Erfahrungen als blinde Mutter /

Erfahrungen und Begegnungen als blinde Mutter

Ich bin 1963 geboren und seit meinem 9 Lebensjahr vollblind. 1980 lernte ich meinen späteren Mann kennen, der damals als Hilfserzieher im Odilien-Institut arbeitete. Nach meiner Abschlussprüfung als Weber verließ ich das Institut und zog sogleich bei seinen Eltern ein. Dies war für meine Eltern nicht leicht zu akzeptieren. Aber da ich nach meiner Fachschulausbildung als Weber dann eine Halbtagsbeschäftigung im Büro der Schuldirektorin erhielt, glätteten sich die Wogen zwischen meinen Eltern und mir relativ rasch. Meine Eltern hegten immer den Wunsch, mit einen älteren reichen Mann zu suchen, der mich versorgt. Diesen Wunsch konnte und wollte ich ihnen nicht erfüllen.

Zwei Jahre nach meiner Halbtagsbeschäftigung (1983) wurde ich schwanger. Diese Schwangerschaft war gewollt und bedeutete für mich viel Freude und Glück. Für meine Eltern war das "die Faust" ins Gesicht. Sofort stellte sich eine ablehnende Haltung meinem Partner und dem werdenden Kind ein, die sich noch viele Jahre hindurch fortsetzte. Heute noch - nach 18 Jahren -, höre ich den Satz meiner Eltern: "Und wennst an Pamper kriagst, brauchst gor net hamkumman. Kannst durt hingehn, wostn gmocht host." Damals schenkte ich diesem Zwischenfall nur wenig Beachtung. Die Freude über meine Schwangerschaft war größer. Auch weiß ich heute, dass meine Eltern ihren Sorgen und Befürchtungen nicht anders Ausdruck verleihen konnten.

Zu den Mutter-KindPass-Untersuchungen ging ich ins Landeskrankenhaus. Ich bat eine ehemalige Lehrerin mich dorthin zu begleiten. Sie erzählte mir, dass es dort einen Arzt gibt, der so lieb und nett ist. Also ging ich - ungefähr in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche - mit ihr zur Untersuchung. Allerdings stellte sich heraus, dass dieser liebe und nette Arzt gar nicht so lieb und nett war! Er sah an meiner Armschleife, dass ich "behindert" bin und fragte mich, ob schon eine Fruchtwasser-Punktion gemacht wurde und ich musste verneinen. Darauf sagte der Arzt: "Naja, wir werden Sie jetzt einmal untersuchen und wenn etwas nicht stimmen sollte, müssen wir etwas unternehmen." Ich bekam es mit der Angst zu tun uns erwiderte: "Ich will auf alle Fälle mein Kind behalten und zur Welt bringen." Auch dieses Mal hatte ich noch nicht das Gefühl oder das Bewusstsein abwertend behandelt worden zu sein.

Fünf Wochen vor dem Geburtstermin wurde ich im Krankenhaus stationär aufgenommen, weil sich sehr viel Wasser in meinem Körper angesammelt hatte und der Blutdruck sehr oft erhöht war. Dort wurde mir eine Diät verordnet, die die Wasserausscheidung anregte und den Blutdruck wieder normalisierte. Zwei oder drei Wochen vor dem Geburtstermin bat ich im Beisein einer anderen Krankenschwester um ein Medikament, weil ich beim Stuhlgang Probleme hatte. Da sagte die Krankenschwester, die nicht angesprochen wurde zu ihrer Kollegin: "Gib ihr ruhig ein stärkeres Mittel, sie hat ja sowieso nicht mehr lange bis zum Geburtstermin." .

Einen Tag vor dem Geburtstermin wurde die Geburt eingeleitet und am 14. Dezember dann um 13:20 Uhr kam mein Sohn Daniel zur Welt. Zum Glück kam ich dann in eine Abteilung die von einer sehr netten und umsichtigen Stationsschwester geführt wurde. Von sich aus suchte sie für mich ein Wochenzimmer aus, welches gleich gegenüber vom Bad und der Toilette lag. So konnte ich mich allein und ohne Hilfe des Personals oder der Zimmerkolleginnen bewegen. Zwei oder drei Tage später kamen meine Eltern und Geschwister mich besuchen. Ich durfte dann ins Babyzimmer und Daniel auf den Arm nehmen und ihn, allerdings durch eine Glastür von den Besuchern getrennt, "herzeigen". Wie ich viel später von meiner Schwester erfuhr, dass meine Mutter meinen Sohn nicht einmal ansah, erfüllte mich dies mit großem Schmerz, und ich konnte mir nicht erklären, weshalb sie so reagierte. Heute verstehe und akzeptiere ich es, dass sie nicht anders konnte. Die Freude über meinen Sohn war größer und so schob ich diese unangenehme Erfahrung ins hinterste Eck meines Bewusstseins.

Nach acht Tagen konnte ich dann gemeinsam mit meinem Sohn das Krankenhaus verlassen. Es war der 22. Dezember 1983.

Zu Hause war schon alles für unseren kleinen Daniel vorbereitet und ein kleiner Christbaum war auch schon geschmückt. Aber von nun an hieß es Ohren steifhalten!

Ich und mein Mann - jung und naiv wie wir waren -, hatten nicht viel Ahnung von einem Alltag mit Baby. In dieser Zeit hatte ich sehr oft das Gefühl, allein auf dieser Welt zu sein, obwohl meine Schwiegermutter sehr liebenswert und hilfbereit uns zur Seite stand. Sehr schnell musste ich mir Tricks und Handgriffe aneignen, um alles unter einen Hut zu bringen. Erschwerend kam hinzu, dass wir in einem alten Haus wohnten und selbst heizen mussten. Und das "stille Örtchen" befand sich auch ausserhalb unserer Wohnung. Mein Mann ging arbeiten und unter Tags war ich auf mich allein gestellt. Da war ich sehr oft der Verzweiflung nahe.

Auch die Fürsorge ließ nicht lange auf sich warten. Es war eine ältere Dame und wollte nachsehen, ob alles in Ordnung sei. Sie war sehr freundlich und zeigte sich sehr interessiert. Sie sah mir beim Füttern und Wickeln zu und staunte, dass alles so gut funktionierte. Sie ging und kam nie wieder.

Daniel wurde lebhafter und interessierte sich für alles. Wenn er ein Spielzeug in die Hand nahm, so konnte ich ihm genau sagen was es ist, da ich es vorher für mich gekenntzeichnet hatte. Bei den Bilderbüchern klebte ich am Rand des Bildes die Beschreibung drauf. So konnte ich ihm sagen, was sich auf dem Bild befand.

Beim Baden hatte ich am Anfang große Angst, weil ich befürchtete, er könnte mir aus den Händen gleiten und ertrinken. Aber auch das funktionierte bald wie am Schnürchen. Vor dem Baden wurde alles peinlich genau hergerichtet, damit ich dazwischen nicht weggehen musste.

Das Füttern mit dem Löffel war sehr schwierig, da Daniel mit den Händen fuchtelte und mir den Löffel samt Essen aus der Hand schlug. Und so landete das Essen nicht in seinem Mund, sondern verteilte sich regelmäßig auf Kleidung, Babywippe und Boden. Aber Not macht erfinderisch und so nahm ich ein großes Tuch (Leintuch oder Badetuch) und band es ihm so um, dass seine Hände unter dem Tuch waren. Daniel war damit überhaupt nicht einverstanden und protestierte dagegen, aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Wenn ich heute daran denke, kann ich darüber lächeln, aber damals war mir ganz und gar nicht zum Lächeln zu mute.

Das Krabbeln und Gehen war eine neue Herausforderung für uns beide. Ich musste immer hinter ihm her sein, um nachzusehen, was er gerade tat. Wenn ich kochte oder den Haushalt in Ordnung brachte, setzte ich ihn entweder in die Gehschule oder in seinen Hochstuhl. Ich gab ihm seine Speilsachen und ich konnte einigermaßen in Ruhe kochen oder andere Tätigkeiten verrichten.

Als er dann größer wurde, konnte ich beim Hinhören schon feststellen, was er gerade machte. Gefährlich wurde es, wenn er ganz still war. So ließ ich alles liegen und stehen und ging auf die Suche nach ihm. Zum Glück war er nie in Gefahr, da ich alle Dinge, die ihm gefährlich werden konnten, in den höheren Fächern verstaute.

Mit Daniel hinausgehen war fast unmöglich, weil wir sehr nahe an einer Bundesstraße Wohnten. Wenn mein Mann nach der Arbeit nach Hause kam, gingen wir mit Daniel spazieren.

Das änderte sich aber bald, da wir in eine neue Wohnung umzogen. Da gab es einen Kinderspielplatz und wenn er in der Sandkiste spielte, setzte ich mich auf eine Bank daneben oder andere Mütter halfen mir dabei, dass Daniel nicht still und heimlich verschwinden konnte.

Natürlich kam dann auch die Zeit, in der Daniel versuchte mich zu testen. Wenn er Gegenstände mit hinausnehmen wollte, die nicht für ihn bestimmt waren, versteckte er sie gekonnt entweder in der Hosentasche, hinter dem Rücken oder legte sie etwas abseits auf den Boden. Als er dann merkte, dass ich trotzdem immer wieder dahinterkam, war es nicht mehr interessant für ihn.

Mit drei Jahren gab ich Daniel in den Halbtags-Kindergarten. Ich lernte mit Hilfe meines Mannes und mit dem Blindenstock den Weg zum Kindergarten und brachte Daniel jeden Tag dorthin und holte ihn auch wieder zu Mittag ab. Inzwischen konnte ich den Haushalt in Ordnung bringen und das Mittagessen bereiten. Das Einkaufen erledigten wir gemeinsam. Wenn wir manchmal am Wochenende ausgehen wollten, übernahm meine Schwiegermutter die Aufsicht unseres Sohnes.

Daniel war sehr oft krank und wir mussten häufig in der Nacht ins Krankenhaus fahren. Die nervliche Belastung wurde so groß, dass es immer häufiger zu Streitereien kam. Wir waren nicht fähig, unsere Sorgen, Gefühle und Gedanken emotionslos zu diskutieren. Uns Hilfe für unsere Situation zu suchen, kam uns damals nicht in den Sinn. Und so kam es im Jänner 1990 zur einvernehmlichen Trennung. Für den Scheidungsrichter war sonnenklar, dass nur mein Mann für die Obsorge in Frage kam. Ich war mit den Nerven so am Boden, dass ich alles über mich ergehen ließ. Etwas später dann realisierte ich erst, was das für mich bedeutete.

Daniel litt sehr in dieser Zeit, denn er wollte uns beide bei sich haben; und das Umfeld trug ebenfalls das Seine dazu bei. Sehr häufig hörte ich Menschen darüber sprechen, die der Meinung waren, dass ein "Sehender" besser ein Kind aufziehen könne, und dass ich undankbar sei. Auch das Gefühl, an allem die alleinige Schuld zu haben, wurde mir des Öfteren vermittelt.

Um für meinen Sohn aus dieser misslichen Lage das Beste zu tun, bestand ich darauf, dass ein Psychologe herausfinden sollte, wo es Daniel mehr hinzog. Das Ergebnis versetzte mir einen Schlag ins Gesicht. Daniel entschied sich für seinen Vater.

Im Herbst kam er in die Schule und hatte große Schwierigkeiten, da er die Scheidung und die neue Lebenssituation noch nicht verarbeitet hatte. Mit Hilfe einer ganz lieben Psychotherapeutin lernte er spielerisch diese einschneidenden Erlebnisse zu verarbeiten. Ein Besuchsrecht wurde festgelegt, und so kam Daniel alle vierzehn Tage übers Wochenende zu mir. Trotz finanzieller Nöte versuchte ich, ihm viel Abwechslung zu bieten. Es kam ab und zu vor, dass er plötzlich mit einer gepackten Reisetasche vor der Tür stand und für einige Zeit bei mir bleiben wollte. Ich brachte ihn jeden Tag zum Schulbus und am Nachmittag half mir eine Nachbarin, die Hausaufgaben zu kontrollieren. Da gab es dann so manche Tränen, wenn er die Aufgabe noch einmal schreiben musste. Die Noten in der Schule verbesserten sich, und auch die Verarbeitung des Erlebten machte große Fortschritte.

Im selben Jahr siedelte ich dann in eine kleinere Wohnung über und musste von vorn beginnen. Ich beantragte ein Mobilitätstraining und begann im Herbst einen EDV-Lehrgang.

Seit acht Jahren schon arbeite ich an der Universitätsbibliothek und die Arbeit ist noch immer sehr interessant und psannend.

Daniel ist inzwischen 17 Jahre alt und macht eine Lehre als Fleischverarbeiter. Wir sehen uns regelmäßig und haben sehr viel Spaß miteinander. Er weiß auch, dass er jederzeit zu mir kommen kann, wenn probleme anstehen.

Wenn Daniel älter ist und die Zeit dazu reif ist, möchte ich ihn vieles fragen und erklären.

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Erstellt am Fr, 27.04.01, 07:52:50 Uhr.
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