Beim Inder /

Beim Inder

Da kommt die Bahn, in der Moritz sein müsste. Er hat mich vorhin per Handy angerufen, er sei soeben in die Straßenbahn eingestiegen. Da er auch blind ist, will er beim Aussteigen mit dem Blindenstock klappern, so dass ich weiß, wo er ist. Die Türen gehen auf; ich höre keinen Blindenstock. Mein Hund Billi, wird schon ganz nervös, da er eine Straßenbahn, in die er nicht einsteigen darf, für einen unzulässigen Irrtum hält. Ich warte und warte. Kein Moritz. Ist er zu weit gefahren? Waren die Ansagen im Zug mal wieder falsch eingestellt? Schließlich nehme ich mein Handy und rufe ihn an.

"Wo bist du denn?"

"Na hier, an der Haltestelle "Tigerallee"!"

"Das kann nicht sein, dann müsste ich dich doch hören!"

"Ich habe extra eine Frau gefragt, ob ich hier richtig bin. Aber hier ist es total still. Nur eine leise Musik ist zu hören." Ich bin immer überzeugter davon, dass er an einer anderen Station steht.

"Bei mir sind viele Leute und Musik gibt es auch keine!"

"Was machen wir denn jetzt?" Da kommt mir ein Gedanke: "Warte, ich pfeife auf den Fingern und du sagst mir, ob du es gehört hast."

Ein begeisterter Aufschrei am anderen Ende der Leitung: "ja, ich hab dich gehört. Es kam von rechts."

Nach kurzem Überlegen komme ich zu dem Schluss, dass Moritz ganz am Ende des Zuges ausgestiegen sein muss. Billi, der die Welt immer weniger versteht, lässt sich dazu bewegen, in die angegebene Richtung zu laufen und siehe da, Moritz kommt in Hörweite. Tatsächlich steht er im hintersten Winkel des Bahnsteiges, wohin sich kaum ein Mensch verirrt. -

"Himmel, ist das umständlich, dich zu besuchen!" stöhnt Moritz, als wir den Weg zu mir nach hause antreten.

Ich grinse: "Zwei Blinde telefonieren hilflos auf dem selben Bahnsteig herum. Das sollte man als Sketch verfilmen."

Später wollen wir noch zum Inder gehen, bei dem ich schon einen Tisch für uns reserviert habe. Leider sind meine Eltern nicht da, so dass wir den Weg allein finden müssen. Ich rufe Carmen an, die mir den Weg beschreibt und mir sagt, wir müssten in der betreffenden Straße etwa dreimal überqueren und dann sei das Restaurant irgendwann rechter Hand. - Insgeheim zähle ich auf Billi, der schon öfter mit dort war und eventuell den Eingang finden könnte. Wir machen uns also auf den nicht gerade kurzen Marsch: Billi und ich voraus, Moritz uns nach. Es ist nicht möglich, dass er sich bei mir einhängt, da Billi 1. nicht für zwei blinde schauen kann und er 2. vor Moritz' Stock Angst bekommt, wenn der ihm vor der Schnauze herumwedelt. Damit Moritz uns problemlos folgen kann, halte ich in der freien Hand meinen Schlüsselbund, mit dem ich klappere. Wenn wir Leuten begegnen, muss ich jedes Mal lachen, da ich mir vorstelle, wie seltsam diese Prozession wirken muss. - Bis auf die Keramikwaren, die jemand unvorsichtigerweise vor dem Blumenladen aufgeschichtet hat, lässt Moritz alle Hindernisse unversehrt hinter sich. Einmal mehr bin ich um meinen Hund froh, der die Blumentöpfe weitläufig umrundet hat. Denn im Gegensatz zu Moritz' Stock hat er schließlich Augen. -

Nun laufen wir die Straße hinunter, auf deren rechter Seite sich das indische Restaurant befindet. - Nach einigen Überquerungen mehr als Carmen sich zu erinnern meinte, und kurz bevor wir umkehren wollen, biegt Billi rechts in eine Nische ein. Ich stehe vor einer Glaswand.

"Was sollen wir denn hier?" will ich empört wissen "Das ist doch nie der Inder!" Ich glaube, vor dem Schaufenster irgendeines Geschäftes zu stehen, das längst geschlossen hat. Doch Moritz hat sich inzwischen beherzt weitergetastet und öffnet bereits die Tür, aus der es jetzt unwiderlegbar nach indischen Speisen duftet. Ebenso erleichterte wie überschwängliche Lobeshymnen prasseln nun von meiner Seite auf den sehr mit sich zufriedenen Billi nieder. Ohne das Tier wären wir an diesem Abend bestimmt hungrig geblieben.

Leider ist heute mein patenter Lieblingskellner nicht da, sondern nur eine schüchterne Dame, die kaum Deutsch zu verstehen scheint. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich ohne sehende Begleitung hier bin. Moritz und ich bestellen beide etwas, was wir kennen, da wir mit dem Angebot der indischen Küche recht gut vertraut sind. Nachdem die Bedienung sowohl den Topf mit Reis als auch das Fleisch mit Gemüse vor Moritz aufgestellt hat, will sie sich entfernen. Moritz versucht ihr zu erklären, dass sie ihm bitte etwas auf den Teller häufen soll. Schließlich scheint sie zu begreifen. Doch als Moritz seinen Teller inspiziert, findet er darauf nur etwas Reis. Dies wird korrigiert, als die Dame das nächste Mal vorbeikommt. Er schafft es tatsächlich, ihren leisen, raschen Schritt auszumachen und sie zu stoppen. Sie legt ihm vor. - Leider so wenig, dass sein Teller kurze Zeit später wieder leer ist. Da ich mir lediglich eine Vorspeise bestellt habe, die bereits auf einer Platte serviert wird, habe ich keine Probleme.

"Also, mir ist das jetzt zu blöd! Ich nehme mir selber", meint Moritz verstimmt, da die Kellnerin weit und breit nirgends zu hören ist. - Bei Moritz scheint soweit alles zu klappen. Doch nach Kurzem hat er keine Lust mehr, den Inhalt der Töpfe mühevoll auf seinen Teller zu löffeln. Er besitzt in solchen Dingen weder viel Geschick noch die nötige Ausdauer.

"Ich kippe jetzt einfach die Töpfe und löffle das Zeug direkt auf den Teller", verkündet er zuversichtlich. Mir wird bei der Vorstellung des großen, auf der Wärmeplatte stehenden Topfes und des im Verhältnis dazu sehr kleinen Tellers etwas unbehaglich, doch Moritz wird das schon machen.

"Klappt alles?"

"Klar." Na, wenn er meint.

Als wir das Essen glücklich hinter uns gebracht haben sagt Moritz verheißungsvoll:

"Du, komm mal um den Tisch und schau dir meine Sauerei an!" Oh je, habe ich es doch geahnt! Doch was ich nach dem Überklettern meines Hundes und dem Umrunden der noch am Tisch befindlichen Stühle vorfinde, übersteigt meine kühnsten Befürchtungen: Überall vor Moritz befinden sich, großzügig auf dem Tischtuch verteilt, Reishäufchen und diverse andere Essensreste in beachtlicher Menge.

"Ist doch Bühnenreif oder?" fragt Moritz erstaunlich gelassen.

"Um Gottes Willen!" entfährt es mir entsetzt "das sieht ja grauslich aus! Bitte mach das weg! Das kannst du nicht so lassen!"

"Ja und? Die Frau ist doch selber schuld, wenn sie mir nicht hilft! Kann ich was dafür, wenn die nicht mit Blinden umgehen kann?"

"Bitte", flehe ich ihn lachend an "mach das Zeug weg! Und wenn du es dem Hund gibst!"

"Also gut", meint er und schaufelt, als tue er das jeden Tag, die ganze Bescherung mit den Händen vom Tischtuch. Während sich die Mischung aus Reis und Hühnchen auf den Teppichboden ergießt, bemerke ich entsetzt, dass die Gespräche um uns herum völlig verstummt sind und einem eindeutig uns betreffenden Gelächter Platz gemacht haben. Voll Begeisterung und vermutlich unter der Beobachtung sämtlicher umsitzender Gäste lässt Billi sich von mir auf die unerwarteten Gaben hinweisen und futtert Moritz' Hinterlassenschaften restlos in sich hinein. Ich weiß nicht, ob die Speisehaufen auf dem Tisch oder deren unkonventionelle Beseitigungsaktion mehr Aufsehen erregt hätten. Aber jetzt ist es sowieso schon zu spät. Tisch und Teppich sind vom Unheil befreit, Billi leckt sich genüsslich das Maul und das Publikum zerreißt sich dasselbe vermutlich über uns. - Was auch immer sie jetzt von uns denken mögen, wir haben jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Man scheint über die abwechslungsreiche Darbietung allgemein amüsiert. Auch ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. - Die Kellnerin, sofern sie das Zwischenspiel mitbekommen haben sollte, lässt sich nichts anmerken und serviert uns den gewünschten Mangosekt, den wir uns jetzt redlich verdient haben, wie ich finde. Ein neuer Grund zur Heiterkeit entsteht, als wir versuchen, auf den gelungenen Abend anzustoßen. Es dauert eine Weile, bis wir, unsere Gläser auf dem Tisch umherschiebend, endlich zueinander finden. Entgegen der Sitte haben wir zuvor beide schon etwas abgetrunken, um beim Anstoßen nichts zu verschütten. Vorsichtshalber heben wir unsere Gläser nur wenige Zentimeter an. Auch das klingende Geräusch stellt sich nicht ein, da es uns beiden zu wackelig erscheint, die Gläser am Stiel zu fassen. Wieder werden meine Lachmuskeln gründlich durchgeschüttelt.

"Das muss ein Bild für die Götter sein, wie wir Blindfische in voller Konzentration versuchen, unsere Gläser zusammenzubringen, ohne ein Sektbad zu veranstalten."

"Tja, die meisten Sehenden wissen gar nicht, über wie viele, für sie banale Handlungen wir eine Doktorarbeit schreiben könnten", meint Moritz. "Darauf trinken wir."

"Eigentlich hätten wir für unsere Vorstellung heute Abend Eintritt verlangen sollen. So was bekommen die bestimmt nicht alle Tage zu sehen!" ´

Karolin Geist

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© 2009 by Karolin Geist
Erstellt am Do, 17.12.09, 07:01:19 Uhr.
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