Warum sagen Blinde auch auf Wiedersehen /

Warum sagen Blinde auch "auf Wiedersehn"

Gespräch an einer Bushaltestelle:

Eine bekannte Frau aus dem Bezirk sprach mich an und wir unterhielten uns kurz. Da ihr Hündchen zog und weiterwollte, verabschiedete sie sich mit dem üblichen, netten Gruß "auf Wiedersehn".

Eine andere Dame, die mit mir auf denselben Bus wartete, kam dann auf diesen Gruß zu sprechen.

"Entschuldigen Sie meine ungewöhnliche Frage, aber kommt es Ihnen nicht eigentlich paradox vor, wenn Sie mit "auf Wiedersehn" grüßen oder gegrüßt werden?" Ich verneinte und erklärte ihr folgendes:

"Auf Wiedersehn" ist ein Gruß, den man vielleicht höflich, aber gedankenlos anwendet; aber auch, weil man meint oder wünscht, mit dem Gegrüßten wieder einmal zusammenzukommen. Das Zusammentreffen ist also nicht nur für die Augen bestimmt; man sieht einander, hört, berührt, etwa durch Handreichen oder auch durch einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Allses, bis auf das Erste, kann ein Blinder genauso. Also besteht kein Grund zur Peinlichkeit oder Unsicherheit.

Letzteres trifft auch zu, wenn Unsereins vom Fernsehen erzählt. Auch das ist ein allgemeiner Begriff; genügend Leute haben den Fernseher eingeschaltet, obwohl sie gar nicht hinsehen, weil sie noch allerhand Arbeiten zu verrichten haben. Hausfrauen Beispielsweise, die daneben noch Kochen, Abwaschen, Kinder baden und, und, und. Kinder und Jugendliche lassen den Fernseher laufen, (übrigens auch ein Begriff, der nicht unbedingt mit Beintätigkeit zu tun hat), während sie die Hausaufgaben machen. Sie sagen trotzdem, sie hätten Fernge-"sehen". Ein Blinder sieht Fern mit den Ohren, durch die Erklärungen der Familienangehörigen oder Freunde; aber man sieht Fern.

So ist es auch im Kino. Allein hat Unsereins nicht viel davon; mit Begleitung ist das schon ein Erlebnis. Dazu kommt auch, dass durch das Erklären nicht so viel überhört werden kann, da die Lautstärke im Kinosaal eine andere ist wie in Wohnungen, und man stört auch keine Nachbarn.

Über das Sehen im Allgemeinen kann mit einem Blinden sehr wohl gesprochen werden. Z. B., "Ich werde nachsehen, ob ich noch genug Geld eingesteckt habe." Der Begriff "Sehen" kann so vielseitig angewendet werden. Man sagt: "vorsicht" und meint, achtung Stufe oder Baustelle. Man sagt, "nehmen Sie doch Rücksicht", und meint auch nicht, dass der Angesprochene nach hinten sehen soll. Einer beabsichtigt, etwas zu unternehmen und hat auch nicht gleich den Blick dort, wo er hin will. Wenn ich die Über-"sicht" bei einer Arbeit verliere, muss ich auch nicht gleich die Zettel meinen, die sichtbar auf dem Schreibtisch liegen. Denkt jemand gleich an alles, so nennt man das um-"sichtig" - er sieht mit dem Gedächtnis. Weiters gibt es noch den netten Satz "mit dem Herzen sehen". So etwas ist wichtig und nicht nur durchführbar, wenn das Sehorgan in Ordnung ist.

Wie steht es eigentlich mit den Eigenschaften hell und dunkel und mit Farben? Sieht einer schwarz, muss er noch lange nicht im Tunnel stehen. Tappt die Polizei im Dunkeln, sucht sie die Verbrecher auch nicht gerade in stockdunkler Nacht. Ist jemand anständig, so hat er eine "weisse" Weste. Diese Feststellung kann auch ein Blinder treffen. Und "blau" ist mitunter einer unter uns. Einen "blauen Montag" schieben wir eher nicht ein. Aber wir bezahlen höhere Geldbeträge meist mit einem "Blauen". Wir wissen auch, dass Wald und Wiesen grün sind. Deshalb fahren oder wandern wir an Wochenenden oder im Urlaub manchmal "ins Grüne". Kriegt einer einen Wutanfall, sieht er auch nicht unbedingt mit den Augen "rot". Wie ist das überhaupt mit den politischen Parteien?

Ein Blinder hört auch, wenn er mit einem Menschen spricht, der finster drein-"schaut". Oder ich erzähle jemandem etwas unvorstellbares, so ist er baff. Ich weiß, jetzt "schaut" er aber. Sogar die Weihnachtsspendenaktion ist noch lange nicht nur für Blinde, obwohl man sie "Licht ins Dunkel" nennt.

Mit so vielen Ausführungen und Vergleichen hat meine gute Gesprächspartnerin nicht gerechnet, also war sie baff; sie hat nur so "geschaut"! So grüßte ich, als wir uns trennten, nicht mit "auf Wiederhören" oder "auf Wiederfühlen", sondern eben mit dem allgemeinen und netten Gruß "auf Wiedersehn".

Anna Nussthaler

Aus: "Odilien-Institut im Blickpunkt", Folge 29/September 1996

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Erstellt am So, 15.10.00, 08:01:19 Uhr.
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