Nachtzug mit Überraschungseffekt /

Nachtzug mit Überraschungseffekt

Es ist alles bis ins Detail geplant: Vom Büro rasch nach Hause, Koffer packen, umziehen und ins Konzert; danach zurück nach Hause, nochmals umziehen, Koffer schließen und ab zum Bahnhof, um den Zug um 23.25 Uhr nach München zu erreichen. Von dort soll es um 7.42 Uhr weiter nach Karlsruhe gehen.

Dass der Tag einigermaßen stressig werden würde, damit haben wir gerechnet. Eine U-Bahnstörung oder ein Ende unseres Konzertes nach 22 Uhr hätten unser Timing empfindlich durcheinander gebracht. Aber alles klappt wie am Schnürchen. Wir sind sogar nahezu eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof, also was soll da groß noch schief gehen? Wie trügerisch es doch sein kann, sich allzu früh zu entspannen.

Es beginnt damit, dass der Zug - wir haben vorsorglich das Abfahrtsgleis in Erfahrung gebracht - nicht angeschrieben ist. Ein freundlicher Bahnbeamter informiert uns, dass der Zug wegen verspäteter Grenzübergabe (er kommt aus Budapest) 50 Minuten Verspätung haben wird. Na toll: Es ist knapp vor Mitternacht, hat einige Grade unter null, ein stressiger Tag liegt hinter und eine ohnehin kurze Nacht vor uns.

Aber was bleibt dem willigen Reisenden schon übrig als die Dinge zu nehmen, wie sie nun mal sind - und man ist ja mit diesem Problemchen nicht allein, wie das Gewimmel in der oberen Bahnhofshalle zeigt.

Zu der in Aussicht gestellten neuen Abfahrtszeit schnappen wir also unser Köfferchen und pilgern, nun schon leicht durchfroren, auf den Bahnsteig und beziehen Position. Da kommt ein händereibender und vor Kälte schlotternder Bahnbeamte auf uns zu und informiert uns, dass aus den 50 inzwischen 120 Minuten Verspätung geworden sind. - Anschlusszug ade!

Manches ist zu schön, um wahr zu sein, anderes zu unangenehm, um es glauben zu können. Die Aussicht, in einen gut geheizten oder meinetwegen auch überheizten Schlafwagen zu steigen und sich im warmen Bett zu verkriechen scheint in manchen Situationen nahezu wie der sprichwörtliche Himmel auf Erden - oder, wie in unserem Fall, wie die Wurst, die man dem Hund vor die Schnauze hält und im letzten Moment wieder wegzieht.

Also zurück in die Halle, wo nun das neuerliche Warten beginnt. Aber - unfassbar! - "pünktlich" um 1.15 Uhr ist der Zug da und um 1.30 Uhr fährt er ab.

Geschafft - gerettet - denken wir, aber auch wenn alles ein Ende hat - in diesem Fall ein gutes -: die Wurst hat bekanntlich zwei.

Unser Nachtzug benötigt für die Strecke Wien - München fahrplanmäßig von 23.25 bis 6.23 Uhr, tagsüber hingegen etwa 5 Stunden. Ob Nachtzüge aus fahrplantechnischen Gründen zu Bummelzügen werden oder ob auf diese Weise den Reisenden eine möglichst lange und ungestörte Nachtruhe beschert werden soll, mag dahingestellt bleiben.

Wie auch immer: Durch Verkürzung der Stehzeit zum Beispiel in Salzburg würden wir aber einen Teil der zweistündigen Verspätung wettmachen und so zwar nicht den geplanten, aber doch noch einen passenden Anschlusszug erreichen können. Also schlafen wir beruhigt, rappeln uns gegen 5.50 Uhr wieder hoch und erinnern den Schaffner an unser Frühstück, das er auch gegen 6.10 Uhr aufs ungemachte Bett stellt. Früher war das im Schlafwagen anders, da wurden die Betten hochgeklappt und ein Tisch aufgestellt. Kurz darauf bringt er uns kommentarlos auch die Fahrkarten.

Der Zug hält, ich sehe auf die Uhr und bemerke trocken: "München Hauptbahnhof!" - Die gute Laune ist sichtlich zurückgekehrt. Was so ein paar Stunden Schlaf, Wärme und eine heiße Tasse Kaffee doch bewirken können! - Oh du trügerische Sicherheit!

Mein Mann (er ist stark sehbehindert) schiebt den Rolladen hoch und bemerkt ebenso trocken: "Kann sein, sieht zumindest aus wie der Münchner Bahnhof."

Wie rasch die morgenfrische Laune doch in einen heftigen Adrenalinstoß mutieren kann.

Während mein Mann die Lage mit dem völlig gelassenen und unwissend wirkenden Schaffner zu klären versucht, stelle ich das eben begonnene Frühstück (museales Toastbrot und Margarine aber ein wundervoll heißer Kaffee, von dem ich erst einen einzigen Schluck genommen habe) auf den Boden, wische mir die Finger notdürftig an der Serviette ab, greife nach dem Handy (ich wollte die österreichische gegen meine deutsche Sim-Karte tauschen), grapsche nach den Fahrkarten, stopfe alles in die Handtasche (die ausnahmsweise offen bleiben muss), schlüpfe in den Mantel, schnappe den Koffer und mache Platz, damit auch mein Mann an seinen Mantel kann. Ich bin schon auf dem Weg zur Tür, aber wie's der Teufel haben will, finde ich in der Hektik nicht sofort den Türöffner. Dass aber auch alle Waggontypen unterschiedlich gebaut sein müssen! Ob Ausstieg links oder rechts kann ich natürlich auch nicht feststellen, aber da kommt auch schon mein Mann hinterher, der prinzipiell nie die Nerven verliert, jetzt aber auch ein wenig out of order wirkt. Wir betätigen erst den einen, dann den anderen Knopf - nichts. Und jetzt entschlüpft mir der erste laute und sehr undamenhafte Fluch (die gemurmelten zählen ja nicht), zumal der Schaffner nicht die geringsten Anstalten macht, unsere Bemühungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Aber wir haben keine Zeit uns zu ärgern, und dann reagiert endlich die untere Taste. Ich werde den stillen Verdacht nicht los, dass der Waggon gesperrt war, wie es bei Nachtzügen häufig der Fall ist und unserem Schaffner zufolge seiner Kommunikationsprobleme bis jetzt gar nicht bewusst war, dass wir in München umsteigen müssen. Die einbehaltenen Reservierungen, denen dies klar zu entnehmen ist, scheint er wohl abgelegt, aber keines zweiten Blickes gewürdigt zu haben. Wer ist hier blind?

Als wir auf den Bahnsteig stürzen, höre ich hinter uns einen weiteren Fahrgast, der offenbar ein schweres Gepäckstück schleppt und uns schnaubend auf den Bahnsteig folgt. Ihn hat offenbar dasselbe Schicksal ereilt wie uns.

Jetzt müssen wir herausfinden, auf welchem Bahnsteig wir sind und auf welchem der Anschlusszug nach Karlsruhe abfährt. Ersteres wird zwar über Lautsprecher angesagt, aber einerseits haben wir diese längst verpasst, und andererseits sind diese Ansagen in München ohnehin aufgrund der schauderhaften Akustik völlig unverständlich. Für unsere Recherchen bleiben uns laut meiner Uhr gerade mal 10 Minuten.

Sie werden trotz all unserer Hektik sicher schon bemerkt haben, dass unser Zug - unglaublich! - pünktlich in München angekommen, uns dies aber nicht bekannt gewesen ist. Aber ein Zug, der auf die Distanz Wien - München zwei Stunden Verspätung einbringt, ist - wenn schon nicht rekordverdächtig - so zumindest ein Kuriosum, mit dem man nicht rechnet - der Schaffner wohl auch nicht.

Auf unserem Weg durch die Halle versuchen wir unseren Zug zu erfragen, aber niemand kann oder will uns verstehen. Ein netter Mann, der zwar kein Wort Deutsch spricht, aber offenbar ahnt, was wir brauchen, begleitet uns zu einem Informationsstand, wo zig Leute anstehen. Wir bedanken uns überglücklich und warten eine Weile. Aber viel Zeit ist nicht mehr, genau genommen noch 5 Minuten, und so machen wir um Entschuldigung bittend auf uns aufmerksam, erhalten prompt die benötigte Information (Gleis 17) und fragen uns gerade, wie wir rasch dorthin kommen, als unmittelbar vor uns jemand mit einem Rollkoffer in Richtung Geleise geht - ein Geräusch, dem man gut folgen kann. Wir sprechen den Koffer an - Verzeihung: die junge Dame, die ihn zieht - und fragen nach Gleis 17. erstaunlicherweise will sie auch dahin, verrät sie uns. Welch ein Glücksfall! Wir folgen ihr also einfach, steigen ein, prüfen mit Hilfe unseres Rettungsengels noch die Reservierung, nehmen dankend Abschied und wandern die 2 Waggons im Zug nach vorn auf unsere Plätze. Da wir den Speisewagen dabei durchqueren müssen, wissen wir auch gleich, wo wir das vorzeitig abgebrochene Frühstück nachholen können, was wir später auch tun.

Und erst jetzt, drei Stunden vor unserem Ziel, beginnt der planmäßige und angenehme Teil unserer Reise. Wir erreichen pünktlich Karlsruhe, werden schon erwartet, beziehen ein nettes Hotelzimmer und verbringen ein vergnügliches Wochenende in netter Gesellschaft.

Am Sonntagmittag stehen wir wieder auf dem Bahnsteig und warten auf den Zug aus Paris, der uns bis München bringen soll, wo wir 10 Minuten Zeit zum Umsteigen in den Zug nach Wien haben.

Können Sie mir verraten, woher bloß diese erhöhte Aufmerksamkeit und angespannte Konzentration auf Lautsprecherdurchsagen und woher die leise Unruhe beim Gedanken an die nur 10 Minuten Umsteigezeit in München kommt?

Eva Papst

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© 2005 by Eva Papst
Erstellt am Fr, 16.09.05, 08:01:19 Uhr.
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