Leichtsinnig auf gewohnten Wegen /

Leichtsinnig auf gewohnten Wegen

Geht es Ihnen auch so, daß Sie sich, gerade als Blinder, auf unbekannten Wegen sehr vorsichtig bewegen, damit Ihnen ja kein Unheil zustößt, auf gewohnten Wegen aber eher nicht so achtsam dahinwandeln, weil Sie denken, hier kann Ihnen ohnehin nichts passieren? Aber gerade dann passiert einem meistens etwas. Mir ist es heute jedenfalls wieder einmal so ergangen. Einmal mehr mußte ich die bittere Erfahrung machen, daß ich mich auf gewohnten Wegen nicht leichtsinnig und unkonzentriert bewegen darf.

Das war heute wieder ein Tag! Nach der Arbeit war ich auf dem Weg nach Hause. Da ich diesen Weg schon sehr gut kenne, weil ich ihn schon jahrelang benutze, ging ich in Gedanken versunken, was ich heute noch alles tun wollte und achtete nicht sonderlich auf den Weg. An der Straßenkreuzung zum Jakominiplatz merkte ich, daß die Ampel schon auf Grün zeigte und beeilte mich, über die Straße zu kommen. Einige Meter vor der Kreuzung übersah ich jedoch die letzte Hausecke, die mir dann auch so kräftig die Hand schüttelte, daß meine Haut ganz aufgeschürft wurde.

Ich muß mehr auf der Hut sein, dachte ich. Es ging dann auch eine Zeit lang alles gut. Ich wartete am Jakominiplatz auf den Bus. Der Bus kam und ich stieg ein. Ich fuhr bis zu meiner Haltestelle und stieg wieder aus.

Nun wollte ich aber noch nicht gleich nach Hause gehen, sondern erst etwas einkaufen. Ich dachte während des Gehens angestrengt darüber nach, was ich alles kaufen wollte. Da biß mir plötzlich ein Plakatständer ins Bein, der mitten auf dem Gehsteig stand, und der vorher aber noch nicht dagestanden hatte.

Ich muß wirklich noch viel vorsichtiger sein, dachte ich, sonst kann es noch gefährlich werden.

Als ich aus dem Lebensmittelgeschäft wieder herauskam, bemühte ich mich wirklich, vorsichtiger zu gehen; denn ich ahnte schon, daß "aller schlechten Dinge" drei sein könnten. Ich kam auch glücklich bis fast vor meine Haustüre. Aber bei der letzten Wegbiegung war ich schon wieder in Gedanken versunken. Ich freute mich schon auf die guten, frischen Himbeeren, die ich mir gekauft hatte und die ich bald daheim in Ruhe genüßlich verzehren würde.

Da stand plötzlich mitten auf der Straße ein riesengroßer Lastwagen. Diesmal war ich so vorsichtig, nicht an ihn anzurennen. Er war ja auch so groß, daß ich ihn gar nicht überhören konnte. Auch mein Langstock hatte ihn schon entdeckt. Ich wich auf die Wiese aus und wollte mich ganz schnell und still an dem Lastwagen vorbeidrücken, da gab er mir aber mit seinem großen Rückspiegel einen so kräftigen Hieb auf meine Schulter, daß mein Gelenk noch lange danach knirschte, wenn ich mich streckte. Und zur Strafe für meinen Leichtsinn zogen mich dann auch noch die Sträucher auf der Wiese bei den Ohren... Dann war ich endlich zu Hause.

Ich glaube, in Zukunft werde ich mich nicht mehr so leichtsinnig auf gewohnten Straßen bewegen. Die Himbeeren haben mir aber trotzdem köstlich geschmeckt.

Egon Fast

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© 2001 by Egon Fast, Graz
Erstellt am Do, 19.07.01, 08:01:19 Uhr.
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