Siehste!? /

"Siehste!?" - ein Kunstprojekt
Von Lothar Schubert

Als ich das erste Mal davon hörte, dass Künstler ihre Bilder tastbar machen wollten, war ich ehrlich gesagt etwas skeptisch. Solange früher mein Sehvermögen noch ausreichte, habe ich gerne Ausstellungen besucht und in meiner Wohnung Drucke aufgehängt, von Gaugin, van Gogh, Kandinski, Chagall und Picasso. Doch allmählich konnte ich immer weniger von meiner Umgebung erkennen. Es hieß, sich neu zu besinnen. Deshalb habe ich später gern Ausstellungen in Düren, Duisburg, Köln oder Bonn besucht, um unter sachkundiger Leitung von Frau Gerhads oder Herrn Denecke gemeinsam mit anderen Blinden und Sehbehinderten Reliefs, Skulpturen und Objekte ertasten und begreifen zu können. Sehr beeindruckt haben mich ebenso die Werke von Frau Lilli Ende, die als eine der ersten Bilder tastbar machte, um Blinden auch einen Zugang zur modernen Malerei zu verschaffen.

Eine Woche nach der Eröffnung bot nun Frau Elvira Kubiak dem Blinden- und Sehbehindertenverein Düren an, ihr Kunstprojekt "Siehste!?" in einer speziellen Führung kennen zu lernen. Wir waren insgesamt begeistert. Gleich zu Beginn mussten auch die sehenden Begleiter sich in drei Fühlkästen nur auf ihr Tastvermögen verlassen, um verschiedene Formen und Materialien zu erkennen. Moderne Kunst ist nicht immer einfach zu verstehen und nicht jedem gefällt alles gleichermaßen. Man muss sich als Blinder besonders von der Neigung frei machen, möglichst viel Bekanntes, Gegenständliches wiedererkennen zu wollen. Wie der Sehende Farben und Formen als Gesamteindruck auf sich wirken lassen kann, sollten auch wir offen, mit allen Sinnen und idealerweise im Dialog mit sehenden Begleitern auf diese ansprechende Kunst zugehen.

"Siehste!?"

Besonders auffallend war zunächst das Bild "Siehste!?", das der Ausstellung den Namen gegeben hat. Auf der überwiegend gelben Grundfläche sind 3 runde vorwiegend dunkel gehaltene Scheiben aufgebracht. Es könnte eine riesige Armbinde darstellen, aber auch andere Deutungen sind möglich. Kennzeichnend für die Bilder von Frau Kubiak ist, dass bereits der abwechslungsreiche Untergrund der Hand durch verschiedene Farbschichten und Spachteltechniken unterschiedlichste Tasteindrücke bietet. Man findet eine Vielzahl an Materialien, Formen und Motiven, die der Phantasie manche Anregungen geben. Aus vielen Werken spricht Witz und Humor. Die Objekte sind so reich an Details, dass man immer wieder Neues entdecken kann. Wir spüren in dieser Ausstellung an vielen durchdachten Einzelheiten das besondere Engagement der Künstlerin, Blinden und Sehbehinderten ihre Kunst nahe zu bringen, nicht zuletzt durch den Aufbau von Podesten zur besseren Erreichbarkeit großer Kunstwerke und günstig angebrachter Titel und Erläuterungen in Punktschrift.

Sehr aufschlussreich ist die 7-teilige Serie "Dem fehlt ja ein Ohr!". Hier konnten wir von Tüchern verhüllt die Wandlung eines Porträts von der naturalistischen zur zunehmend abstrakten Darstellung nachvollziehen. Zu bewundern waren auch zu diesem Thema die Arbeiten der Kinder der Blindenschule Düren, bei denen sie unter Anleitung von Frau Kubiak, der Kunstpädagogin Susanne Lochner und der Sozialpädagogin Manuela Knors lernten, ihr Gesicht mit unterschiedlichsten Materialien und Techniken darzustellen.

"Kennste"

Bemerkenswert waren auch mit dem Titel "Verstehste" etwas abstrakte und witzig gestaltete frei schwingende Figuren. Auf dieser "Serie von Sprücheklopfern" waren interessante Äußerungen zum Thema "Sehen" in Schwarz- und Blindenschrift zu lesen. Unter dem Titel "Kennste" konnte man einen bunt bemalten 16-fächerigen Schrank bewundern, in dem verschiedenste Gegenstände zu finden waren, die auf das "Schubladendenken" hinweisen, mit dem sich Blinde und Sehende häufig begegnen. Es ist sehr zu begrüßen, dass der Landschaftsverband Rheinland dieses Kunstprojekt so großzügig gefördert und in diesem Rahmen erst möglich gemacht hat.

Dass ein Künstler nicht nur sein Schaffen Behinderten zugänglich macht, sondern ihnen eine Ausstellung widmet, sie einbezieht und die verschiedenen Welten für einander öffnet, ist das Außerordentliche dieses Kunstprojektes. Auch wenn Blinden der optische Genuss fehlt, bereitet das Wahrnehmen mit der Fingerspitze, der Handfläche, das Ermessen durch die Arme, dem Verstand und dem Gefühl auf einer anderen Ebene ebenso einen Genuss wie dem Sehenden und gibt verschiedenste Anregungen.

"Thank you Louis"

Besonders begeistert haben alle die 26 Arbeiten zur Serie "Thank you Louis". Mit phantastischem Einfallsreichtum wurde jeder Buchstabe des Blindenschriftalphabets auf Holztafeln mit Liebe zum Detail gestaltet. Dabei wird eine ideale partnerschaftliche Kunsterfahrung erreicht. Blinde und Sehende müssen sich gegenseitig ihre Wahrnehmung mitteilen und kommen erst dadurch zu einem einmaligen gemeinschaftlichen Kunsterlebnis.

Ich weiß nicht, ob es von mir anmaßend ist, einem Künstler Verbesserungs- oder konkrete Bildvorschläge zu machen. Doch hätte ich mir nachträglich zu sehen gewünscht, dass in dieser Ausstellung, die sich an Blinde und Sehende richtet, in einem Bild auch etwas aus unserer Lebenssituation dargestellt wird. So könnte ich mir z.B. ein Bild mit einem erfreut lächelnden Blinden vorstellen, der unterwegs angesprochen wird, um ihm Hilfe anzubieten oder eine Skizze beim versunkenen Lesen eines Punktschriftbuches, vielleicht auch die Darstellung der Verlorenheit, die man allein in einer unbekannten Menschenmenge empfinden kann.

Im Namen der blinden, sehbehinderten und auch sehenden Besucher der Ausstellung möchte ich in Abwandlung ihres Titels "Thank you Louis" abschließend einfach sagen: "Danke Elvira"!

Die Ausstellung ist noch bis zum 10.10.2002 geöffnet. Als Wanderausstellung wird sie 2003 in Berlin und 2004 in Soest mit verschiedenen Gastkünstlern präsentiert; ideell auch unterstützt durch den DBSV.

Die Künstlerin ist interessiert, ihre Ausstellung in weiteren Städten auch mit neuen Gastkünstlern zu präsentieren.

Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehörten in Düren u.a. ein Vortrag über die Gründung der Blindenschule in Tibet durch Sabriye Tenberken, das Konzert eines blinden Sängers, die Vorführung einer Führhundschule, eine Hilfsmittelausstellung des VzFB anlässlich der 75-Jahrfeier des Blindenvereins Düren und der Tag der Offenen Tür im BFW Düren. Vergleichbare Rahmenprogramme an anderen Orten bieten eine gute Gelegenheit, unsere Situation und unsere Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Bemerkenswert war, dass in Düren auch viele Schulklassen die Ausstellung besucht haben.

Das "Rurecho", die Kassettenzeitung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Düren, hat Informationsmaterial und einen Hörkatalog mit Bildbeschreibungen und Begleittexten auf Kassette für 2,00 EUR erstellt. Ein kostenloser Flyer in Schwarzschrift und eine Kurzfassung in Punktschrift stehen auch zur Verfügung.

Bestellungen bei: Lothar Schubert; Tel.: (0 24 21) 5 98-2 20.

Die Künstlerin ist zu erreichen unter Tel.: (0 21 75) 67 62.

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 8, Juli/August 2002.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 29.11.02, 07:46:09 Uhr.
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