Leise rieselt der Schnee /

Leise rieselt der Schnee

Schön ist das, wenns in großen Flocken schneit. Bald schon liegt der Schnee wie eine weiße Decke auf der Straße, in den Wiesen und auf den Bäumen. Der Verkehrslärm dringt nur noch ganz gedämpft zu meinem Fenster herauf und die Stimmung ist irgendwie feierlich. Ich mag es gerne, wenn ich auf mein Fenstersims hinausgreifen und die luftige, weiche Schneeschicht berühren kann.

Aber dann kommt der Zeitpunkt, wo ich auf die Straße muss und da hört sich der Spaß auf. Sobald die Gehwege freigeschaufelt sind, wirds schwierig. Wenn ich nicht genau auf dem geräumten Pfad gehe, bleibe ich mit meinem Blindenstock in den Schneehaufen hängen. Es ist auch gar nicht so einfach, eine große Kreuzung schnurgerade zu überqueren, komme ich nur ein bisschen schräg, finde ich den freigeräumten "Aufgang" nicht mehr. Aber sogar das lässt sich mit Geduld und Spucke noch irgendwie lösen. Das größte Problem sind für mich die Stangen, die die Hausmeister gesetzlich verpflichtet sind, aufzustellen. Sie sollen angeblich vor Dachlawinen warnen. Weil jeder Hausbesorger, der was auf sich hält, sofort nach einsetzendem Schneefall die Stangen an die Hauswand lehnt, egal, ob wirklich Gefahr vom Dach droht oder nicht (man weiß ja schließlich nie ...), wird es problematisch. Für uns Blinde z.B. ergibt sich das Problem, dass eine schräg an die Wand gelehnte Stange mit dem Blindenstock nicht oder nur mit viel Glück ertastet werden kann. Meine Hand mit dem Stock fährt fröhlich unter der Stange durch, ich stoße weniger fröhlich und meistens sehr erschrocken gegen die Stange, die oft auch noch vor mir zu Boden kracht. Es nützt auch nichts, mir die Standorte einprägen zu wollen, morgen schon stehen sie ein Stückchen weiter oder näher. Falls ich das Glück haben sollte, zufällig doch noch rechtzeitig aufmerksam zu werden, ergibt sich die Schwierigkeit, die Lawinenwarnstange zu umrunden. Bei schmalen Gehsteigen endet die Stange oft dort, wo die Schneehaufen, die schon nach wenigen Tagen schmutzig und hartgefroren sind, beginnen. Das ist sicher nicht nur für mich schwierig, ich frage mich oft, wie das Mütter mit Kinderwägen oder ältere Leute bewältigen.

Ich verstehe nicht, warum es da noch keine andere Lösung gibt. Ein Warn-Fähnchen am Haustor z.B. hätte die selbe Wirkung, denn trotz der Warnung müssen wir am Gehsteig weitergehen, wo denn sonst? Sollte gerade dieses Gesetz unabänderlich sein?

Susanna Köfinger

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© by Susanna Köfinger
Erstellt am Sa, 25.11.00, 08:01:19 Uhr.
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