Noch 10 Sekunden /

Noch 10 Sekunden

Ich weiß nicht mehr warum, aber aus irgendwelchen Gründen hatte ich mich, mal wieder, erst in letzter Minute auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Und dann war auch noch die U-Bahn im Tunnel stehen geblieben. Wir wurden um Verständnis für die Verzögerung gebeten. Dadurch kam ich, sowieso schon zu spät losgegangen, noch viel mehr zu spät am Bahnhof an.

Ich musste mindestens zwei Rolltreppen hoch, durch einen Tunnel, über einen Vorplatz und durch ungefähr die halbe Bahnhofshalle um zu meinem Zug zu kommen. Außerdem wusste ich nicht genau, auf welchem Gleis der Zug abfahren würde. Ich hoffte, im Bahnhof jemanden zu finden, den ich fragen konnte und der sich dann auch, möglichst schnell, auf der Übersichtstafel zurechtfinden würde. Das alles, für mich allein, war in der kurzen zeit fast unmöglich zu schaffen.

Meist lehne ich Hilfsangebote dankend ab, weil ich mich auf dem Bahnhof gut auskenne und normaler Weise auch genug Zeit habe. Dann ist es mir lieber, in aller Ruhe allein zu gehen, als vielleicht von einem zwar netten Menschen, der es jedoch selbst eigentlich sehr eilig hat, total gehetzt zu einem Bahnsteig verfrachtet zu werden.

An diesem Tag wäre mir ein Hilfsangebot jedoch ganz lieb gewesen. Ich wollte dieses Mal jemanden um Hilfe fragen. Mit einem sehenden Menschen käme ich auf jeden Fall schneller und leichter durch das Freitag-Nachmittag-Gedränge. Aber mit den Hilfsangeboten verhielt es sich so, wie mit vielen anderen Dingen auch. Wenn man sie nicht braucht, findet man sie Massenweise. Braucht man sie aber, sind sie nicht da.

Mit dieser Vermutung beschäftigt betrat ich die erste Rolltreppe. Ich wäre gern hochgelaufen, um schneller zu sein. Doch vor mir stand jemand. Der Jemand drehte sich zu mir um und fragte, ob er helfen könne. Na bitte, das klappte ja doch wunderbar!

Ich bejahte dankbar und sagte ihm, dass ich möglichst schnell durch den Bahnhof und außerdem noch wissen müsse, wo mein Zug abfahre.

"Da schauen wir einfach auf die Abfahrtstafel. Ich muss auch noch sehen, wo mein Zug fährt. Hängen sie sich ruhig bei mir ein."

Schön. Wir verließen die Rolltreppe und gingen - nein - schlenderten in einem gemütlichen Sonntagnachmittags-Krankenhauspark-Spaziergangs-Tempo durch die Unterführung. oh je, da wäre ich allein mehr als doppelt so schnell gewesen, und mir lief die Zeit weg.

Er fragte: "Wann fährt denn Ihr Zug?" "In 4-5 Minuten", antwortete ich. "Prima, dann habe ich genug Zeit und kann Sie hinbringen. Meiner fährt erst in sechs Minuten."

Wir hatten inzwischen die nächste Rolltreppe erreicht. Neben uns liefen einpaar Leute vorbei, die Rolltreppe hoch. Das hätte ich jetzt auch am liebsten getan. In diesem Moment stieß mich mein Begleiter an: "Gucken Sie mal. Die rennen alle einfach. Wozu denn das. Schade, die tun alle, als hätten sie keine Zeit."

Zeit hatte ich auch nicht. Dieser Mensch hatte wohl ein paar Gramm Valium geschluckt?

Aber wie eine Schlaftablette klang und bewegte er sich eigentlich nicht. Er strahlte etwas sehr angenehmes aus, wirkte sehr in sich ruhend und einfach gelassen. Irgendwie beeindruckte er mich, ohne dass ich genau sagen konnte, warum. Aber ich hatte es eilig, verdammt noch mal! Wenn ich diesen Zug verpasste, könnte ich erst in drei Stunden fahren.

Ich bin oft eher langsam. Zwar weiß ich, wenigstens theoretisch, wie man sich beeilt, tue es jedoch nur nach ausdrücklicher Aufforderung oder bei dringender Notwendigkeit. Schon öfter hatte ich den Wunsch gehabt, mal jemandem zu begegnen, der das Wort "Beeilung" auch nicht gerade zu seinen Lieblingswörtern zählt. Hier hatte ich nun meinen Meister gefunden. Dieser Typ übertraf mich in Langsamkeit bei weitem. Aber jetzt war wirklich nicht der rechte Zeitpunkt für eine solche Begegnung.

Wir spazierten nun gemütlich über den Vorplatz und in den Bahnhof hinein. Ich wollte ihn gerade daran erinnern, dass er noch einen Blick auf den Abfahrtsplan werfen sollte, da bemerkte er: "Die Abfahrtstafel. - Da sind wir gerade vorbeigelaufen. Ach, wir brauchen nicht umdrehen. Wir schauen einfach nach, was an den Bahnsteigen angeschlagen ist."

Na wenigstens etwas. Wenn der jetzt auch noch wieder umgedreht wäre, dann hätte ich dem Zug bestimmt nur noch hinterherwinken können. Wir spazierten also weiter.

Ich vermutete, mein Zug müsste auf Gleis 7, 8 (wenigstens für beide der gleiche Bahnsteig) oder Gleis 9 fahren. Also las er mir vor, was an diesen Bahnsteigen angeschlagen war. Der Zug, der schon auf Gleis 7 wartete, war der richtige. Das wusste ich nun sicher. Aber der junge Mann hatte Bedenken. Der Bahnhof, den ich ihm genannt hatte, stünde doch gar nicht da drauf. Wie könne ich denn da wissen, welcher Zug richtig sei. Er wollte lieber doch noch mal zurückgehen.

Ich versuchte kurz, ihn darüber aufzuklären, dass an den Bahnsteigen nur die Endbahnhöfe angeschlagen waren. Aber dann gab ich auf und ließ seinen arm los, um den Bahnsteig zu erstürmen. Vielleicht erwischte ich den Zug noch. Doch er blieb an meiner Seite und nahm wieder meinen Arm. Aber es war bestimmt schon zu spät. Als wir die erste Stufe betraten, tönte von unten die Ansage zu uns herauf: "Türen schließen selbsttätig."

Jetzt wollte ich aber wirklich rennen, wenn das überhaupt noch Sinn hatte. "Sie brauchen nicht zu laufen. Wir haben noch 10 Sekunden", beruhigte er mich. Jetzt würde ich ganz sicher gleich ausflippen. Ich war inzwischen bestimmt mindestens auf der höchsten aller nicht vorhandenen Palmen der näheren Umgebung.

Offensichtlich hatte er eine Veränderung in meinem Gesicht, oder sonst irgend etwas bemerkt, denn er wurde nun tatsächlich aktiv. Er hob die Hand und pfiff kurz, laut und fürchterlich schrill auf den Fingern. "So, der Schaffner hat uns gesehen. Wir haben Zeit."

Unser Gangtempo, von Sonntagsspaziergang auf ein immerhin annähernd normales Schritttempo erhöhend, geleitete er mich zum zug. Er rief ein "Dankeschön" in Richtung Schaffner. "Sehen Sie. Da schaffe ich meinen Zug doch noch ganz bequem. Der fährt erst in 30 Sekunden."

Mit diesen Worten stellte er mich sanft vor die Zugtür, verabschiedete sich und verschwand. Hinter mir schlossen sich die Türen augenblicklich und der Zug fuhr, tatsächlich mit mir drin, ab. Ich hielt mich an einer Stange fest, weil ich so lachen musste, dass ich im Moment nicht weiter gehen konnte. Ich weiß nicht, ob der Typ seinen Zug noch bekommen hat, aber ich denke schon.

Yvonne Ramm

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© 2005 by Yvonne Ramm
Erstellt am Do, 12.05.05, 08:40:19 Uhr.
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