Da drüben ist ein Sitzplatz /

Da drüben ist ein Sitzplatz

Menschen drängen sich auf dem Grazer Hauptplatz. Es ist Freitag, 17 Uhr, vor dem Wochenende muss noch so vieles erledigt werden. Ich komme nur langsam voran, achte mehr darauf, dass mir keiner über den Stock stolpert und ihn verbiegt, als auf alles Andere. Ich muss ins Odilien-Institut und benötige dazu die Straßenbahnlinie 7.

Da trifft mein Stock auch schon auf das Noppenfeld, das den Haltestellenbereich anzeigt. Wenn die Bahn richtig stehenbleibt, wird sich hier die erste Tür befinden, und ich kann mit dem Fahrer Kontakt aufnehmen, um nachzufragen, welche Linie es ist. Denn an dieser Haltestelle halten alle Grazer Straßenbahnlinien. Das sind zwar nur sechs verschiedene, aber ich habe es eilig und möchte doch auf Anhieb die Richtige erwischen und nicht in der Stadt spazierenfahren.

Quitschend biegt eine Tram in den Hauptplatz ein, und kurz darauf öffnet sich die Tür. "Linie 3 Krenngasse", sagt der Fahrer. "Danke, leider nicht", antworte ich und trete ein Stück zur Seite, um die Ein- und Aussteigenden nicht zu behindern. Früher war es möglich, die Straßenbahnen am Geräusch zu unterscheiden. Da unterschied sich die Linie 7 ganz deutlich von den anderen Linien. Vor allem, wenn sie in den Haltestellenbereich einfuhr, konnte man das gut hören. Mittlerweile kann man sich darauf nicht mehr verlassen. Aber auch wenn der Fahrer von sich aus nichts erzählt, finde ich immer jemanden, der mir Auskunft gibt.

Oh, eine Straßenbahn fährt durch. Die ist offensichtlich hinter dem Dreier gestanden, den ich nicht brauchte. Hoffentlich war das nicht meine. Naja, was ich nicht weiß ... Leider sind die meisten Haltestellen in der Innenstadt Doppelhaltestellen. Das bedeutet, dass zwei Straßenbahnen hintereinander stehenbleiben können und die Leute ein- und aussteigen lassen. Von meinem Standort ganz vorne bei der ersten Tür vermag ich nicht zu hören, ob hinten eine zweite Bahn steht. Außerdem wäre die ohnehin längst weg, bis ich mich bei all den Menschen und Hindernissen auf diesem Platz nach hinten durchgekämpft habe. Wenn eine sehgeschädigte Person (durch Stock oder Blindenschleife gekennzeichnet) auf dem Noppenfeld steht, sollte die zweite Bahn noch einmal halten. Nur leider sieht uns der Fahrer nicht immer, gerade wenn ein solches Gedränge herrscht wie heute. So kann es mir durchaus passieren, dass ich mein Verkehrsmittel verpasse. Als Blinder darf man es nicht eilig haben!

Die nächste Straßenbahn, die vor mir hält, ist meine. Viele Menschen steigen aus. Manchmal ist es schwer zu hören, ob noch Leute aussteigen wollen. Da bin ich immer froh, wenn mir jemand sagt, dass ich schon einsteigen kann. Manche Fahrer erzählen sogar, wie viele Stufen der Einstieg hat. Das ist nämlich unterschiedlich. Oder sie sagen mir, dass der Sitzplatz neben oder gegenüber der Tür frei ist (diese Plätze sind meist als Behindertensitzplätze gekennzeichnet).

Ich steige also ein, und da die Straßenbahn sehr voll ist, bleibe ich gleich neben der Tür stehen. Das ist zwar ungünstig für die Ein- und Aussteigenden, aber hier habe ich eine Stange, an der ich mich anhalten kann. Und außerdem fährt die Bahn auch schon los. In dem fahrenden Verkehrsmittel einen günstigeren Standort zu suchen, ist mir zu gefährlich. Wenn die Bahn bremsen sollte, kann ich in der Schnelligkeit keinen Haltegriff finden und falle womöglich um. Außerdem baumeln diese Griffe irgendwo und sind obendrein in einer Höhe angebracht, die bei meinen gerade mal 1.50 nicht ideal ist.

Eine Hand berührt mich. "Da drüben ist ein Sitzplatz", sagt eine Frau. "Wollen Sie sich nicht setzen?" Ich erkläre ihr, dass ich lieber warte, bis die Straßenbahn wieder steht. Aber wo ist "da drüben?" das kann überall sein. In dem Gedränge vermag ich nicht festzustellen, ob die Frau mir noch ihre Aufmerksamkeit schenkt. Deshalb frage ich auch nicht nach.

Bei der nächsten Haltestelle bringt mich die nette Dame nach "da drüben". Ich habe Glück, der Platz ist nicht so weit vom Ausstieg entfernt. Gemütlich kann ich mich zurücklehnen und die Geräuschkulisse um mich herum genießen. Darauf, wo wir uns befinden, brauche ich mich diesmal nicht zu konzentrieren. Die Haltestellenansage stimmt. Gottseidank gibt es in den Straßenbahnen diese Ansagen. In vielen Bussen fehlen sie leider noch. Da muss ich mich dann auf die Wegstrecke konzentrieren. Dazu muss ich die Strecke ein paarmal gefahren sein, um mir markante Anhaltspunkte wie Kurven einzuprägen. Oder ich sage dem Fahrer, wo ich aussteigen möchte, in der Hoffnung, dass er nicht vergisst. Entspannt zurücklehnen kann ich mich dann aber nicht.

Heute werde ich mit Sicherheit bei der richtigen Haltestelle aussteigen und pünktlich im Odilien-Institut ankommen. Außer, es blockiert uns wieder einmal ein Gleisparker!

Petra Raissakis

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© 2000 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Do, 26.10.00, 08:01:19 Uhr.
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