Fühlen statt sehen /

Fühlen statt sehen:
Im Blindflug nach Glücksburg

"Wir haben uns bis jetzt noch nicht gehört, oder?" Wieso "gehört", "gesehen" heißt das doch, korrigiert mein Hirn reflexartig, bevor ich aufblicke und mich dem Fragenden zuwende. "Ich bin Wilhelm." Vor mir steht ein rüstiger älterer Herr in kurzen Sporthosen. Auf seiner Brust steht in großen Lettern "blind". Wir stehen inmitten eines Pulks aufgeregt schnatternder Erwartungsfreudiger. Gleich soll sie los gehen, unsere Tandem-Radtour, die seit 18 Jahren vom Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein e.V. (BSVSH) und dieses Jahr von Herrn Bielfeld organisiert wird. Vorne auf dem Rad lotst ein sehender Pilot, hinten radelt ein Sehbehinderter bzw. Blinder mit.

Heute geht es ab Jugendherberge los am Stadion mit 13 Tandems zum Glücksburger Schloss. Ich setze die Brille auf, die meine Augen vollkommen vom Tageslicht trennt. Rötliche pulsierende Dunkelheit umgibt mich und schlagartig das Gefühl von Hilflosigkeit. "Mach dir keine Sorgen, ich pass' schon auf uns auf", das ist die Stimme von Claudia Mehrens, meiner Pilotin. Sie nimmt meinen Arm, führt mich zum Rad und meine Hand an den Lenker. Ein Fuß auf die Pedale, und "Los!". Mein Oberkörper schwankt, ich wackle umher, es geht gar nicht. Ich habe das Gefühl, auch noch Claudia aus dem Gleichgewicht zu bringen. Orientierung läuft jetzt anders: Meinen Händen gibt der Lenker Halt, mein Gesicht empfängt halbseitig die Wärme der Sonne, direkt neben mir dröhnen vorbei fahrende Autos. Ganz schön laut. Und in der Ferne ...? Tatsächlich, das Knattern der Segel im Wind. "Links sind Nachkriegsbauten, rechts hinter den Bäumen das Wasser."

Claudia ist großartig. Sie erzählt und ich lasse die Bilder im Kopf entstehen, "Pilotenbericht" heißt das hier. Ich spüre, wie sich meine schützend hochgerissenen Schultern etwas entspannen. "Ganz schön windig heute. Die Segler freuen sich", sagt Claudia, "übrigens kommt gleich Schotter. Und es geht ein wenig bergauf, also ruhig kräftig strampeln." Ah ja, Schotter, das Tandem schlingert, wir ackern uns voran.

"Woran erkennt ein Blinder, dass Claudia so knackige Beine hat?", ruft es schräg hinter mir. Keine Ahnung. "An ihrem Tempo." Ich muss mitlachen - aber nur kurz: "Wir müssen jetzt mal anhalten, da vorne kommen Treppenstufen. Ich trage erst das Rad runter, dann komme ich dich holen." Aha. Weg ist sie. So alleine ist es seltsam, dafür kann ich die einzelnen Geräusche dann doch zu wenig zuordnen. Ein Arm schiebt sich durch meinen. "Werd' mich mal ein bisschen festhalten", das ist Wilhelm, "wir Blinden brauchen den Körperkontakt, dann ist es sofort einfacher." Ist mir noch nie so klar wie jetzt gewesen. "Komm, wir suchen das Geländer." Na gut. Wir tippeln gemeinsam seitwärts, "ich hab's", dann gaaanz langsam vorwärts. Kante, runter, Kante, runter, noch mal, geschafft. Triumphgefühl allererste Sahne.

"Was macht Ihr denn da?" - das ist eindeutig Claudia, meine Frau für den "Nachteilsausgleich". Das ist das Wort für den neuen Zustand, für die Sinnes-Wandlung, die sich in der letzten halben Stunde vollzogen hat. Ist es ein Nachteil? Diese Wertung entstammt der Welt der Sehenden.

"Da hinten ist ein Spielplatz", beschreibt Claudia, was ich schon längst gehört habe. Wie die anderen auch stehen wir in einem ständigen Austausch, denn über die Stimme können wir uns positionieren, sowohl räumlich als auch emotional. Wir fahren jetzt unter Bäumen, übersetzt ist das Ganzkörper-Wärmeflimmern plus Lindenblütenduft. Ich habe nicht das Gefühl, als würde ich auf etwas verzichten, im Gegenteil, ich erobere einen neuen Handlungs-Spiel-Raum.

Fast vergesse ich den Unterschied: Für mich ist es ein Spiel. Ich erlebe hier die Schokoladenseite der Blindheit, ich bin umsorgt, ich darf vertrauen, auch wenn mir bei 30 km/h der Fahrtwind bis in die Magengrube bläst. "Es ist ein großer Unterschied, ob jemand geburtsblind ist oder erst später das Augenlicht verliert. Das sieht man schon an der Körperhaltung: Menschen, die noch nie etwas gesehen haben, agieren viel selbstsicherer. Sie mussten ja nie umdenken", erzählt Claudia. "Für manche war es nicht immer so leicht wie es heute scheint." Schwer zu glauben, wenn man das fröhliche Miteinander so hört. "Gleich sind wir da." Kiesweg, hallender Torbogen, dann Windstille, also im Innenhof, Stopp. "Jetzt kannst du dich entzaubern." - Zack, die Farben knallen in meine Augen, sie tränen auch aufgrund der Intensität des zuvor Erlebten. Das war mehr als nur ein Spiel.

"Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", zuckt mir durch den Kopf, als ich mich umsehe.

Kirstin Sass

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 12, Dezember 2004.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 21.10.05, 19:41:09 Uhr.
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