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SCHAU ABWÄRTS
(Eine moderne Vision)

Wie so oft nach durchgrübelten Schreibtischstunden gelingt mir erst gegen Morgen der Abstand zum Werk, und meine Augen, schwer und schläfrig über der Zeilenflut, dürsten nach Licht, Grün und Purpur. Ich lehne am offenen Fenster. Und wo fern aus nächtlichem Kronengeäst rosa Federwolken quellen, erwarte ich den Tag. Grau schimmert die Bergstraße im dunkleren Wiesenfilz. Und der Fußpfad zum Haus herauf und weiter gegen den Wald hin läßt sich bereits erahnen. Doch über den Wald, auf welchem langsam die Nacht verblaßt, hebt der Wetterfels die finstere Stirn. Und sein Schatten wächst und fällt breit auf die Stadt, die sich im Morgenschlummer an seine Flanke schmiegt. So erlöschen die Straßenlaternen erst spät. Der Zeitungsjunge und der Bursche mit den knusprigen Brötchen lassen sich Zeit mit ihrer Runde. Denn es ist ein verträumtes Städtchen, liebenswürdig und weltfern. Die engen Straßen, in denen sich die Morgenkühle bis Mittag hält, wissen noch nichts von motorisierter Hektik. Um den Kirchturm kreisen die Falken wie vor hundert Jahren. Und mancher Fachwerkgiebel fügt sich harmonisch ins Straßenbild. Autobahn und Bundesstraße umgehen in weitem Bogen das Tal. Dann und wann, wenn ein Tourist sich hierher verirrt, lümmeln Halbwüchsige in der Nähe seines Prachtwagens herum, bestaunen das Wunder aus Lack und Chrom.

Bis zu mir herauf zu jenem einsamen Haus auf halbem Hang zum schroffen Felsengipfel, der dem Tal seinen Namen gibt mag sich niemand verlaufen. Und wenn nicht ab und zu Ruprecht, der Forstgehilfe, oder die Häuslerkinder beim Pilzesuchen durchs hohe Farnkraut streiften, die Mutter aus der hinteren Kammer zu mir hereinschaute, den Sohn ans Essen zu mahnen, mir würde über Büchern und Schreibpapier das Bild eines Menschen fremd. Doch die Natur mit ihrer Vielfalt an Farben und Formen tröstet mich über den fehlenden Umgang mit meinesgleichen hinweg. Ihre Sprache ist leise und nur dem stillen Ohr vertraut. Niemand, dessen Sinn in Straßenlärm und Popmusik ertrinkt, hört ihr Raunen und Klingen.

Um diese Zeit halte ich gern Ausschau nach meinem graubärtigen Freund, dem Fuchs, wie er durchs hohe Gras heranschnürt, daß die Halmspitzen es kaum verraten, die Schnauze kurz aufwirft nach links, nach rechts um über einen Lidschlag zwischen Rispen und Blättchen wegzutauchen. Sein Besuch ist nicht rein zufällig. Halten doch zu gern die Gänse des Häusler-Bauern ihren Morgenschwatz auf unserer Wiese. Und ihre weißen Hälse ziehen wie Schiffsschnäbel durchs Halmenmeer.

Von der Straße her kommt jemand den Pfad herauf. Im Gegenlicht lassen sich nur Umrisse erkennen. Doch mir fällt gleich die eigenartig hüpfende Vorwärtsbewegung auf. Und bevor ich weiß, wer oder was da zu früher Stunde unsere Wiese durchquert, ist dieser Jemand hinter den Holunderbüschen verschwunden. Das wenige aber, was mein Auge erhascht, gibt mir zu denken. Ich sehe Federn anstelle von Rockschößen flattern. Und über die niedrigen Sträucher ragt dann und wann ein geschnäbelter Vogelkopf.

Sollten sich Ruprecht oder eines der Häusler-Kinder einen Mummenschanz mit mir erlauben?! Unsinn! Dafür ist der wackere Alte zu bärbeißig. Und was Max, Rolf und Grete Häusler angeht, wäre ihnen derartiges Possenspiel schon zuzutrauen aber nicht gerade um vier Uhr früh, wenn sie der Sandmann ein zweites Mal küßt und auf Schokoladewolken reiten läßt.

Nun tue ich etwas Ungewöhnliches und meiner trägen Natur Zuwiderlaufendes. Statt an den Schreibtisch zurückzukehren und der kühlen Ruhe des Morgens noch ein paar Seiten Text abzugewinnen, springe ich von Neugier gereizt kurz entschlossen über die niedere Fensterbrüstung ins Freie und laufe durch ein Feuermeer von Tautropfen dem Rätsel hinterdrein, das soeben den Waldrand erreicht, noch einmal schmal vor dem aufstrebenden Ball der Sonne erscheint, um dann restlos mit der Finsternis zu verschmelzen. Zu meiner Neugier gesellt sich Wut und Eigensinn. Und ich, der Stubenhocker mit Übergewicht schnaufe stetig bergan hinter ihm oder ihr oder was auch immer in der Waldesschwärze noch weniger auszumachen - her. Wie lange die Jagd hangaufwärts stolpernd und rutschend, mal von Baum zu Baum oder geradewegs auf allen Vieren, dauert, weiß ich bald nicht mehr. Leichtfüßig voran mit geringem Abstand, was mich auf's neue stachelt, tänzelt diese Sphinx, als quere sie ebenen Boden. Vernunft hätte mich schon längst zur Um- kehr mahnen sollen, früher, viel früher; denn vor dem Abstieg schaudert's mir. Und es ist leichter, erst einmal weiterzuklettern. Ein Weidenstämmchen dient mir als Bogensehne. An ihm ein paarmal hin und her schwingend, lasse ich mich über ein Sumpfloch schnellen zu knapp, wie ich sehe. Aber nein. Ich greif nach vorn, halte fest, reiß' mich hoch. Fast wär' ich rücklings wieder hineingestürzt, als ich wahrnehme, an was ich mich da klammere.

Gefiederte Arme heben mich gänzlich hinauf. Hände, die aus Flügelspitzen ragen, setzen mich sanft ins Moos. Über mein verschmiertes, schweißnasses Gesicht beugt sich ein geschnäbeltes Haupt.

Bei den meisten Vögeln sitzen die Augen seitlich am Kopf. Und will dieser Vogel einen Gegenstand fixieren, so schaut er einäugig. Aber diese Vogel-Mensch-Erscheinung, ich weiß sie nicht anders zu benennen, blickt mich aus beiden Augen so direkt und geradezu an wie ein Hypnotiseur. Mir geht noch durch den Sinn, daß von Eulenaugen eine ähnlich suggestive Macht ausgehen soll, da bannt schon der Blick den meinen, saugt mich aus unergründlicher Tiefe an. Und ich stürze durch den Schlund der Pupillen abwärts in ein farbiges Tal aus Licht und Bewegung. Doch tief drunten, hinter dem letzten Schleier, wo sich wieder ein Horizont rundet, schaut jemand suchend zu mir herauf, verwundert gleich mir, mit meinen stetig fragenden Augen.

"Bis hier herauf", sagt der Vogelmensch, "bist du vergeblich dir selbst gefolgt. Du siehst, aber findest nur den Spiegel. Werde eins mit ihm und steige weiter, dein Ziel vor Augen." "Wie soll ich ein Ziel anstreben, das ich nicht kenne, von dem ich nichts weiß?", will ich wissen, durch die bildhafte Sprache verwirrt, doch angenehm berührt von der vollen, melodischen Stimme. Statt einer Antwort nimmt der gefiederte Mann meinen Arm und gemeinsam steigen wir leichter bergan, so schwebefüßig, wie er allein vor mir hergestiegen. Nach einer Weile schweigsamen Dahinschreitens höre ich wieder seinen wohlklingenden Baß. "Dein Ziel hast du dir selbst verschattet. Da du außerhalb deiner Mitte standest, sahst du nur dich. Bist du aber ganz in dir selbst, dann findet dich auch die Sonne und die äußeren Dinge werden dir licht. Dein enger Panzer weitet sich. Und vieles hat Platz, was dich bereichert. Nun aber wähle! Und wähle das Unscheinbare! Denn nur solches wird das Chaos der Zeiten heil überdauern."

Noch während er spricht, verlassen wir die grünblättrige Nacht und treten zur Kuppel aus grauem Granit. Einer Mauer gleich türmt sich der Fels noch etliche Meter empor, schartig und bizarr gespalten. Sonnenlicht gleißt aus dem Mittag, lastet auf dem Stein und macht ihn vibrieren. Das Grün, zu unseren Füßen gebreitet, atmet die Hitze ein. Vögel steigen daraus herauf, tauchen ins Licht und verschwimmen. Rings an den Grenzen des Sichtbaren sind weiße Wolken geschichtet.

Mir Schatten spendend, entfaltet der Vogelmensch eine Schwinge. Dankbar laß' ich mich nieder, den Felsen im Rücken, die Beine so weit vor mich hingestreckt, daß sie den Abgrund berühren. Dort unten aber, eng beieinander und Spielzeugen gleich die Stadt in ihrer Mittagsruhe. Braun und schwarzweiße Farbkleckse, das Vieh an den Hängen des Tals. Friedlich schlummert die Zeit auf der Stadt. Und verloren an ihren Traum vergißt sie sich selbst.

"Schau abwärts!", mahnt der Vogelmensch, "was siehst du?" "Ich seh meine Heimat", geb ich zur Antwort, "so, wie ich sie in meinen Büchern immer und immer wieder beschrieben." "Schau noch einmal hin und sieh, was geschieht!" Über mir rauscht die gebreitete Schwinge und senkt sich um eine Handbreit näher herab. Doch unten, am Grund des Tals, beginnt es zu gähren. Und durch das erhitzte Mark der Stadt quirlt es insektensilbrig. Strömt hierhin und dorthin in regelloser Geschäftigkeit. Immer rascher pulsiert es, bis die Einzelbewegung in ein umfassendes Schwingen und Gleiten verschmilzt. Schon erkennt man die Folgen. Breite Adern verdrängen die althergebrachte Idylle. Die spitzgieblige Silhouette weicht einer monotonen Landschaft aufschießender Kästen, die den zwiebelköpfigen Kirchturm um ein Mehrfaches überragt. Gruppenweise um die Stadt verteilt steigen Schlote herauf und hüllen das atembeklemmende Brodeln in noch übleren Dunst. Und diese Glocke vergifteten Daseins greift weiter um sich, schluckt hier eine Wiese, ein Wäldchen, einen Bachlauf, und drängt den asphaltierenden Mahlstrom der Vernichtung stetig hangaufwärts. Die schattigen Wälder sinken herab. Die Flora erhält ein Korsett planvoller Rechtwinkligkeit. Dort unten im Tal aber webt sich bereits ein zweites Netz auf dem ersten, und auf diesem ein drittes und viertes und so fort, wächst das Geschwür der Stadt in erstickenden Etagen zu mir herauf, bis die Sonne in ihren Dünsten ertrinkt.

Ich berge den Blick in beide Hände. Das Geschaute haftet weiter an meinen Lidern und läßt sich nicht fortwischen.

Sanft streift mich die Schwinge. Ich blicke auf. Und das Tal ruht wie zuvor im Mittagsfrieden. "Schau hin!", mahnt der Vogelmensch, "schau und begreife! Denn nur das innere Auge ist weit genug, das Große wie auch das Kleine in sich zu bergen. Was siehst du?" "Ich sehe mein Tal, grün und üppig wie eh und jeh", gebe ich zur Antwort, "und die Menschen sind klein wie Insekten." "Schau näher hin!", verlangt er. Und wieder rauscht über mir die gefiederte Hand. Da rückt das Tal wie eine Schüssel heran. Ich beuge mich vor, das spielzeughaft kleine Geschehen dicht vor Augen. Hier, nah beim Waldrand, das Elternhaus. Gleich daneben, nur daumenbreit, die Bergstraße. Das schmale Band aufwärts nähert sich etwas. Noch weiter beug' ich mich vor und erkenne zu meiner Freude Ruprecht, den Forstgehilfen, stocksteif wie immer auf seinem Traktor. Den Mützenschirm tief in die Stirn, rumpelt er wie so oft auf das Haus zu. Und die Mutter hinter der Küchengardine hat ihn längst erblickt, setzt Wasser auf's Feuer, legt Butter und Schinken zurecht und erwartet ihn vor der Haustür. Gern nimmt sie das Büschel Waldkräuter, das Säckchen Eckern oder Hagebutten und belohnt den Treuen mit heißem Kaffee und einem ordentlichen Schinkenbrot für den Weg. Eins, zwo, drei springen hinten vom Wagen die Häusler-Kinder herunter. Den steilen Weg hinauf hängen sie sich gern ans Trittbrett, und hüpfen nun dem Traktor voraus, die Mutter zu grüßen. Ich beug' mich noch tiefer, das Bild genauer ins Auge zu fassen. Da nebelt es ein und ein zweites schiebt sich über das erste.

Wieder rumpelt über die Bergstraße ein Fahrzeug dem Haus entgegen. Doch der graue Ruprecht schiebt sich den Helm in die Stirn. Das Rohr seines Panzers zielt auf die Fenster der Küche. Hinter der dünnen Gardine umklammert die Mutter den Kolben eines Gewehrs, den Platz zu behaupten gegen den anrückenden Feind. Auch gegen die flinken Gestalten, die rechts aus der Hecke stürzen, richtet sie den Lauf und liest auf dem wehenden Spruchband das Motto: ALLE GEGEN ALLE! Der Panzer rückt vor in die Schlüsselblumen. Während Schüsse das Küchenfenster zerfetzen, erwidert jetzt aus der Dachluke Mutter das Feuer. Zu spät. Denn den Häusler-Kindern gelingt es, von rückwärts die Treppe zu stürmen. Und johlend schleifen sie die alte Frau, an Händen und Füßen gebunden, über den Kiesweg davon. Der Feuerschein des brennenden Hauses. Die Kettenspur im Blumenbeet. Und überall Blut ...

Entsetzen läßt mich die Augen schließen. Doch die Stimme fordert: "Schau noch einmal hinunter!" Da schreie ich: "Nein! Es ist genug und kaum zu ertragen!" "Ein letztes Mal!", beharrt die tiefe Stimme. Um dir Klarheit zu verschaffen, erdulde auch noch dieses!" Die Schwinge senkt sich nun dicht herab auf mein Haupt. Und im Tal erkenne ich ein Knäuel schmutziggrauer Tiere. Das ist ein Gewimmel von Schnauzen, Pfoten und Schwänzen. Das jagt sich, schnappt, geifert umher, beißt fest sich am andern. Und schon quillt es von unten herauf, die Schwänze gekrümmt. Springt aufeinander, drängt übereinander, türmt sich wider den Felsrand. Doch jenseits der Klippe gähnt unergründlich die Tiefe.

Das Rauschen der Schwinge zu meinen Häupten verstummt. Vor dem offenen Fenster beginnt nun der Tag, ein Alltag mit abgezählten Stunden. Heim kehrt der Fuchs und die Gänse finden zurück in den Hof.

So sehr ich auch schaue, der Pfad von der Straße herauf bleibt leer. Doch nun erkenne ich und setze mich nieder zu Stift und Papier, zu Bild und Wortspiel und schreibe.

Hanno Erdwein

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© 1977 by Hanno Erdwein
Erstellt am Mo, 15.10.01, 08:01:19 Uhr.
URL: http://anderssehen.at/autoren/schau.shtml

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