte, sie würde mich gern begleiten, auch wenn sie Theater eigentlich nicht spannend fände.

Und wenn ich mir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, bringt mich nichts mehr so schnell davon ab, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie man so eine Reise am besten organisiert, Heilbronn für uns völlig fremd war, und die Zugfahrt über neun Stunden dauert, mit zweimal Umsteigen in für uns fremden Bahnhöfen. Wie egal ist das doch alles. Die Vorfreude begann, als ich unsere Theaterkarten für 29.5. reserviert hatte. Herr Brauch verhalf uns zu einem günstig gelegenen Hotel sowie zu Karten für die Vorstellung tags darauf. Und die nächsten drei Wochen war ich nur noch im Theaterfieber. Vorfreude ist einfach etwas Wunderschönes. Wer die nicht kennt, verpasst viel im Leben.

Am 29.5. ging's dann endlich los. Ein lieber Freund brachte mich zum Zug, denn der Grazer Bahnhof wird umgebaut. Nachdem ich jetzt länger keine Zugreise allein unternommen habe, war ich schon etwas nervös. Und es begann auch prompt mit einem außerplanmäßigen Halt in Bruck, der uns eine Viertelstunde Verspätung einbrachte. Dabei hatte ich doch in Salzburg, wo ich Aussteigen und mit meiner Freundin Burgi zusammentreffen sollte, nur 17 Minuten Zeit zum Umsteigen. Der Schaffner lachte mich wegen meiner Nervosität aus, und meinte, die Verspätung würden wir leicht aufholen, womit er mehr als recht hatte, denn wir kamen schließlich sogar 3 Minuten zu Früh in Salzburg an. Dafür hatte Burgi zu guter Letzt Verspätung. Aber wir fanden uns doch auf meinem Bahnsteig. Wie gut, dass es Handys und nette Bahnbedienstete gibt, landeten im richtigen Zug und weiter ging es nach Stuttgart.

Als wir dort aus dem klimatisierten Zug stiegen, dachte ich, ich bin in Afrika gelandet, so ein starker, warmer Wind empfing uns. Die Frau von der Bahnhofsmission, die uns in Empfang nahm und zum Zug nach Heilbronn brachte, (wir hatten 10 Minuten Zeit zum Umsteigen), sprach allerdings eindeutig Deutsch - wenn für mein österreichisches Ohr auch nicht immer auf Anhieb verständlich. Im Zug nach Heilbronn kamen wir vor Hitze fast um. Ich studierte meinen in Braille ausgedruckten Zugbegleiter (da stehen alle Haltestellen drauf - denn die Ansagen waren nicht verständlich), und wir stiegen sogar bei der richtigen Haltestelle aus. Wobei Burgi fast aus dem Zug fiel, was ihr einen ziemlichen Bluterguss als Erinnerung eintrug und mir einen Schreck einjagte.

Wir kämpften uns durch den unbekannten Bahnhof und landeten - wie bekannt mir das vorkam - kaum zur Tür draußen, mitten in einer riesen Baustelle. Ganz Heilbronn präsentierte sich als Großbaustelle, was die Orientierung ziemlich schwierig machte. Deshalb haben wir von der Stadt auch nichts gesehen. Denn da war Burgi mit ihrem Sehrest einfach überfordert. Wir fanden aber immerhin den Taxistandplatz, landeten im richtigen Hotel, bekamen unser reserviertes Zimmer und atmeten erst einmal auf. "Liliom" rückte näher, und wir wurden immer nervöser.

Ich genieße ja schon das Ritual vor dem Instheatergehen. Bis ich endgültig angezogen war, vergingen Ewigkeiten. Dann marschierten wir los. Wie gut, dass der Weg nicht weit war, denn meine neuen Schuhe waren von dem Ausflug nicht gerade angetan und bestraften meine Füße, fanden zwar den Eingang des Theaters nicht auf Anhieb, hatten aber genug Zeit. Das Theater Heilbronn ist alles andere als sehbehindertengerecht (durch nicht gekennzeichnete Stufen ...). Aber nachdem wir in Graz im Opernhaus fast einmal zur Tür hineingefallen anstatt gegangen wären (aus denselben Gründen), war ich auf alles gefaßt und achtete mit meinem Stock auf Stufen und Fallen, von denen es genügend gab. Im Vergleich zum Schauspielhaus in Graz hat das Theater dort keine Ausstrahlung. Ich mag bei uns schon die Atmosphäre und den Geruch, wenn ich zur Tür hineingehe. Und ich liebe es, wenn dann immer mehr Zuschauer hereinströmen, man die Neugierde und Erwartung spürt.

Wir fanden nach langem Suchen aber doch alles, was wir brauchten, und saßen schließlich endlich in der 1. Reihe, ziemlich mittig. Von dort aus bekommt man auch als Blinder am meisten mit (Bewegungen, Geräusche und Gerüche - oh dieser Boden der bei "Liliom" verwendet wurde, sein Geruch war einfach großartig! Und auch sonst erlebt man in der 1. Reihe immer wieder so manche Überraschung.) Ab der vierten Reihe verwischen Höreindrücke, und man kann Bewegungen nicht mehr genau verfolgen. Akustisch ist das Theater viel besser als in Graz. Dadurch bekam ich noch mehr mit. Und "Liliom" packte mich sofort, als es losging. Es war einfach wunderschön. Beim Lesen des Textbuches hatte ich natürlich den Wiener Dialekt im Ohr und konnte mir nicht vorstellen, dass man den in Heilbronn hinkriegen würde. Zu meiner Überraschung klappte das ausgezeichnet.

Das Heilbronner Publikum war großartig, viel konzentrierter als hier in Graz. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es ein noch besseres Publikum geben kann, was jedoch in der Vorstellung tags darauf der Fall war. Liliom (Percy Brauch) und Julie (Karen Schweim) zogen mich sofort in ihren Bann. Ich erlebte eine unvergeßliche, gefühlvolle Inszenierung von "Liliom". Besonders schön fand ich das Ende des 1. Bildes, in dem Julie und Liliom einander näherkommen.
Die Sterbeszene hat mich sehr berührt.

Ein Lob auch an die Tontechnik, denn die Hintergrundmusik war zu keinem Zeitpunkt zu laut oder störend. Bei uns sind solche Einspielungen immer ein Angriff auf mein empfindliches Gehör. Ich hatte auch keine Probleme, das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen und die Stimmen der Schauspieler auseinanderzuhalten. Manche Theaterstücke, mit vielen Schauspielern oder sehr viel Optischem, können schon sehr anstrengend sein und mitunter verpasst man sehr viel.

Nach der Vorstellung trafen wir uns im Theaterbistro mit Percy Brauch und Karen Schweim. Oh Gott, waren wir nervös! Wenn man sich nur vom Mailen kennt, ist es doch sehr spannend, dem Anderen gegenüberzusitzen. Es war einfach wunderschön. Danke Percy und Karen!

Foto von Karen, Percy und mir

Tags darauf versuchten wir Ansichtskarten von Heilbronn zu erstehen. Ein mehr als schwieriges Unterfangen. Bei uns findet man in der Innenstadt auf Schritt und Tritt solche Karten. Wenn uns die nette Dame an der Rezeption im Hotel nicht welche besorgt hätte, wäre Burgi leer ausgegangen.

Am Abend saßen wir ein zweites Mal in "Liliom". Dank der netten Billeteure und zweier Besucher, die mit uns Plätze tauschten, durften wir das Stück auch diesmal hautnah ereben. Vielen, vielen Dank!

Danach genossen wir noch einen wunderschönen Abend mit Percy Brauch und Karen Schweim.

Erst durch das Zusammentreffen mit Schauspielern habe ich erleben dürfen, wie unkompliziert und natürlich Begegnungen sein können. Die meisten reagieren ganz natürlich und spontan. Die Sehbehinderung stellt keine Barriere dar. Und ich genieße jedesmal diese unkomplizierten, einfach schönen Begegnungen.

Donnerstag traten wir dann, bis oben hin voll mit unvergeßlichen Eindrücken, die Rückreise an, diesmal wesentlich entspannter. In Salzburg trennten sich unsere Wege, und wir kamen beide wieder wohlbehalten zu Hause an. Ich glaube, Heilbronn sieht uns bald wieder!

Petra Raissakis

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© 2001 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Mi, 06.06.01, 22:00:11 Uhr.
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