Der Mystiker /

Der Mystiker

Wenn ich auf Reisen gehe, habe ich immer mein Aufnahmegerät am Gürtel und das Mikrofon am Kragen. Ich fange soviel wie möglich Originaltöne und Erklärungen der Reiseleiter ein und stelle sie dann zu Hause zu einem akustischen Reisetagebuch zusammen. So war es auch auf unserer Syrienreise.

Wir erreichten den Euphrat, überquerten ihn auf der Staumauer des Assad-Stausees und steuerten die Ruine einer alten Festung an. Sie befindet sich auf einem Felsplateau, ursprünglich am Nordostufer des Euphrat, inzwischen fast eine Insel im Stausee. Es war ein wunderschöner Sonnentag, Karfreitag, also sowohl der "Sonntag" der Moslems als auch Feiertag der Christen. Alles, was Beine hatte und irgendein Fahrzeug auftreiben konnte, strömte aus dem ganzen Umland zu dieser Ruine: Großfamilien, Schulklassen, Jugendgruppen, Musikanten und Händler - und dazwischen eine Reisegruppe von 23 Europäern. Es war ein unvorstellbares Gewimmel und eine ansteckend fröhliche Stimmung. Viele Kinder sprachen uns ohne Scheu an und probierten ihre Englisch- und Französischkenntnisse an uns aus.

Mit meinem Mikro konnte ich viel von der Stimmung einfangen, nur eines nicht: die Erklärungen unseres Reiseleiters. Also ließ ich mich von meiner Frau zu einem ziemlich ruhigen Plätzchen am Rande des Plateaus führen, um meine Notizen aufzusprechen, während sie wieder loszog, um ihre "Notizen" mit Videokamera und Fotoapparat aufzunehmen. Da stand ich nun und sammelte meine Gedanken: Den Rücken zum Wind gedreht und das Gesicht damit automatisch zur weiten Fläche des Stausees, die dunkle Brille auf der Nase, den Sonnenhut wegen des Windes fest auf den Kopf gezogen, Aufnahmegerät und Mikro unter dem Pullover verborgen, den weißen Stock vor der Brust und beide Hände fest daraufgestützt. Konzentriert sprach ich meinen Text auf, denn es blieb nicht mehr viel Zeit bis zur Weiterfahrt.

Ich hatte wohl vorher schon bemerkt, dass sich in der Nähe ein paar halbwüchsige Jungens aufhielten, von denen einer eine kleine Hirtenflöte blies. während ich nun da stand und - den verdunkelten Blick in die Ferne gerichtet - mein unsichtbares Mikrofon besprach, kamen sie leise sprechend näher und umrundeten mich mit spürbarer Ratlosigkeit ein- oder zweimal. Ich ließ mich dadurch nicht beirren, sondern konzentrierte mich noch mehr, um meinen Text zu Ende zu sprechen. Daraufhin setzten sie sich in geringer, aber respektvoller Entfernung von mir auf den Boden, unterhielten sich leise weiter in meine Richtung und die Flöte spielte eine andächtige Melodie dazu. Was mögen die wohl von mir gedacht haben?

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 11, November 2001.
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Erstellt am Mi, 14.12.05, 10:01:19 Uhr.
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